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Deutschland / Welt Hessen zeigt sich offen für neue Endlagersuche
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Hessen zeigt sich offen für neue Endlagersuche
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18:58 12.11.2010
Im Brennelemente-Zwischenlager des Kernkraftwerks Biblis in Südhessen steht bislang nur ein einziger, leerer Castorbehälter.
Brennelemente-Zwischenlager des Kernkraftwerks Biblis in Südhessen. Quelle: dpa
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Als erstes südliches Bundesland hat sich Hessen offen gezeigt für eine neue Endlager-Suche, falls der Salzstock im niedersächsischen Gorleben ungeeignet ist. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sagte der „Süddeutschen Zeitung“, man müsse in diesem Fall überall in Deutschland geeignete Endlager suchen. „Es kann ja wohl nicht sein, dass wir das Sankt-Florians-Prinzip zur Grundlage unserer Politik machen“, sagte Bouffier, der damit die Linie von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) unterstützte.

Der Castor-Transport nach Gorleben am vergangenen Wochenende könnte nach Ansicht von Niedersachsens Regierungschef David McAllister (CDU) der letzte seiner Art gewesen sein. Nach den Erfahrungen vom Wochenende plädiere er dafür, zu überprüfen, „ob es Alternativen zu einer Zwischenlagerung des Atommülls in Gorleben geben kann“, sagte ein Sprecher der Staatskanzlei am Freitag in Hannover und bestätigte damit einen Bericht der „Welt“ (Samstag).

Damit distanzierte sich McAllister, von der Planung, nach der im kommenden Jahr ein weiterer Transport aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague nach Gorleben stattfinden soll. Für die Jahre 2014 bis 2017 waren zudem drei bis vier Castor- Transporte vom englischen Sellafield nach Gorleben geplant.

Das Bundesumweltministerium begrüßte Bouffiers Aussage zur Endlager-Debatte als „Zeichen der Solidarität“ und Bereitschaft zur Lastenteilung. Bislang hatten Hessen, Bayern und Baden-Württemberg eine neue Endlager-Suche abgelehnt.

Die Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe hatte in einer Studie vor gut drei Jahren in Bayern und Baden-Württemberg Regionen ausgemacht, die in Frage kommen. Hessen hat keine entsprechenden Gesteinsformationen, die für ein Endlager tauglich sein könnten. Baden-Württemberg und Bayern stemmen sich gegen eine neue Endlager-Suche. So betonte Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU), die Granit- und Tonschichten in Bayern seien zu zerklüftet.

Hoch radioaktiver Atommüll soll in mehreren hundert Meter Tiefe gelagert werden - Deutschland setzt bisher auf Salz. Allerdings gibt es Zweifel, ob Gorleben sicher genug ist gegen Wassereinbrüche; zudem bereiten mögliche Gasvorkommen Sorge. Die Atomindustrie hält den seit 1977 diskutierten möglichen Endlagerort für geeignet. In die Untersuchung Gorlebens wurden bisher 1,5 Milliarden Euro investiert.

Röttgen will zunächst Gorleben ergebnisoffen erkunden lassen. Bis 2017 könnte dieser Prozess mindestens dauern. Das Umweltministerium lässt aber auch andere Gesteinsformationen wie Ton oder Granit zumindest untersuchen. Die Opposition kritisiert, dass nicht jetzt schon - ähnlich wie in der Schweiz - in einem transparenten und offenen Verfahren parallel mehrere Standorte geprüft werden. Minister Röttgen will andere Endlagerstandorte erst prüfen lassen, wenn sich der Ort im Wendland als ungeeignet herausstellt - nichts anderes hat nun auch Bouffier gesagt.

Neben der Endlager-Debatte gibt es nach den Vorstößen aus Niedersachsen Überlegungen, Castor-Transporte mit hoch radioaktivem Atommüll nach Gorleben zu minimieren. In Gorleben war am Dienstag unter großem Protest im oberirdischen Zwischenlager der zwölfte Castor-Transport eingetroffen. Es liegt nur einige hundert Meter entfernt vom möglichen Endlager. Die Menschen fürchten, dass mit jedem Transport weitere Fakten für ein Endlager geschaffen werden.

Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) hatte einen Greenpeace-Vorschlag aufgegriffen und eine Atommüll-Lagerung bei Atomkraftwerken in Hessen oder Baden-Württemberg vorgeschlagen. Dort wird aber betont, dass die Lager für die Aufnahme von deutschem Müll, der im Ausland aufgearbeitet worden ist, keine Betriebsgenehmigung hätten; zudem gebe es nicht genug Stellplätze.

Die Fraktionschefin der Grünen im Europaparlament, Rebecca Harms, verlangte eine Übersicht über alle Lagerkapazitäten in den zwölf Zwischenlagern bei Atomkraftwerken, die aber kleiner sind als das zentrale Zwischenlager in Gorleben. „Die Initiative ist grundsätzlich zu begrüßen“, sagte Harms. So würde der Druck auf Gorleben als Endlagerstandort verringert, das Verursacherprinzip beim Atommüll stärker berücksichtigt und der Ansatz einer Lastenteilung unter den Bundesländern eingeführt“, sagte Harms, die im Wendland verwurzelt ist und seit Jahren gegen ein Endlager in Gorleben kämpft.

dpa