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Deutschland / Welt Hitlers Diplomaten waren systematisch an Judenverfolgung beteiligt
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Hitlers Diplomaten waren systematisch an Judenverfolgung beteiligt
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08:43 29.10.2010
Von Kristian Teetz
Das Auswärtige Amt ist ein Ministerium mit problematischer Geschichte. Quelle: dpa
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Drei Tage nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 lädt Reichsluftfahrtminister Hermann Göring zu einer Konferenz ein. Mehr als 100 Teilnehmer, darunter viele Minister und hohe Beamte, beraten über „antijüdische Maßnahmen“. Göring hält eine Rede, erklärt, Adolf Hitler habe ihn beauftragt, „dass die Judenfrage jetzt einheitlich zusammengefasst werden soll und so oder so zur Erledigung zu bringen ist“. Gleich im Anschluss an Görings Tirade meldet sich der Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amtes (AA), Ernst Woermann, zu Wort und fordert: „Ich würde bitten, dass das AA im Einzelfalle beteiligt wird.“ Göring weicht aus. Woermann legt nach: „Ich möchte jedenfalls den Anspruch des AA auf Beteiligung anmelden.“ Nach längerer Diskussion zeigt sich Woermann erleichtert: „Also die Zusage der generellen Beteiligung des AA ist damit gegeben?“

Dieses Beispiel ist nur eines von vielen, mit denen das knapp 900 Seiten starkeWerk „Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“ belegt, dass das Auswärtige Amt viel stärker als bisher bekannt aktiv an der Vernichtung der europäischen Juden beteiligt war. Das Buch ist das Ergebnis der knapp fünfjährigen Arbeit einer internationalen Historikerkommission um den Marburger Professor Eckart Conze, die der damalige Außenminister Joschka Fischer im Jahr 2005 eingesetzt hatte.

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Dass das Außenministerium an der nationalsozialistischen Rassenpolitik beteiligt war, kann zunächst einmal kaum überraschen. Schon deshalb nicht, weil Außenminister Joachim von Ribbentrop zu den im Nürnberger Prozess verurteilten Hauptkriegsverbrechern gehörte. Und der englische Historiker Christopher Browning beschreibt in seinem Buch „Die ,Endlösung‘ und das Auswärtige Amt – Das Referat D III der Abteilung Deutschland 1940–1943“ ausführlich, dass das Amt maßgeblichen Anteil an den Deportationen der Juden hatte. Aber das Ausmaß und vor allem die Tatsache, dass die Diplomaten aus eigenem Antrieb und nicht nur auf Befehl handelten, hat sogar die Forscher überrascht und entsetzt. Zumal sich bis heute der Mythos hartnäckig hält, das diplomatische Korps habe die Politik Hitlers hintertrieben oder zumindest ihre Folgen abgeschwächt.

Die Forscher können sich bei ihrer Arbeit auf Quellen stützen, die erstmals vom Außenministerium freigegeben worden waren. Die Argumente dafür, dass das AA eine „verbrecherische Organisation“ (Conze) genannt werden kann, sind stichhaltig: Die Forscher weisen nach, dass Ernst Freiherr von Weizsäcker, damaliger Botschafter in der Schweiz und Vater des späteren Bundespräsidenten, maßgeblichen Anteil an der Ausweisung Thomas Manns hatte. Und von Weizsäcker sagt bereits 1938 – vier Jahre vor der Wannsee-Konferenz – den bemerkenswerten Satz: „Die Juden müssen Deutschland verlassen, sonst gehen sie eben über kurz oder lang ihrer vollständigen Vernichtung entgegen.“

1939 verfasst Emil Schumburg, Leiter des „Judenreferats“, einer Schnittstelle zwischen dem Amt an der Berliner Wilhelmstraße 75 und dem Reichssicherheitshauptamt, ein Memorandum, wonach der Antisemitismus global so weit verstärkt werden solle, dass die Welt irgendwann gemeinsam mit Deutschland nach einer „Lösung“ für die Juden sucht.

Als Adolf Eichmann 1942 die Genehmigung des Außenministeriums benötigt, um 6000 französische Juden nach Auschwitz zu deportieren, bekommt er sie ohne Probleme. Die Unterzeichner des Dokuments sind neben von Weizsäcker Martin Luther, Chef der Deutschland-Abteilung im AA, und der bereits genannte Ernst Woermann. Und: 60 Prozent der Attachés, also der Anwärter auf den diplomatischen Dienst, sind 1939 Mitglied der SS.

Die Liste der Beispiele ließe sich mühelos erweitern. Wer all dies liest und nach rund 300 Seiten zum zweiten Teil des Buchs gelangt, in dem es um die Geschichte des Amts nach 1945 geht, will von der Bestrafung der Täter wissen, von Gerichtsurteilen und der Rehabilitierung all derer, die den Dienst nach 1933 quittierten oder entlassen wurden. Doch er findet nichts. Er stößt dafür auf ein riesiges Leugnen der historischen Fakten, mit dem die Diplomaten jede Verantwortung für die Verbrechen im Nationalsozialismus von sich wiesen. Auf die Frage, was ihn am meisten erschüttert habe, antwortet Eckart Conze: „Das schiere Ausmaß, in dem die nationalkonservative Oberschicht kooperierte und kollaborierte. Und wie sie nach 1945, im Bewusstsein der historischen Schuld, mit allen Mitteln versuchte, sich reinzuwaschen – publizistisch, vor Gericht und politisch.“

Mit welcher Systematik die Diplomaten in der Bundesrepublik vorgingen, offenbart die Zentrale Rechtsschutzstelle (ZRS), die seit 1953 an das Auswärtige Amt angegliedert war. Ursprünglich sollte sie Deutschen, die im Ausland als Kriegsverbrecher angeklagt waren, Rechtsschutz gewähren. Unter Leitung von Hans Gawlik, ehemaliger Breslauer Gaurichter und NS-Staatsanwalt, entwickelte sich die ZRS aber zu einem Informationsdienst für Kriegsverbrecher. Mithilfe dieses „Warndienstes West“ wurden Täter wie Klaus Barbie und Kurt Lischka und viele andere über Haftbefehle informiert und davor gewarnt, in bestimmte Länder zu reisen. Diesen Warndienst deckte der „Nazi-Jäger“ Simon Wiesenthal 1968 auf. Seitdem sind die Listen verschwunden.

Fast alle Diplomaten gaben in den fünfziger und sechziger Jahren in Gerichtsverfahren an, erst nach dem Krieg vom Holocaust erfahren zu haben. Auch diese Sicht revidieren die Forscher. Vor allem ein Dokument spricht für sich: Als der Leiter des „Judenreferats“, Franz Rademacher, 1941 nach Belgrad reist, gibt er als Reisezweck an: „Liquidation von Juden in Belgrad“. Eine solche Reisekostenabrechnung wandert durchs Amt, vom Vorgesetzten, der sie abzeichnen muss, bis hin zum Buchhalter. Zumindest behördenintern war die Vernichtung der Juden bekannt.

Davon zeugt auch ein weiterer Fund der Historikerkommission: Während ihrer Ausbildung gab es seit 1936 drei „Höhepunkte“ für die Attachés: eine Rede Adolf Hitlers auf dem Obersalzberg, ein Besuch in einer psychiatrischen Anstalt (wegen der Gesetzgebung zur Euthanasie) und ein Besuch des Konzentrationslagers Dachau. Jeder Attaché habe gewusst, was ein KZ ist, sagt Conze. Und: Von den bis zu 6000 Mitarbeitern des Amts seien die allermeisten am Holocaust beteiligt gewesen. Viele von ihnen fanden auch in der Bundesrepublik Arbeit und Anerkennung im diplomatischen Dienst. Von den Widerständlern fand nach 1945 nachweislich kein einziger zurück an eine verantwortliche Stelle.

Eine große Rolle bei der bisherigen historischen Nichtaufklärung der Rolle des Außenministeriums im Dritten Reich spielte dessen Archiv, das Dokumente und Quellen zumeist nicht zur Verfügung stellte. Diese alten Verhaltensmuster scheinen auch heute noch Bestand zu haben, denn die Historikerkommission greift dieses Archiv im Nachwort an. Trotz der „seitens der Führung des AA vertraglich zugesicherten Erleichterungen“ könne die Kommission nicht sicher sein, „wirklich alle für ihre Arbeit wesentlichen Unterlagen zu Gesicht bekommen zu haben“. Der Abschlussbericht der Kommission, der durch das Lektorat von Thomas Karlauf ein stilistisch hervorragend geschriebenes Buch geworden ist, bildet vielleicht gar keinen Abschluss, sondern erst den Anfang der Geschichte des Amts.

Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann: „Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“. Blessing. 879 Seiten. 34,95 Euro.