Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Trauermarsch als Machtdemonstration
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Trauermarsch als Machtdemonstration
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:38 18.03.2019
Die Beisetzung des Neonazis Thomas Haller hat in Chemnitz einen Großeinsatz der Polizei ausgelöst. Knapp tausend Besucher nahmen am 18. März 2019 an einem Trauermarsch teil, darunter viele aus der Hooligan-Szene. Quelle: Dirk Knofe - Picturework.eu
Anzeige
Chemnitz

Knapp 1000 Menschen haben am Montag in Chemnitz von dem jüngst verstorbenen Neonazi Thomas Haller Abschied genommen. Der Gründer des berüchtigten rechtsextremen Netzwerks HooNaRa ("Hooligans, Nazis, Rassisten") wurde am frühen Nachmittag auf dem Friedhof der St.-Michaelis-Kirche im Stadtteil Altchemnitz beigesetzt. Haller, neben seiner einflussreichen Tätigkeit in der rechtsradikalen Fanszene des Chemnitzer FC auch jahrelang Chef der Stadionsecurity des Vereins, war Anfang März an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.

Bereits am Vormittag hatte sich auf dem Parkplatz eines nahen Einkaufszentrums ein Trauerzug gebildet, der nach Schätzungen der Polizei allmählich auf 800 bis 1000 Menschen anwuchs. „Unter den Teilnehmern waren neben zahlreichen Personen aus dem gewaltbereiten Fußballumfeld auch Zugereiste aus dem Bundesgebiet, den osteuropäischen Nachbarländern und der Schweiz“, sagte Polizeisprecherin Jana Ulbricht gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Eine Mobilisierung Tausender Hooligans aus dem In- und Ausland, so wie es die Behörden im Vorfeld befürchtet hatten, blieb allerdings aus.

Anzeige

Szenekleidung von Thor Steinar und Yakuza

Schweigend zog der Trauermarsch der Hooligans eine Chemnitzer Ausfallstraße entlang. Stumm blinkten die Blaulichter der Polizei-Mannschaftswagen, während sich die einschlägig gekleideten Teilnehmer einen knappen Kilometer zum Chemnitzer Michaelis-Friedhof bewegten. Man trug Sonnenbrillen, grimmige Mienen und Szene-Kleidung von Thor Steinar und Yakuza, zudem Blumen und Gestecke. Auf einer Schleife prangte ein Reichsadler ein Eisernes Kreuz in der Mitte. „Möge die Heimaterde dir leicht sein“, stand auf der Schleife. Politisch kann das alles nicht eindeutiger sein.

Vor dem Eingang zum Friedhof bleibt der Trauerzug stehen, im Blick der Kamerateams und einer Berliner Polizei-Hundertschaft in Schutzausrüstung. Der Videowagen der Polizei filmt, die Journalisten sowieso, und die Hooligans schweigen weiter. Eine Straßenbahn fährt in die Haltestelle. Die Senioren am Fenster recken die Köpfe. „Das sind doch ganz friedliche Menschen, die dort trauern“, sagt eine von ihnen und wirkt erleichtert.

„Haben wir uns von einem Nazi beschützen lassen?“

Ein Chemnitzer schaut ebenfalls mit Wohlwollen auf die wartenden Hooligans. Er sagt: „Thomas Haller hat viel für Chemnitz getan. Er hat für Sicherheit und Ordnung gesagt. Und nun verunglimpft ihn die Stadt als Nazi. Haben wir uns von einem Nazi beschützen lassen?“ Antworten auf diese Frage interessieren den Mann nicht.

Neben ihm steht der Hooligan-Experte Robert Claus. Er scannt die Gruppe, hat schon Dortmunder und Berliner Hooligans unter den Trauernden entdeckt. Wie soll es jetzt weitergehen beim Chemnitzer FC? „Der Verein hat immer nur symbolische Aktionen gemacht“, kritisiert Claus. „Er braucht jetzt eine vernetzte Fanarbeit zwischen Club, Fanprojekt und Polizei.“ Wer das aber beim krisengeschüttelten CFC leisten soll, kann Claus nicht sagen. Er spricht von einer „etablierten toxischen Mischung“ von Hooligans, Neonazis, Security- und anderen Unternehmen.

Polizei war auf Deeskalation aus

In den Marsch selbst griff die Polizei nicht ein. „Da die Trauer hier im Vordergrund stand, gab es für uns keinen Anlass“, sagte Ulbricht. Im Falle einer Eskalation seien die Kollegen aber gewappnet gewesen.

Lesen Sie auch: Chemnitz, die Stadt des Unbehagens

Auch als etwa 20 vermummte Personen hinzustießen, blieben die Polizei defensiv – da kein Demonstrationsrecht vorlag. Als der Sarg des verstorbenen Neonazis am Nachmittag den Friedhof erreichte, mussten die Beamten dann trotzdem kurz einschreiten. Einige Begleiter nutzten die Situation, um verbal auf Journalisten loszugehen und diese mit Drohgebärden zum Verschwinden zu nötigen. „Bis auf diese kurze Auseinandersetzung blieb es insgesamt allerdings störungsfrei“, so die Behördensprecherin weiter.

Beisetzung geschützt von der Öffentlichkeit

Die Beisetzung des Neonazis fand am frühen Nachmittag geschützt von der Öffentlichkeit im hinteren Teil des Friedhofs statt. Anschließend verließen die Teilnehmer den Friedhof in kleinen Gruppen – so wie sie gekommen waren.

Bereits Anfang März hatte eine Trauerfeier für den bekannten Neonazi im Stadion des Chemnitzer FC bundesweit für Aufsehen gesorgt. Beim Regionalliga-Spiel gegen den VSC Altglienicke zeigten die Fans nicht nur eine Choreografie in Gedenken an Thomas Haller, sondern wurde dem Rechtsextremen auch mit einer Trauerbotschaft auf der Anzeigentafel und mit einer Stadiondurchsage gedacht. Nicht zuletzt zeigte CFC-Stürmer Daniel Frahn beim Torjubel ein T-Shirt mit der Aufschrift „Support Your Local Hooligan“. Das Textil wird der Gruppe HooNaRa zugeordnet.

Von Matthias Puppe und Jan Sternberg/RND