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Deutschland / Welt Hunderttausende Senioren haben ein Suchtproblem
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11:53 29.12.2011
Foto: „Meist bleibt die Sucht über viele Jahre unerkannt“: Bei allein lebenden älteren Menschen ist die Suchtgefahr noch höher als im Altenheim.
„Meist bleibt die Sucht über viele Jahre unerkannt“: Bei allein lebenden älteren Menschen ist die Suchtgefahr noch höher als im Altenheim. Quelle: fotolia/Kröner
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Hannover

Das Paar zog sich immer mehr zurück, nahm kaum noch am gesellschaftlichen Leben in dem Seniorenheim teil – bis die Pfleger Alarm schlugen: Mit den beiden werde es langsam schwierig, das Paar trinke zu viel, und beide schluckten täglich Schlafmittel.

Dorothée Wiedehold kennt einige solcher Fälle. Es komme öfter vor, dass Angehörige verstört um Hilfe bäten, weil ihre Eltern trinken, berichtet die Pflegedienst­expertin des Eilenriedestifts: „Wenn ältere Menschen keine Aufgabe mehr haben, fühlen viele sich wertlos, einfach zu nichts mehr nütze.“ Auch nach einem schweren Verlust, meist dem Tod des Partners, flüchteten sich manche in die Sucht. „Einsamkeit, Hilflosigkeit und Langeweile sind im Alter eine größere Bedrohung als der Herzinfarkt“, betont Wiedehold. Mit Alkohol und Tabletten wollten viele diese Gefühle betäuben.

Auch Prof. Klaus Hager, Leiter der Klinik für medizinische Rehabilitation und Geriatrie im Henriettenstift Hannover, kennt viele ältere Menschen mit Suchtproblemen. So trank ein 80-Jähriger nach Angaben seiner Ehefrau bis zu drei Flaschen Wein am Tag, bevor er zum Entzug in die Klinik kam. „Auch alte Damen sitzen häufig hier und trinken jeden Tag ihren Wein oder Sekt“, berichtet der Mediziner. Viele andere Senioren nähmen regelmäßig Schlaf- oder Beruhigungsmittel.

Medikamentenabhängigkeit und Alkoholsucht im Alter werden häufig unterschätzt. Experten wie die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), sind besorgt über die Zunahme an Suchtkranken unter den Älteren. Untersuchungen zeigten, dass schätzungsweise 400.000 der über 60-Jährigen unter Alkoholsucht litten, sagt Dyckmans. Jeder siebte Pflegebedürftige habe ein Alkohl- oder Medikamentenproblem. „Das sind alarmierende Zahlen“, sagte Dyckmans jetzt der „Frankfurter Rundschau“. Besonders der unkontrollierte Konsum von Schlaf- und Beruhigungsmitteln sei für ältere Menschen gefährlich. Zusammen mit Alkohol wirkten die Mittel stärker, die Suchtgefahr steige.

Schwer zu erkennen

Nach Einschätzung der Drogenbeauftragten wird der Trend sich fortsetzen. Weil die Menschen immer älter werden, werde die Zahl der Betroffenen in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Dyckmans will das Problem der Sucht Älterer zu einem Schwerpunkt der neuen nationalen Drogen- und Suchtpolitik der Bundesregierung machen. Vor allem das Pflegepersonal sowie Ärzte und Apotheker müssten stärker sensibilisiert werden. Der Plan, der das Programm aus dem Jahr 2003 ablösen soll, werde im kommenden Jahr vorgelegt, kündigte Dyckmans an. 

Alkohol- oder Medikamentensucht seien nur schwer zu erkennen, räumt der Leiter des AWO-Seniorenzentrums in Hannover-Linden, Stefan Hübner, ein. In seinem Haus gebe es damit wenig Probleme, man sei aber auch nicht auf das Thema spezialisiert. Ähnliches ist aus anderen Einrichtungen zu hören. Das Erlernen von Strategien im Umgang mit Abhängigen scheint noch eher die Ausnahme zu sein.

Dabei bestätigen die aktuellen Zahlen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen die Suchtprobleme bei älteren Menschen. Danach nahmen Alkoholvergiftungen von 2000 bis 2009 zwar in allen Altersgruppen zu – doch bei den über 65-Jährigen sind sie um erschreckende 180 Prozent gestiegen. Auch die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sprechen eine deutliche Sprache. So wurden 2010 12 345 über 60-Jährige wegen einer Alkoholvergiftung in einer Klinik behandelt. 2009 waren es fast 400 weniger. Relativ stabil sind hingegen die Zahlen bei den Klinikaufenthalten wegen einer Schlafmittelvergiftung: 2009 wurden 551 über 60-Jährige eingeliefert, 2010 waren es 546.

„Meist bleibt die Sucht über viele Jahre unerkannt“, sagt Michael Hettich, der die Suchtklinik des Klinikums Wahrendorff bei Hannover leitet. Dort arbeiten Ärzte, die auf Entzugstherapien für ältere Menschen spezialisiert sind und den Senioren auf dem Weg in ein Leben ohne Suchtmittel helfen. Aber warum ist das Bedürfnis nach Alkohol, nach Medikamenten, nach Betäubung überhaupt so überwältigend?

Zu wenig Beachtung

Die Gründe für eine Sucht seien vielfältig, sagt Hettich. Manchen Menschen sei zum Beispiel nicht bewusst, dass das Schlafbedürfnis im Alter nachlässt und sechs Stunden Schlaf pro Nacht völlig ausreichen. „Sie denken dann, sie hätten Schlafstörungen und nehmen regelmäßig Schlafmittel“, berichtet der Psychiater. Aber auch körperliche und seelische Beschwerden könnten Gründe sein, sich das Leben mit ein paar Gläsern Alkohol zu erleichtern: „Vor allem Männer trinken oft auch, um eine Depression zu kaschieren.“

Und dann ist da noch die Einsamkeit. Bei Alleinlebenden ist die Suchtgefahr, so glauben Experten, höher als im Seniorenheim. Dort finden die Bewohner, wenn sie es denn wollen, immer Gesellschaft. Älteren Singles hingegen fehlen meist soziale Kontakte. „Immer weniger gehen noch in die Kirche oder sind Mitglied eines Vereins“, hat Pflegefachfrau Wiedehold beobachtet. „Um sich zu trösten, beginnen die Menschen zu trinken.“

„Allen Süchtigen gemeinsam ist, dass sie sich nicht abhängig fühlen“, sagt Altersmediziner Hager. Deshalb sei beim Umgang mit alkoholkranken oder tablettensüchtigen Senioren Fingerspitzengefühl gefragt. „Wenn jemand sonst gut beieinander ist, setze ich den Alkohol im hohen Alter nicht einfach ab. Aber wenn Krankheitssymptome dahinterstecken, müssen wir eingreifen.“ Angetrunkene Menschen stürzen häufiger und schwerer – und Alkohol kann eine bereits bestehende Demenz verschlechtern.

Im Fall des Ehepaares im Eilenriedestift hat Pflegeexpertin Wiedehold sofort reagiert. In einem offenen Gespräch mit den Betroffenen kam heraus, dass ein Bekannter das Paar mit Alkohol und Tabletten versorgte. „So etwas muss man sofort unterbinden“, sagt Wiedehold. Den Betroffenen aber müsse man, um dem Leben wieder Sinn zu geben, eine neue Aufgabe geben. Dies könne ein Ehrenamt sein, der Besuch eines Sprachkurses oder andere Gruppenangebote.

Altersmediziner Hager bemängelt, das Thema Sucht bei Älteren finde noch zu wenig Beachtung. Er begrüßt daher die Initiative der Bundesdrogenbeauftragten. Ein generelles Alkoholverbot in Altenheimen lehnt der Geriater jedoch ab. „Ein Glas Wein zum Essen gehört auch zur Lebensqualität“, sagt er. Für sinnvoller hält er eine umfassende Aufklärung der Senioren und ihrer Angehörigen sowie speziell ausgebildete Suchtberater als Anlaufstelle für Betroffene.  

Nicola Zellmer und Margit Kautenburger