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Deutschland / Welt US-Geisel Kassig soll enthauptet worden sein
Nachrichten Politik Deutschland / Welt US-Geisel Kassig soll enthauptet worden sein
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00:15 18.11.2014
Von Stefan Koch
Foto: Offenbar vergeblich haben Kollegen des Entwicklunghelfers Peter Kassig um seine Befreiung gekämpft. Der Ex-Soldat soll von der Terrormiliz IS enthauptet worden sein.
Offenbar vergeblich haben Kollegen des Entwicklunghelfers Peter Kassig um seine Befreiung gekämpft. Der Ex-Soldat soll von der Terrormiliz IS enthauptet worden sein. Quelle: Reuters
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Washington

Peter Kassig wollte den notleidenden Menschen in Syrien zur Seite stehen. Auf eigene Faust reiste er in den Semesterferien in das Kriegsgebiet, gründete eine Hilfsorganisation und arbeitete als Rettungssanitäter. Er wollte ein Zeichen setzen, hatte Peter Kassig mehrfach gesagt. Die Dschihadisten haben für solche Mitmenschlichkeit nichts als Verachtung übrig: Offenbar haben die Milizen des „Islamischen Staates“ (IS) den Amerikaner enthauptet – ebenso wie Dutzende Angehörige der syrischen Luftwaffe.

Noch fehlt die letzte Gewissheit. Aber die Sicherheitskreise in Washington gehen davon aus, dass der 26-Jährige ebenso geköpft wurde wie die US-Journalisten James Foley und Steven Sotloff sowie die Briten David Haines und Alan Henning. Wie bei den anderen Opfern brüsten sich die Täter mit einem menschenverachtenden Video im Internet: Ein vermummter Terrorist steht neben einem blutigen Kopf, der abgeschlagen im Sand liegt. Im jüngsten Fall drohen die sunnitischen Extremisten zwar nicht mit weiteren Hinrichtungen, aber unmissverständlich damit, ihren Kampf auszuweiten. Anders als in früheren Videos werden jetzt Schiiten ausdrücklich als Gegner bezeichnet.

Die Frontverläufe sind kaum noch nachzuvollziehen. So soll sich im Fall von Peter Kassig sogar ein hochrangiges Al-Qaida-Mitglied für dessen Freilassung eingesetzt haben. Wie es in unbestätigten Berichten heißt, soll der Terror­ist zuvor von Kassig medizinisch versorgt worden sein. Aber in der Welt des IS geht es nicht um individuelles Verhalten oder individuelle Schuld. Es geht nur um „wir oder ihr“.

Viele Details über Kassigs letzte Monate lassen sich noch nicht von unabhängigen Stellen überprüfen. Aber es gibt viele Menschen, die Peter Kassig beeindruckt und bewegt hat.

Kaum hatte der junge Mann aus Indiana die Schule verlassen, ging er zur Armee und wurde drei Monate später vom 75. Ranger Regiment angenommen, einer legendenumwobenen Eliteeinheit. Nach einem mehrmonatigen Kampfeinsatz als Infanteriesoldat im Irak wurde er aus gesundheitlichen Gründen ehrenhaft aus den Streitkräften entlassen. Kassig schrieb sich kurz darauf an der politikwissenschaftlichen Fakultät der privaten Butler Universität in seinem Heimatstaat ein, doch sein früheres Einsatzgebiet ließ ihn nicht los. Mehrfach reiste er in den Mittleren Osten und versuchte, den Opfern des Kriegs in Syrien mit eigenen Händen zu helfen.

So gehörte er zu einem Rettungsteam, das Verwundete – Kämpfer wie Zivilisten – aus den umkämpften Städten Syriens barg. Später transportierte er Hilfsgüter über die türkisch-syrische und die libanesisch-syrische Grenze. Seinem eigenen Land warf Kassig mangelnde Hilfsbereitschaft vor: „Mit meinem eigenen Einsatz will ich den Menschen in meiner Heimat zeigen, dass wir mehr Engagement in diesem zerrütteten Teil der Welt zeigen sollten“, sagte er 2012 in einem CNN- Interview.

Wie tief seine Sympathie für die arabische Welt ging, zeigte sich auch in religiösen Fragen: Nach Aussagen seiner Eltern beschäftigte er sich bereits vor seiner Geiselnahme im September 2013 intensiv mit dem Islam. Später trat er offiziell zum muslimischen Glauben über und nannte sich fortan Abdul-Rahman. Seine Henker schien dieser Sinneswandel nicht sonderlich zu beeindrucken. Sie nennen ihr Opfer in ihrem Video weiterhin mit seinem Geburtsnamen. Und der Mörder sagt: „Peter Kassig hatte nicht viel zu sagen.“

Eine Aussage, die in Washingtoner Ermittlerkreisen am Sonntag so übersetzt wird: Der frühere Soldat wurde offenbar auch deshalb umgebracht, weil er für die „IS“ keinen finanziellen Gewinn bringt. Geiseln aus den meisten europäischen Staaten, für die offenbar Lösegeld gezahlt wird, werden freigelassen. Amerikanern und Briten droht dagegen der Tod – da sich sowohl Washington als auch London weigern, einen Handel mit Terroristen einzugehen.

Der Mord an dem jungen Mann dürfte die Debatte in den USA weiter befeuern, wie dem Terrorregime im Nahen Osten möglichst schnell ein Ende gesetzt werden könnte. Das Pentagon setzt nicht auf eine erhöhte Militärpräsenz. Generalstabschef Martin Dempsey betonte zwar bei einer Stippvisite im Irak, dass der Einsatz von US-Bodentruppen nicht ausgeschlossen werden sollte. Präsident Barack Obama allerdings will bisher an seinem Kurs festhalten, irakische und kurdische Soldaten durch eigene Truppen nur ausbilden zu lassen.

Über eine ganz andere Strategie wird derweil in New York nachgedacht. Ein Team der UN arbeitet mit Hochdruck daran, die Finanzströme des IS offenzulegen und beteiligte Firmen mit Sanktionen zu belegen. Die Milizen hätten nicht nur 40 000 aktive Kämpfer zu versorgen, sondern auch acht Millionen Sunniten, die in ihrem Herrschaftsbereich leben. Das Gebilde ist auf hohe Einnahmen angewiesen, um einen Aufstand der Bevölkerung zu verhindern. Wie es in UN-Kreisen heißt, könnte dem Sicherheitsrat noch in diesem Monat eine Liste von Geschäftsleuten vorgelegt werden, die mehr oder weniger direkt mit den IS-Milizen Handel treiben. Dazu sagte ein UN-Mitarbeiter am Wochenende: „Wenn wir die Finanzströme der Terroristen trockenlegen, gewinnen wir diesen Kampf schneller als jedes Militär.“ Das gewaltlose und zugleich effektive Vorgehen gegen die Milizen wäre wohl auch im Sinne von Peter Kassig gewesen.