Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt ISAF steht am Hindukusch „mit dem Rücken zur Wand“
Nachrichten Politik Deutschland / Welt ISAF steht am Hindukusch „mit dem Rücken zur Wand“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:44 19.09.2009
Anzeige

„Wir müssen das Ruder mit aller Macht herumreißen, sonst ziehen wir den Kürzeren“. So ein „unglückliches Vorgehen, wie es die Bundeswehr am 4. September in Kundus gezeigt hat, darf nicht wieder vorkommen“, meinte der US-Offizier.

Nach ddp-Informationen will der neue Oberkommandierende für die ISAF-Truppen, US-General Stanley McChrystal, am 6. Oktober, also neun Tage nach der Bundestagswahl, mit seinem Stab Berlin besuchen. In der afghanischen Hauptstadt Kabul wurde bereits darauf hingewiesen, dass McChrystal schon dabei sei, das Oberkommando der ISAF nach „amerikanischen Prinzipien neu zu strukturieren“. Besonders McChrystal fordert eine neue Strategie für den Kampf gegen die Taliban. Einzelheiten darüber wurden noch nicht bekannt.

Anzeige

Offiziere der Bundeswehr sprechen schon von einer „totalen Amerikanisierung“ des ISAF-Einsatzes. Aus Geheimdienstkreisen war zu erfahren, die Amerikaner wollten „wesentlich mehr Befehlsstränge an sich ziehen, um das Vorgehen gegen die Taliban ausschließlich nach ihren Vorstellungen zu gestalten“.

Darüber hinaus hat McChrystal nach Darstellung von Offizieren des Pentagon in einem Geheimpapier Präsident Barack Obama wissen lassen, dass es ohne eine erhebliche Aufstockung der US-Truppen und der NATO-Einheiten in Afghanistan „keinen positiven Ausgang“ des Einsatzes am Hindukusch geben könne. Es wird erwartet, dass McChrystal bei seinen Gesprächen in Berlin “ähnliche Überlegungen“ vorbringen wird. Die Bundesregierung hat bisher jede Erhöhung der Truppenstärke über die vom Bundestag gebilligten 4500 Mann abgelehnt. In Berlin wird jedoch „unter dem „Druck der USA“ eine Aufstockung um 1000 Mann nicht mehr “ ganz ausgeschlossen“, war zu hören.

Washington will bis Ende des Jahres seine Truppen auf 68.000 Mann erhöhen. Der Chef des Generalstabes, Mike Mullen, hat aber schon eine weitere Verstärkung der amerikanischen Truppen befürwortet. Auch Verteidigungsminister Robert Gates zeigte sich „offen“ für eine weitere Truppenaufstockung. Es ist die Rede von 20.000 Soldaten, wenn nicht sogar bis zu rund 40 000. Mit Aufstockungen der anderen NATO-Truppen könnte die Zahl der Soldaten am Hindukusch dann auf weit über 100.000 steigen, wurde von Pentagon-Offizieren erläutert. Vor allem müsse die Zahl der Kampfsoldaten, der Infanteristen, erheblich erhöht werden.

In der amerikanischen Bevölkerung zeichnet sich allerdings angesichts der hohen Verluste zunehmend eine Kriegsmüdigkeit ab. Der Juli und August waren bislang die tödlichsten Monate für die US-Streitkräfte in Afghanistan: 96 Soldaten verloren ihr Leben, 45 im Juli und 51 im August. Insgesamt hat der fast achtjährige Krieg seit seinem Beginn am 7. Oktober 2001 bei den Amerikanern 827 Opfer gefordert. Im Kongress werde es Obama sehr schwer haben, weitere Truppenverstärkungen durchzusetzen, heißt es in Washington.

Vertreter westlicher Geheimdienste sehen neben der ständig wachsenden Gefahren durch die Taliban, die weit über 80 Prozent Afghanistans „mehr oder minder“ beherrschten, eine weitere „enorme Gefahrenquelle“ durch die offensichtlichen Fälschungen bei der Präsidentenwahl vom 20. August. Der Herausforderer des bisherigen Präsidenten Hamid Karsai, Abdullah Abdullah, warnte in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vor „dramatischen Folgen“. Er machte Karsai für die Fälschungen verantwortlich und bezichtigte ihn des „Hochverrats“. Wenn eine „illegitime Regierung“ unter Karsai weitere fünf Jahre an der Macht bliebe, würde „das die Taliban weiter stärken“, betonte Abdullah.

Nach Angaben der EU-Wahlbeobachter sind 1,5 Millionen der 5,5 Millionen Stimmen, die bis kurz vor der Verkündung des vorläufigen Endergebnisses ausgezählt waren, von Manipulationen betroffen. Sie müssen alle überprüft werden. Schon in der Überprüfungszeit befürchten amerikanische und deutsche Geheimdienstler Demonstrationen der Anhänger der Wahlkontrahenten. Die ISAF-Soldaten könnten dabei zwischen die Fronten geraten. Die Taliban könnten diese Situation zu noch intensiveren Angriffen auf die internationalen Truppen nutzen und die Gesamtsituation Afghanistans weiter destabilisieren, gaben die Geheimdienstexperten zu bedenken.

ddp

Mehr zum Thema

Der scheidende Kommandeur der Bundeswehr im Norden Afghanistans beklagte gravierende Mängel bei der Stärke und der Ausrüstung seiner Truppe. Ein Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan wird nach den Worten von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) erst nach 2013 beginnen können.

19.09.2009

Der verheerende Luftschlag in Afghanistan vor zwei Wochen ist nach einem Zeitungsbericht offenbar unter Vorspiegelung falscher Tatsachen befohlen worden.

19.09.2009

Trotz der wachsenden Unsicherheit in Afghanistan hat sich der scheidende SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Struck vehement für eine Fortsetzung des deutschen Bundeswehreinsatzes ausgesprochen.

18.09.2009