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Deutschland / Welt Im Tank der Reichen statt im Bauch der Armen
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21:29 20.08.2012
Grundnahrungsmittel oder Tankfüllung? In vielen Regionen Afrikas können arme Familie wegen der hohen Preise ihre Kinder nicht mehr richtig ernähren. Quelle: rtr
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Hannover

Rund um die Uhr fressen sich dieser Tage gewaltige Mähdrescher durch die letzten Kornfelder. Gepflügte Äcker ersetzen Felder voll wogender Ähren. Das gewohnte Spätsommerbild ist trotzdem ­irgendwie anders. Riesige Maisflächen schieben sich in die norddeutsche Tiefebene – dicht, hoch, grün wie ein Urwald und vielerorts so beherrschend, dass alles andere dahinter verschwindet. Wer soll die Millionen von Maiskolben essen (oder fressen)? Die Wahrheit ist: keiner.

Deutschland vermaist. Mit einem Mal ist dieser Satz in aller Munde. Besonders in Kreisen der FDP erfreut sich die Vokabel derzeit großer Beliebtheit. So sprach jüngst FDP-Generalsekretär Patrick ­Döring von „drohender Vermaisung“ der Landschaft und geißelte im gleichen Atemzug den subventionierten Anbau ­sogenannter Energiepflanzen. „Dass wir wertvolles Ackerland mit Pflanzen bebauen, aus denen Biosprit und Biogas hergestellt werden, ist weder sinnvoll noch nachhaltig“, sagte er und stärkte damit seinem Parteifreund Dirk Niebel den Rücken. Der hat in seiner Eigenschaft als Bundesentwicklungsminister den Zusammenhang zwischen Energiepflanzen und Welthunger hergestellt und damit einen lange schwelenden Streit neu befeuert. Denn es ist unbestreitbar, dass die gestiegene Nachfrage nach Mais und anderen Pflanzen, die am Ende nicht auf Tellern und in Futtertrögen landen, sondern in den Tanks der Wohlstandsautos, die Lebensmittelpreise weltweit in die Höhe getrieben hat. Die Verwendung von Getreide und Rüben für Biosprit macht traditionelle Grundnahrungsmittel für die Ärmsten der Welt plötzlich zu unerschwinglichen Luxusgütern. Ernährung oder Mobilität? Die Frage sprengt gewohnte politische Lager auf und schafft neue Allianzen.

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„Ich bin der festen Überzeugung, dass die starren Beimengungsvorschriften in Deutschland, aber auch in den USA, dazu führen, dass bei Ernteausfällen die Preise exorbitant steigen“, schimpft Niebel. „Deswegen sollte die Produktion von E10 eingestellt werden, so lange bis wir es ermöglichen können, dass die essbaren Teile einer Pflanze für die Nahrungssicherung zur Verfügung stehen.“ Der Liberale geht damit deutlich auf Abstand zum Koalitionspartner. Denn Unionspolitiker wie Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) schwören nach wie vor auf die Biomasse als Teil der geplanten Energiewende und Puzzlestück im Klimaschutz.

Auch aufseiten des niedersächsischen Landvolkverbandes erntet Niebel nur Kopfschütteln. Die Rede ist von Wahlkampfgeklapper. „Viele Landwirte haben durch Biogasanlagen und Biosprit eine neue Einkommensquelle gefunden und entsprechend investiert“, sagt Landvolk-Sprecher Wolfgang Arens. „Das darf nicht einfach so in Frage gestellt werden.“ Die Bauern bräuchten eine verlässliche Planung. Doch so einhellig sind die Meinungen der Landwirte auch nicht. Während sich die Ackerbauern über die hohen Getreidepreise freuen, stöhnen Schweinemäster und Milchviehhalter über rasant gestiegene Futterkosten und Pachtpreise.

Uneingeschränkt auf Seiten Niebels steht dagegen die Umweltschutzorganisation Greenpeace. „Weltweit werden mittlerweile schon acht Prozent des Getreides zu Biosprit verarbeitet“, sagt Agrarexperte Martin Hofstetter. „Das sind 150 Millionen Tonnen, das ist genau die Menge, die fehlt.“ Der Greenpeace-Agronom spricht sich daher nicht nur dafür aus, die Produktion von „E10“ (Benzin mit einem Ethanolanteil von zehn Prozent) auszusetzen, sondern auch über „Normalbenzin“ nachzudenken, dem immerhin auch fünf Prozent aus Biomasse beigemengt werden. „Das bringt in der Summe viel mehr.“

Doch in der EU sind die Weichen ganz anders gestellt. Bis zum Jahr 2020 nämlich sollen zehn Prozent aller Kraftstoffe vom Acker kommen. Dabei muss jetzt schon die Hälfte des Bioethanols, das deutschem Treibstoff zugesetzt wird (der Anteil liegt aktuell bei 6,25 Prozent), importiert werden. Die Nationale Akademie der Wissenschaften in Halle, die Leopoldina, hält daher der Bundesrepublik vor, sich auf Kosten anderer grün zu waschen. Die neue EU-Norm würde diesen Trend laut Leopoldina noch verstärken.

Aus Sicht von Greenpeace werden damit nicht nur die Lebensmittelpreise für die Ärmsten der Welt in unerschwingliche Höhen getrieben, auch die Umwelt leidet. „Ökologisch desaströs“ sei es, dass in Brasilien, Indonesien oder Argentinien Wälder abgeholzt werden, um Land für Mais und andere nachwachsende Rohstoffe zu gewinnen, sagt Hofstetter. „Das wirkt sich nicht nur negativ auf die Artenvielfalt aus, sondern auch auf das Klima.“ Auch die Autoren der Leopoldina-Studie warnen: „Biomasse-Importe exportieren die Risiken der intensiven Landwirtschaft.“

Wie der Maisanbau zur Verödung einer Landschaft führt, ist vor allem im Mittleren Westen der USA zu besichtigen. Kein anderes Land produziert so viel „King Corn“ wie die Vereinigten Staaten, fast die Hälfte der weltweiten Exportmenge. Die größte Dürre seit 50 Jahren führt daher in diesem Jahr nicht nur zu erheblichen Einbußen, sondern auch zu deutlich höheren Weltmarktpreisen. Hinzu kommt der Preisschub durch den Biosprit: Denn 42 Prozent der amerikanischen Maisernte kommen nicht etwa auf den Teller, sondern in den Tank. 

Auch in deutschen Ländern prägen Maismonokulturen immer häufiger das Landschaftsbild – und laugen die Böden aus. Der Maisanbau in Deutschland hat sich innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt. Jede vierte Maispflanze wächst in Niedersachsen, auf einem Drittel der gesamten Ackerfläche. Vor allem der Bau von Biogasanlagen hat diesen Trend verursacht. Mit rund 1600 Biogasanlagen produziert Niedersachsen derzeit mehr Biogas als jedes andere Bundesland. Doch der Höhepunkt ist offenkundig überschritten. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mit seinen begrenzten Vergütungen und Beschränkungen hat den Boom hierzulande ein wenig gebremst. Stolz wies Umweltminister Altmaier jetzt zudem darauf hin, dass Landwirte künftig mit Abschlägen rechnen müssen, wenn der Maisanteil bei der Beschickung von Biogasanlagen über 60 Prozent liegt. Noch eine Wende?