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Deutschland / Welt Im Urlaub nicht erreichbar
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08:52 01.08.2012
Politik und Entschleunigung: Arbeitsministerin Ursula von der Leyen mit Vater Ernst Albrecht zu Hause im Burgdorfer Ortsteil Beinhorn. Quelle: Archivfoto: dpa
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Hannover

Frau Ministerin, Sie machen mit Ihrer Familie in Kürze Urlaub auf Ihrer Berghütte. Ohne Wasser- und Stromanschluss ...

Fließend Wasser gab es immer schon. Aber bis vor fünf Jahren mussten wir mit Propangasflaschen das Wasser erhitzen. Jetzt gibt es auch Strom. Das macht das Leben einfacher. Aber nach wie vor sitzen wir in einem Funkloch. Man kann nicht online gehen.

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Das klingt nach großer Einsamkeit.

Eine willkommene Einsamkeit. Die Berghütte liegt auf 1700 Meter Höhe. Das nächste Dorf auf 800 Meter. Die regelmäßigen Besucher sind Kühe, die auf der Alm weiden. Und ab und an kommt ein Wanderer vorbei.

Kann sich eine Ministerin ein Funkloch leisten?

Ja. Es gibt im Bergdorf eine Kontaktstelle für den Fall, dass ich dringend erreicht werden muss. Aber Ferien sind nun mal Ferien.

Wie wichtig ist diese Auszeit?

Ich brauche sie dringend, um den Kopf freizukriegen, um auf andere Gedanken zu kommen. Wenn ich aus dem Urlaub zurückkehre, fällt es mir immer wieder schwer, in die unglaubliche Geschwindigkeit des politischen Alltags zurückzufinden.

Wie kriegt man im Alltag den Kopf frei?

Ich halte mir das Wochenende weitgehend terminfrei. Dann versuche ich, nicht in der schnellen Abfolge wie sonst die Nachrichten zu verfolgen. Werktags überfliege ich sieben Zeitungen, am Wochenende kommt mir nur die HAZ ins Haus. Ich unternehme viel mit den Kindern. Körperliche Bewegung tut gut. Wir laufen; die Kinder begleiten uns auf dem Pony oder auf dem Fahrrad und der Hund muss immer mit. Wir haben einen moppeligen Labrador, der viel Bewegung braucht.

Sind Sie immer erreichbar?

Während der Woche immer. Am Wochenende nur im Notfall. Wenn dann mein Handy klingelt, geht mein Puls hoch. Denn dann muss es wichtig sein. Das tiefe Durchatmen, das Loslassen ist enorm wichtig für die Erholung.

Gibt es ein Handy-Verbot in der Kabinettsrunde?

Nein, wir simsen. Ich gehöre aber zu den wenigen, die sich keine Tickermeldungen aufs Handy leiten lassen. Es würde mich verrückt machen, weil das Trommelfeuer ja nicht aufhört. Die Wichtigkeit der Nachricht ist häufig nicht klar, aber es gibt die permanente Berieselung mit Informationen.

... auf die man reagieren muss?

Wenn ich in den vergangenen Jahren Fehler gemacht habe, dann war es die zu schnelle öffentliche Reaktion auf kritische Äußerungen, die oft eine Debatte erst noch befeuert hat. Jetzt warte ich ab und kläre erst einmal, wie genau und in welchem Zusammenhang die Interview-äußerung gefallen ist. Heute lasse ich vieles unkommentiert.

Die IG Metall hält das Ausmaß psychischer Belastungen in der Arbeitswelt für eine Zeitbombe und fordert eine Anti-Stress-Verordnung. Was halten Sie davon?

Ich will die Tür nicht zuschlagen. Aber man kann Stressmanagement nicht allein durch eine Verordnung der Politik regeln. Der wichtigere Schritt ist, dass alle Beteiligten – Bund, Länder, Arbeitgeber und Gewerkschaften – eine gemeinsame Strategie entwickeln, wie wir Schutzräume am Arbeitsplatz schaffen. Chronischer Stress macht krank. Wir dürfen uns nicht von der Technik beherrschen lassen. Beim körperlichen Arbeitsschutz wissen wir über die Risiken und richtigen Schutzmaßnahmen schon viel mehr. Der Lärmschutz zum Beispiel ist in der Arbeitsschutzverordnung geregelt.

Warum nicht auch ein Stress-Schutz?

Es muss zuvor klar sein, welchen Weg wir gemeinsam wollen, um die Risiken der neuen Techniken zu minimieren, aber ihre Vorteile zu nutzen. Dann kann man das Ergebnis durchaus in einer Verordnung fassen. Unsinnig wäre es allerdings, wenn der Gesetzgeber unterschiedslos Regeln für die Erreichbarkeit über Handys setzt. In einem Ministerium gibt es andere Anforderungen als bei einem Zulieferbetrieb von VW.

Hat die Euro-Krise die Politik be­schleunigt oder eher verlangsamt, weil für innenpolitische Reformen keine Zeit mehr bleibt?

Beides stimmt. Die Krise hat die Informationsflut enorm beschleunigt und den Handlungsdruck erhöht. Wir erleben, dass jedes Wort sofort um den Globus kreist, bewertet wird und eine Reaktion provoziert. Gleichzeitig müssen wir Fachminister dafür kämpfen, dass die innenpolitischen Themen nicht überdeckt werden. Die Kapitel der Innenpolitik sind momentan schwerer zu Gehör zu bringen.

Sie sind nicht zufällig in die Politik geraten – hat sich aus Ihrer Sicht im Vergleich zum Politikeralltag Ihres Vaters etwas verändert?

Als er niedersächsischer Ministerpräsident war, gab es kein Handy, kein Internet. Mein Vater konnte nur übers Haustelefon telefonieren, das meistens durch uns Kinder belegt war. Er war bei allen wesentlichen Aufgaben an die Staatskanzlei in Hannover gebunden. Für eine Frau mit Kindern wie mich wäre das eine Katastrophe gewesen, physisch so an den Arbeitsplatz gebunden zu sein.

Ihr Vater ist seit Längerem an Alzheimer erkrankt. Wie geht es ihm?

Er sagt, er sei glücklich. Aber seine Welt ist sehr, sehr klein. Das lehrt mich auch, dass am Ende des Lebens andere Dinge zählen als mein Beruf. Es ist wichtig, die privaten Bindungen lebendig zu halten.

Wie sieht die kleine Welt aus?

Wir haben Hühner. Und er achtet darauf, dass die Katze nicht die Küken frisst. Er weiß nicht mehr, wer der Ministerpräsident des Landes ist, aber er freut sich über Musik und die Natur. Diese Freude ist tief in ihm, immer schon.

Können Sie noch mit ihm reden?

Ich erlebe immer wieder, dass es wichtig ist, dass ich mir Zeit nehme und mich ihm in Ruhe zuwende. Ich möchte Dinge zum Klingen bringen, die ihn fröhlich machen. Die großen Ereignisse seines Lebens sind noch präsent. Dazu gehört Europa. Er kann es kaum noch formulieren, aber er sagt: Wie gut, dass ihr Europa habt; ihr braucht keinen Krieg mehr zu fürchten. Aber der Tagesablauf muss stark geregelt sein. Veränderungen bedeuten Stress. Wenn im Stall etwas verändert ist, schafft dies Angst.

Haben Sie professionelle Hilfe?

Ja. Man kann nicht von Pflege sprechen, es ist mehr eine Begleitung. Ich bewundere Familien, die dies allein schaffen. Das ewige Kreisen um ein Thema, das permanente Vergessen ist anstrengend.

Die Familie hilft ihm?

Ein ganz wichtiger Lebensanker sind die Kinder. Ich empfinde es auch als Gnade, dass er so freundlich und zugänglich ist. Es ist ein Geschenk, dass er so ist, wie er ist. Ein freundlicher älterer Herr, der positiv der Welt gegenüber steht.

Zum Abschluss ein Test. Könnten Sie Ihrer Nachbarin die Euro-Krise erklären?

Ja, das ist meine Aufgabe.

Und wie?

Wir haben den Euro als gemeinsame Währung gewollt, und er hat uns Wohlstand gebracht. Aber wir haben den notwendigen zweiten Schritt – eine gemeinsame Finanzpolitik, in der alle die Regeln einhalten – versäumt. Das rächt sich jetzt. Bisher machten 17 Staaten ihre eigene Haushaltspolitik, teilweise mit horrender Verschuldung. Und jetzt haben die Investoren kein Vertrauen mehr in den 17-stimmigen Chor. Sie ziehen ihr Geld ab, spekulieren gegen einzelne Euro-Staaten, schwächen sie und damit uns alle.

Was tun, fragt die Nachbarin ...

Wir müssen beweisen, dass die Euro-Staaten zusammenhalten und bereit sind, gemeinsam Schulden abzubauen und ihre Wirtschaft fit für den globalen Arbeitsmarkt zu machen. An unserem festen Willen, für eine gemeinsame europäische Zukunft hart zu arbeiten, darf kein Zweifel bestehen. Dann kehrt auch das Vertrauen zurück.

Interview: Gabi Stief