Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt „Immer in sich gekehrt“: Besuch im Heimatort von Halle-Täter Stephan B.
Nachrichten Politik Deutschland / Welt

„Immer in sich gekehrt“: Besuch im Heimatort von Halle-Täter Stephan B.

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:18 10.10.2019
Polizeibeamte bewachen das Elternhaus des mutmaßlichen Täters Stephan B.. Quelle: Alexander Prautzsch/dpa-Zentralb
Benndorf

Die Nachbarn in der Straße des Aufbaues in Benndorf im Mansfelder Land (Sachsen-Anhalt) saßen vor dem Fernseher und guckten Deutschland-Argentinien, als am Mittwochabend die Polizei anrückte. Dutzende Mannschaftswagen fuhren vor, Beamte in Schutzwesten stürmten in die Wohnung im ersten Stock links. Hier wohnt Halle-Attentäter Stephan B. bei seiner Mutter, einer bei ihren Schülern beliebten Grundschullehrerin.

Der fabrikneue VW Golf mit dem auswärtigen Kennzeichen ist Eckhard Höppner schon an Montag aufgefallen. Der Rentner führt in Jogginghose seinen Hund auf der Hauptstraße spazieren. Es gibt viele Rentner und viele Hunde hier in der einst stolzen Bergarbeitersiedlung.

„Ich bin ein Autofreak“, sagt Höppner über sich, deswegen habe er sich den Neuwagen gemerkt, den Stephan B. für seine Terrorfahrt angemietet hatte. Zwei Tage stand der Wagen vor dem Block, am Mittwochvormittag lud der 27-Jährige seine selbst gebauten Waffen und Sprengsätze in den Golf und machte sich auf den Weg. 45 Minuten würde er brauchen, hatte er ausgerechnet, das könnte ein Risiko darstellen, entdeckt zu werden. Doch niemand hatte Stephan B. auf dem Schirm. Auch die Benndorfer nicht.

Stephan B. : Ein Leben in der Online-Welt

Es wirkt, als wäre er nur körperlich im Ort anwesend gewesen, geistig aber ganz woanders, in Online-Welten und Chaträumen, in denen sich Rechtsradikalismus und Antisemitismus mit Waffen-Bauanleitungen und gegenseitiger Radikalisierung zu einer tödlichen Terror-Mischung verbinden. „Er war immer online“, sagt sein Vater, den die „Bild“-Zeitung im Nachbarort Helbra herausgeklingelt hat.

Und: „Er war nicht im Reinen mit sich und der Welt“. Das fiel auch in Benndorf auf. „Wenn er einem auf der Straße begegnete, zog er die Schultern ein und guckte zu Boden“, sagt Mario Zanirato, der schräg gegenüber wohnt. „Er ist immer gebückt gegangen, als wenn er in sich gekehrt wäre.“ Zanirato, ein agiler 73-Jähriger, ist nicht nur Nachbar, sondern auch Bürgermeister von Benndorf. Der Sachse verdankt seinen Namen dem italienischen Vater, er kam als junger Mann ins Mansfelder Land, ging in den Kupferbergbau wie fast alle hier.

Mehr zum Thema

Vater von Halle-Täter Stephan B.: „Es kam immer wieder zu Streit“

Erst bricht der Bergbau zusammen, dann die Gemeinschaft

1990 schlossen die Gruben. „38.000 Menschen mit einem Schlag arbeitslos, können Sie sich das vorstellen? Und kein Bundespräsident kam, um mit uns das Steigerlied zu singen, wie er es im Ruhrgebiet gemacht hat.“ Zanirato könnte stundenlang über die Ungerechtigkeiten sprechen, die dem Mansfelder Land widerfahren sind. Und die dazu führten, dass die enge Gemeinschaft der Bergarbeitersiedlung zerbrach. Benndorf heute, das sind die Alteingesessenen, die vor den sanierten Häusern der guten alten Zeit hinterhertrauern, und das sind die Neuen, die vor allem durch billige Mieten angelockt wurden.

Stephan B. und seine Mutter gehören zu den Neuen. Seit ein paar Jahren wohnen sie erst hier, die Mutter lehrt im Nachbarort. Ihr Ford Fiesta steht noch vor dem Haus. Sie sei während der Razzia zusammengebrochen und liege jetzt im Krankenhaus, sagt der Nachbar aus der Erdgeschosswohnung. Polizei mit Schutzwesten in der Wohnung, der Sohn ein Attentäter - welche Mutter hält das aus?

Am Tag nach dem Anschlag in Halle: Die Situation im Wohngebiet des Täters

"Dass er ein Neonazi ist, war nicht zu bemerken"

Als Stephan 14 war, ließen sich die Eltern scheiden. Als Schüler war er ein begeisterter Schachspieler, dann ersetzte der Bildschirm das Brett. Ein Chemiestudium habe er abgebrochen, eine schwere Operation warf ihn zurück. Er soll zuletzt arbeitslos gewesen sein, sagen Nachbarn. „Das hätte es früher nicht gegeben“, sagt Eckhard Höppner, „dass man einen mit dem Computer alleine lässt.“ Und Mario Zanirato ergänzt: „Alle gucken nur noch auf ihre Smartphones und nicht mehr auf den anderen. Das macht so vieles kaputt.“

Wen Stephan B. dort traf in der virtuellen Welt - in Benndorf können sie es nicht wissen. Sie können nur ausschließen, dass sie B.s Radikalisierung hätten bemerken können: „Dass er ein Neonazi ist, war nicht zu bemerken“, sagt Zanirato. Keine Sprüche, Parolen, einschlägige Freunde. Überhaupt keine Freunde - und keine Freundin. In der Straße des Aufbaues wird jeder Besuch genauestens registriert. Aber seine Tat, sagt der Bürgermeister, das war die Tat eines Neonazis. Ratlosigkeit bleibt zurück.

Mehr zum Thema

Terror wie im Ego-Shooter: Verfolgt und bewertet mich

Ein Dorf auf der Suche nach Normalität

Zanirato muss jetzt den Benndorfern helfen, zur Normalität zurückzufinden. Es ist das zweite Mal binnen zwei Jahren, dass das Grauen aus Benndorf kommt. Anfang 2018 wurden in der Bergarbeitersiedlung zwei Säuglingsleichen entdeckt. Die Mutter hatte sie zu Hause entbunden, getötet und in der Tiefkühltruhe aufbewahrt. Nun kommt der zweite Schock. „Wir müssen zur Ruhe kommen“, sagt der Bürgermeister. Am Donnerstag war das nicht möglich. Immer neue Polizeiautos fahren vor, Kriminaltechnik vom LKA und vom BKA.

Der Generalbundesanwalt führt die Ermittlungen. Noch sind viele Fragen offen. Hat Stephan B. seine Waffen und Bomben wirklich in der 69-Quadratmeter-Wohnung seiner Mutter gebaut? Wenn nein, wann dann? Und welchen Gleichgesinnten hat er sein „Manifest“, das er vor der Tat verfasste, zum Lesen gegeben? Nicht nur in Benndorf ist die Aufklärung erst ganz am Anfang.

Von Jan Sternberg/RND

Am Montag wird sich das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestages über die Ereignisse in Halle informieren lassen. Das kündigte dessen Vorsitzender Armin Schuster (CDU) an. Er sagte auch, es sei zu früh, von einem Einzeltäter zu sprechen.

10.10.2019

Sylvie Goulard sollte einen Top-Job in der neuen EU-Kommission bekommen. Doch daraus wird nichts, weil die Mehrheit der Parlamentarier Zweifel an der Integrität der Französin hatte. Auch Revanchegedanken wegen Macrons Verhalten nach der Europawahl spielten eine Rolle.

10.10.2019

Ein 27-Jähriger tötet in Halle zwei Menschen. Die Bundesanwaltschaft stuft die Tat als rechtsextremistisch und antisemitisch motiviert ein. Wir haben die bisherigen Erkenntnisse zu Stephan B. zusammengetragen.

10.10.2019