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Deutschland / Welt In Deutschland wird so viel gestreikt wie noch nie
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20:42 12.11.2015
Von Lars Ruzic
So viele Streiktage wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Quelle: Nigel Treblin
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Hannover

Die Unternehmerverbände Niedersachsen (UVN) sorgen sich bereits um den Arbeitsfrieden im Land. „Die Konfliktschärfe hat deutlich zugenommen“, sagte UVN-Hauptgeschäftsführer Volker Müller der HAZ. Für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts sei das „ein Riesen-Thema“, es drohten auch Risiken für den Wohlstand.

Nach Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) sind durch Streiks allein in der ersten Jahreshälfte 2015 mit 944 000 so viele Arbeitstage ausgefallen wie in den acht vorherigen Jahren zusammen. Eine höheren Wert hatte das IW zuletzt 1992 ermittelt. Vor 23 Jahren hatte es einen Großkonflikt im öffentlichen Dienst gegeben. Die IW-Schätzungen gelten traditionell eher als konservativ. Tatsächlich hatte unlängst Verdi-Chef Frank Bsirske erklärt, allein seine Dienstleistungsgewerkschaft habe in diesem Jahr bereits für 1,5 Millionen Ausfalltage gesorgt.

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Diverse Konflikte haben sich 2015 überlagert. Die klassischen Tarifrunden in der Metall- und der chemischen Industrie sowie dem öffentlichen Dienst der Länder - teils begleitet von Arbeitsniederlegungen - lagen ebenso im ersten Halbjahr wie die besonders zähen Konflikte im Sozial- und Erziehungsdienst sowie bei der Deutschen Post. In beiden Fällen kam es zu unbefristeten Streiks, an denen zum Teil mehr als 150 000 Menschen teilnahmen.

Dagegen fielen die Auseinandersetzungen bei der Deutschen Bahn und der Lufthansa - obwohl für Reisende besonders ärgerlich und deshalb öffentlichkeitswirksam - statistisch nicht so stark ins Gewicht, weil hier vergleichsweise kleine Berufsgruppen die Arbeit niederlegten. Deutschlands größte Airline könnte die Ausfalltage in diesem Jahr noch steigen lassen. Derzeit streikt nur das Kabinenpersonal, doch auch die Auseinandersetzungen mit den Piloten und den Beschäftigten am Boden sind noch nicht geregelt. Sollte das bei Verdi organisierte Bodenpersonal in den Ausstand treten, kämen schnell weitere fünfstellige Ausfälle hinzu. Die Dienstleistungsgewerkschaft steht seit Jahren in den Streikstatistiken erster Stelle.

Auf Arbeitgeberseite wird länger moniert, dass Verdi besonders früh zum Druck mittel des Warnstreiks greift - mitunter schon nach der ersten Verhandlungsrunde. UVN-Hauptgeschäftsführer Müller sieht diese „zunehmende Konfliktschärfe“ kritisch. In einer Zeit auf Streiks zu setzen, da sich die Konjunktur eintrübe und das Land gewaltige Herausforderungen wie die Integration Hunderttausender Flüchtlinge stemmen müsse, sei gefährlich. „Wir sägen an dem Wohlstands-Ast, auf dem wir sitzen“, warnte Müller. Niedersachsens DGB-Chef Hartmut Tölle sieht die Ursache für die Konflikte bei den Arbeitgebern. Wenn sie in freien Verhandlungen keine akzeptablen Angebote machen könnten, „müssen die Beschäftigten eben zum letzten Mittel greifen“, sagte er. Zudem werde in Deutschland im internationalen Vergleich immer noch wenig gestreikt. In Frankreich etwa sei die Quote von Ausfalltagen pro Beschäftigten im Schnitt den vergangenen Jahre gut neunmal höher gewesen als hier zu Lande.

Flugbegleiter im StreikSeite 9