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Deutschland / Welt „Kirche kann nicht jedem Trend hinterherlaufen“
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10:04 20.04.2014
Foto: Verbringt Ostern mit ihren Töchtern: Margot Käßmann.
Verbringt Ostern mit ihren Töchtern: Margot Käßmann. Quelle: Florian Schuh
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Frau Käßmann, was machen Sie Ostern?
Meine Töchter werden da sein, wir werden zum Gottesdienst gehen und dann ein großes Osterfrühstück mit anschließendem Spaziergang haben.

Wie lange haben Sie für Ihre vier Töchter Ostereier versteckt?
Noch sehr lange, bis zur Geburt meiner Enkeltochter vor fast zwei Jahren. Das war eine schöne Tradition, selbst mit erwachsenen Kindern. Aber jetzt ist die nächste Generation dran.

Welcher Feiertag ist Ihnen wichtiger: Karfreitag oder Ostern?
In unserer Zeit der Karfreitag, um nicht vor der Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit wegzulaufen. Soziologen sprechen von einer Karnevalisierung der Gesellschaft: Es muss alles Spaß machen, sonst ist es nichts wert. Mir ist wichtig, in den Blick zu nehmen, dass auch meine Zeit begrenzt ist. Das Leben ist nicht leidfrei zu haben. Leid ist aber nicht nur beängstigend, sondern es kann Lebenserfahrungen auch vertiefen. Doch ich möchte den Karfreitag auch nicht ohne Ostern sehen. Ich brauche schon die Hoffnung auf Zukunft.

Immer mehr Gruppen fordern die Aufhebung des Tanzverbots am Karfreitag. Was antworten Sie denen?
Dass es der Gesellschaft guttut, auch mal zur Ruhe zu kommen. Wenn ich 364 Tage im Jahr tanzen kann, was macht es so schlimm, einen Tag nicht zu tanzen – mit Rücksicht auf die religiösen Gefühle vieler Menschen?

Stört es Sie, wenn andere in Ostern nur ein langes Wochenende mit vielen Süßigkeiten sehen?
Wenn Menschen das so sehen wollen, ist das ihr Leben. Für mich als Christin hat Ostern einen Inhalt. Wenn überall schon Ostereier hängen und Osterfeste gefeiert werden, dann finde ich das inhaltsleer. Das hat mit Ostern nichts zu tun. Ostern ist für mich das Fest der Auferstehung: Der Tod hat nicht das letzte Wort! Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Aber auch dieser Sonnabend hat etwas Besonderes, diese Zeit der Stille, der Spannung zwischen dem Karfreitag und dem Ostermorgen. Das erleben Menschen ja gar nicht, die vor allem Shoppen wollen oder ein Wellnesswochenende machen.

Die Kirche verliert Mitglieder. Was halten Sie von Portalen, die Pastoren, Kirchen und Gottesdienste bewerten?
Finde ich interessant. Ich lese so etwas jedenfalls. Wenn in der Zeitschrift „Chrismon“ ein Kirchenbesuch einer kleinen Gemeinde auf dem Land ganz positiv bewertet wird, die Atmosphäre, wie mit den Menschen umgegangen wird – das ist doch spannend. Ich wünsche mir, dass Gemeinden ihre Gottesdienste ganz bewusst so gestalten, das alle, die kommen, Atmosphäre, Liturgie und Predigt als positiv bewerten.

Wie attraktiv müssen Gottesdienste heute sein?
Wenn die Gemeinde sehr genau überlegt, wie sie Gottesdienst feiern will, bringt das oft Erneuerung und neuen Zulauf. Unsere Kirche kann ja nicht jedem Trend hinterherlaufen, um Leute anzulocken. Kirche lebt von Überzeugung. Wir sehen, wie Menschen in Krisensituationen die Kirche suchen. Ich wünsche mir, dass sie auch in guten Zeiten merken, wie wichtig es ist, spirituell zu leben, zu einer Gemeinschaft zu gehören – und dass sie sich nicht nur über Konsum definieren.

Und womit erreichen Sie die Herzen der Smartphone-Generation?
Das sind ja nicht nur die Jungen, ich habe auch ein Smartphone ...

... und sind Sie schon süchtig?
Ich bin froh, dass ich eins habe. Es kann ein Fortschritt sein, sich zu verständigen, ohne erst ein Telefonhäuschen zu suchen und Kleingeld zu brauchen. Wenn aber alle nur auf dem Smartphone rumwischen, während eines Essens zum Beispiel, das finde ich störend. Beim Essen schalte ich aus.

Die, mit denen Sie essen, auch?
(lacht) Vielleicht, weil ich meinen Unwillen so deutlich zeige.

Sie kämpfen für Ökumene und bereiten das Reformationsjubiläum 2017 mit vor. Holen Sie Papst Franziskus nach Deutschland?
Alle sind eingeladen, genau das ist ja reformatorisch! Martin Luther hat gesagt: Jeder, der aus der Taufe gekrochen ist, ist Priester, Bischof, Papst. Deshalb werden die Evangelischen nicht darauf fixiert sein, ob nun der Papst kommt oder nicht, sondern sich wünschen, das viele sich freuen, miteinander zu feiern.

Wird die katholische Kirche unter diesem Papst sich Reformen wie einem gemeinsamen Abendmahl leichter annähern oder den Zölibat lockern?
Das muss die römisch-katholische Kirche entscheiden. Der neue Papst ist sicher für viele Katholiken eine große Ermutigung, das gönne ich ihnen auch von Herzen.

Wie sehr schadet der Fall Tebartz-van Elst der Glaubwürdigkeit der gesamten Kirche?
Es gibt deswegen jedenfalls auch Austritte aus der evangelischen Kirche, mit der Begründung, dass es Geldverschwendung in Limburg gab.

Finden Sie es richtig, dass der Mann nicht mehr Bischof von Limburg sein darf?
Dazu werde ich mich nicht äußern.

Auch Sie haben Ihr Bischofsamt verloren. 2010 sind Sie nach Bekanntwerden einer Alkoholfahrt zurückgetreten. Haben Sie sich den Fehler verziehen?
Ja.

Trauern Sie dem Amt noch nach?
Nach über vier Jahren nicht mehr. Am Anfang war das schon ein Verlust, denn ich war sehr gerne Bischöfin. Aber heute bin ich sehr gerne Reformationsbotschafterin.

Hätten Sie auch so gehandelt, wenn die Geschichte nicht bekannt geworden wäre?
Sind Sie schon mal zu schnell gefahren?

Ja.

Haben Sie sich hinterher angezeigt?

Nein.

Interessant.

Ein anderes Thema: Die Krise in der Ukraine schürt die Angst vor einem neuen Kalten Krieg. Es gibt erste Stimmen, die die Wehrpflicht zurückfordern. Was sagen Sie?
Ich bin sehr froh, dass die Wehrpflicht ausgesetzt ist. Das kann keine Pflicht sein, da bin ich ganz bei der Gewissensfreiheit.

Sie sind ja immer noch Pastorin: Wovon handelt Ihre nächste Predigt?
Davon, dass es eine Lerngeschichte aus der Reformation gibt; dass wir Konflikte nicht mit Waffengewalt zu lösen haben.

Ihre Lieblingsgeschichte in der Bibel?
Es gibt so viele ... Mich fasziniert beispielsweise immer wieder die Geschichte von Josef und seinen Brüdern, weil da alle Familienkonflikte ablesbar sind. Das Schönste: Am Schluss blickt Josef auf sein Leben zurück, die Brüder haben Angst, nach dem Tod des Vaters, dass er ihnen doch noch grollt, weil sie ihn ja einst verraten und verkauft haben. Da sagt er: „Ihr dachtet, es böse zu machen. Gott aber hat es gut gemacht.“ Wenn ein Mensch am Ende so auf sein Leben zurückblickt und denkt, es war mit allen Höhen und Tiefen gut – das finde ich schön.

Wenn er allen vergeben kann?
Ja. Das ist auch Freiheit.

Interview: Lars Fetköter

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