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Deutschland / Welt Iran entlässt Französin bis zum Urteil aus der Haft
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21:58 17.08.2009
Sie gleicht fast einer Madonna: Clotilde Reiss steht der iranischen Justiz Rede und Antwort. Quelle: HANIF SHOAEI/AFP
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Sie scheint eine gute Bekannte zu sein. Dabei sind die meisten Franzosen ihr nie begegnet. Aber Clotilde Reiss ist in den Medien allgegenwärtig. Bleich, aber gefasst, die tränennassen Augen auf die Richter des Teheraner Revolutionstribunals geheftet, so hatte sich die Französin vor gut einer Woche ins kollektive Gedächtnis eingetragen: eine schöne junge Frau, die während der Massenproteste gegen die Wiederwahl des iranischen Staatschefs Mahmud Ahmadinedschad unschuldig ins Räderwerk der großen Politik geraten ist.

Die 24-Jährige, die im Iran bis Ende Juni an der Universität Isfahan Französisch unterrichtet hatte, war bei der Ausreise am 1. Juli auf dem Teheraner Flughafen als angebliche Spionin und Aufrührerin festgenommen worden. Sie verbreitet die Aura einer Märtyrerin, fast einer Madonna. Wenn sie, das Haar keusch unter das islamische Kopftuch gestopft, den Körper unter einem Umhang verborgen, vor einer Hundertschaft schweigend zuschauender Männer mädchenhaft Rede und Antwort steht, mögen selbst böswilligste Ankläger Mühe haben, in der Französin noch die in den Akten beschriebene Staatsfeindin zu sehen.

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Auch das Regime scheint zunehmend von Zweifeln geplagt. In der Nacht zum Montag haben sich für Reiss jedenfalls nach mehr als sechs Wochen die Gefängnistore geöffnet. Der Pariser Botschafter brachte sie in Frankreichs diplomatischer Vertretung unter, wo „die Angeklagte unter Hausarrest steht und das Urteil des Revolutionstribunals abzuwarten hat“, wie die iranischen Behörden betonen. Die Anklage wegen Spionage wurde fallengelassen. Geblieben ist der Vorwurf der „Anstachelung zum Aufstand“. In der Hoffnung, schnell begnadigt zu werden, hat Reiss „gestanden“, von einer Kundgebung gegen das Regime Handyfotos verschickt und einen Bericht für die Kulturabteilung der französischen Botschaft verfasst zu haben.

Das Verfahren gegen Reiss hätte die Verwicklung des Auslands in die Massenproteste aufzeigen und in dem ausländischer Bevormundung überdrüssigen Land als Legitimation für weitere Verfahren gegen mindestens 200 in Haft sitzende Regimegegner herhalten sollen. Doch jemand wie Reiss taugt nun einmal nicht für die Rolle der Verschwörerin.

Eine von Frankreichs Regierung hinterlegte Kaution, die der „Figaro“ auf „einige Hunderttausend Euro“ schätzt, mag Teheran die Entscheidung zum geordneten Rückzug zusätzlich erleichtert haben. Auch die Vermittlung des von Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy umworbenen syrischen Staatschefs Baschar al-Assad dürfte von Nutzen gewesen sein. Vor allem aber erwies sich die Französin, die dank eines persischen Kindermädchens die Liebe zum Iran, seiner Sprache und Kultur entdeckte, eben als das falsche Opfer. Die Regierung in Paris drang am Montag auf die Freilassung von Reiss. „Wir hoffen, dass diese Affäre schnellstmöglich abgeschlossen wird“, sagte Regierungssprecher Luc Chatel und kündigte an, Sarkozy werde sich weiter persönlich um den Fall kümmern.

Der Vater Rémi Reiss, ein Atomingenieur, hat die Tochter als „unpolitisch“ beschrieben. Kunst und Kultur des Iran hätten es ihr angetan. Ihnen zuliebe hätte sie an der Universität Lille Farsi studiert, die iranische Sprache. Freundinnen haben die Französin als „lieb“ und „nett“ geschildert. Präsident Sarkozy hat „ihren Mut, ihre Würde“ gerühmt. Und ein iranischer Universitätslehrer glaubt über Reiss zu wissen: „Das Regime wird sie demnächst in einer dunklen Nacht diskret in ein Flugzeug nach Paris setzen.“

von Axel Veiel