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Deutschland / Welt Israel feiert riesigen Waffenfund auf deutschem Frachter
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10:36 06.11.2009
Von Klaus von der Brelie
Mehr als 3000 Raketen, Mörsergeschosse, Handgranaten und große Mengen Kalaschnikow-Munition wurden entdeckt. Quelle: AFP
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Zu einer Hafenrundfahrt werden Diplomaten eher selten eingeladen. Doch als das israelische Außenministerium am Donnerstag zu einer Tour nach Aschdod animierte, war die Resonanz recht groß. Weniger der eher bescheidene Charme des Küstenstädtchens lockte die Botschafter und Militärattachés, es war vor allem die Präsentation eines ziemlich großen Waffenfunds. Mehr als 3000 Raketen, Mörsergeschosse, Handgranaten und große Mengen Kalaschnikow-Munition bekamen die Diplomaten zu sehen. Die Gastgeber, größtenteils hohe israelische Marine- und Geheimdienstoffiziere, schwärmten von einem „Geschenk des Himmels“, das ihnen auf dem deutschen FrachterFrancop“ in die Arme gefallen sei.

Waffen und Munition mit einem Gesamtgewicht von rund 300 Tonnen beschlagnahmte die israelische Armee auf dem unter der Flagge Antiguas fahrenden Schiff. Für die Israelis steht zweifelsfrei fest, dass die Kriegswaffen im Iran auf die Reise geschickt worden sind und für die islamistische Hisbollah im Libanon bestimmt waren. An Bord der „Francop“ ist nach den Worten einer Militärsprecherin ein Frachtpapier gefunden worden, aus dem eindeutig hervorgehe, dass die Waffenladung aus dem Iran stamme.

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Hergestellt wurden die 122-Millimeter-Raketen und die Mörsergranaten größtenteils in Russland und in China. Bevor die brisante Ladung auf dem israelischen Marinestützpunkt gelöscht und sichergestellt wurde, hat der Geheimdienst Mossad offenbar wochenlang beobachtet, was mit der Fracht aus dem Iran passierte. Mit einem kleinen Schiff wurde sie zum ägyptischen Hafen Domiat gebracht und dort auf die an eine zyprische Firma vercharterte „Francop“ umgeladen. Das Schiff der Reederei Gerd Bartels aus Neu Wulmstorf bei Hamburg machte sich zunächst auf den Weg nach Zypern und sollte von dort aus den syrischen Hafen Latakia anlaufen.

Doch dazu kam es nicht. 180 Kilometer südlich von Zypern enterten israelische Spezialkräfte vom „Kommando 13“ das Schiff. Der polnische Kapitän und seine zehnköpfige Besatzung rieben sich verwundert die Augen, als die Spezialkräfte die ersten Container öffneten und zwischen weißen Säcken mit Agrarerzeugnissen die Waffen fanden. Die Seeleute hatten keine Ahnung, was sich in den 400 Containern an Bord ihres Schiffes befand. Doch die Geheimdienstler wussten exakt, in welchen 36 Containern die Kriegswaffen versteckt waren. Der Kapitän, so berichtete die israelische Armee, habe empört reagiert. Der Sprengstoff sei eine Bedrohung für die aus Polen und der Ukraine stammende Besatzung, weil er direkt neben Ölbehältern gelagert worden sei. Die „Francop“ wurde sofort nach Aschdod umgeleitet. Unter Aufsicht hoher Offiziere hievten Spezialkräne die für die Hisbollah bestimmten Container an Land. Fernsehkameras beobachteten, wie die Waffen entladen wurden. Noch in der Nacht zum Donnerstag durfte die „Francop“ den Hafen wieder verlassen und ihre Reise nach Syrien fortsetzen – allerdings nur mit den unverdächtigen Containern. Seither nutzt die israelische Regierung jede Gelegenheit, ihren Stolz auf den „großen Fang“ zu zeigen.

Verteidigungsminister Ehud Barak schwärmt von einem „Erfolg gegen den Waffenschmuggel“.Er ist fest davon überzeugt, dass die Granaten und die Munition von Syrien aus auf dem Landweg in den Libanon gebracht werden sollten. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte, die Waffen seien mit der Absicht geschmuggelt worden, israelische Städte zu treffen. Der Vorgang stelle einen schweren Verstoß gegen die UN-Resolution 1701 dar. Sie verbietet seit dem Libanon-Krieg im Sommer 2006 jede Waffenlieferung an die Hisbollah. Barak und Netanjahu hatten sich in den vergangenen Tagen immer wieder über die Geheimdienstoperation informieren lassen und am Mittwoch den Befehl zum Zugriff gegeben. Der Iran und Syrien wiesen die Vorwürfe aus Israel sofort zurück.

Auch die Hisbollah widersprach der israelischen Darstellung. Irans Außenminister Manutschehr Mottaki und sein syrischer Kollege Walid al-Muallim sagten in einer gemeinsamen Pressekonferenz in Teheran, auf dem Schiff seien „keine Waffen aus iranischer Produktion“ gewesen, sondern syrische Produkte, die für iranische Verbraucher bestimmt gewesen seien. Die Hisbollah warf Israel „Piraterie in internationalen Gewässern“ vor. „Die Hisbollah dementiert kategorisch jede Verbindung mit den Waffen, die der zionistische Feind angeblich auf dem Schiff ,Francop‘ gefunden hat“, erklärte die Miliz am Donnerstag in Beirut. Auch wenn sich keine deutschen Staatsbürger an Bord der „Francop“ aufhielten und der Frachter seit längerer Zeit verchartert ist, löste der Zwischenfall im Auswärtigen Amt in Berlin hektische Betriebsamkeit aus. Der Grund: In diesem Herbst wurde schon einmal ein deutsches Schiff mit einer illegalen Waffenlieferung im Nahen Osten aufgebracht.

Im Oktober wurde die „Hansa India“ im Golf von Suez von US-Kriegsschiffen gestoppt. Sie hatte große Mengen Munition und Material zum Waffenbau an Bord und war im Auftrag der iranischen Staatsreederei unterwegs. An der Überwachung des Waffenembargos gegen die Hisbollah beteiligt sich nach wie vor die deutsche Marine. Sie hat eine Fregatte und zwei Boote sowie einen Versorger im östlichen Mittelmeer stationiert und seit Beginn der UN-Mission Unifil vor drei Jahren mehr als 28 000 Schiffe überprüft, aber bisher keine spektakulären Waffentransporte entdeckt. Die Israelis stehen der Mission denn auch skeptisch gegenüber. „Bei logistisch komplexen Aktionen“, sagte ein Marineoffizier gestern, „machen wir das lieber selbst.“