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Deutschland / Welt Israel steht vor einem diplomatischem Scherbenhaufen
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Israel steht vor einem diplomatischem Scherbenhaufen
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13:49 01.06.2010
Selbst im fernen Japan demonstrierten Menschen gegen die israelische Militäraktion. Quelle: afp
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Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat eine Bestrafung Israels für den Angriff auf die internationale Gaza-Solidaritätsflotte gefordert. Erdogan bezeichnete das Vorgehen der israelischen Marine am Dienstag in Ankara als Massaker. „Die Türkei wird das nicht auf sich beruhen lassen“, sagte der Regierungschef vor der Fraktion seiner islamisch-konservativen AKP. Er forderte den Weltsicherheitsrat auf, es nicht bei einer Verurteilung des israelischen Einsatzes zu belassen.

Die Türkei sei immer ein Freund Israels gewesen, sagte Erdogan. So wie sein Land die Freundschaft achte, reagiere es aber auch sehr stark auf Feindschaft. Die Türkei habe genug davon, dass Israel für jede Handlung Sicherheitsgründe angebe. Israel könne die Türkei nicht wie andere Länder der Region behandeln, „sonst wird der Preis sehr hoch sein“, sagte Erdogan.

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„Freunde, heute ist ein Neubeginn. Von heute an ist nichts mehr wie es war“, sagte Erdogan an seine Parteifreunden gerichtet. Israel werde das Blut niemals von den Händen abwaschen können. „Wie ich schon gesagt habe. Sie wissen sehr gut, wie man tötet. Ich habe es ihnen ins Gesicht gesagt. Sie haben der Welt einmal mehr gezeigt, wie gut sie morden können“, sagte Erdogan.

Angesichts der Woge einhelliger weltweiter Verurteilungen sieht sich der jüdische Staat wieder einmal in der Defensive und in der Rolle des Pariah-Staates. „Es ist eine absolute Katastrophe für Israel“, sagte Avi Primor, ehemaliger Botschafter in Deutschland, am Dienstag. Die im blockierten Gazastreifen herrschende Hamas profitiere hingegen von dem Fiasko auf hoher See. „Sie stehen nun als stolze Verteidiger gegen den israelischen Feind da.“

Israel ist nun mit einem diplomatischen Nachbeben konfrontiert, mit möglicherweise weitreichenden politischen Konsequenzen. Die Tatsache, dass noch zwei weitere Hilfsschiffe unterwegs nach Gaza sind, nährt die Sorge vor einer weiteren gefährlichen Konfrontation in den kommenden Tagen. Für politischen Zündstoff sorgt auch die Inhaftierung von mehr als 600 der insgesamt 700 pro-palästinensischen Aktivisten in einem Gefängnis in der Negev-Wüste - eine in dieser Dimension nie dagewesene Aktion.

Unter den Häftlingen ist auch der in Deutschland sehr beliebte schwedische Krimi-Autor Henning Mankell. Binnen 72 Stunden soll entschieden werden, ob die Ausländer angeklagt oder abgeschoben werden. Sobald die Aktivisten öffentlich ihre Version der Vorfälle schildern können, ist mit einer neuen Welle der Verurteilungen aus aller Welt zu rechnen.

In israelischen Medien war das Echo auf den folgenschweren Vorfall am Dienstag geteilt: Einige Kommentatoren beschrieben die Stürmung der sechs Schiffe, die die Gaza-Blockade trotz israelischer Warnungen durchbrechen wollten, als rechtmäßig. Andere verurteilten den Einsatz - noch dazu in internationalen Gewässern - als kurzsichtige militärische und politische Torheit. In Anbetracht der katastrophalen diplomatischen Auswirkungen gab es auch Forderungen an den israelischen Verteidigungsminister Ehud Barak, zurückzutreten. „Kein Besen ist breit genug, um diesen Misserfolg unter den Teppich zu kehren“, meinte ein Kommentator der Zeitung „Jediot Achronot“

Das Mitleid für die pro-palästinensischen Aktivisten auf der türkischen „Mavi Marmara“, von denen mindestens neun getötet wurden, hält sich allerdings in Grenzen. Die meisten Israelis sehen sie als Provokateure und Helfershelfer der radikal-islamischen Hamas, die selbst Schuld an dem Blutvergießen tragen. „Warum hat Israel diesen Schlägertypen genau das gegeben, was sie wollten?“, fragte ein Kommentator am Dienstag.

Erwartet hatte die Armee - wie in früheren Fällen - ein bisschen „Schubsen und Drängeln“ vonseiten der internationalen Aktivisten, bevor sie sich ergeben. Auf fünf der sechs Schiffe lief die Übernahme auch mehr oder weniger friedlich ab. Auf der türkischen „Mavi Marmara“ hatten es die Soldaten jedoch mit einem ganz anderen Kaliber zu tun: Mit Knüppeln und Stühlen schlugen die Aktivisten jeweils in kleinen Gruppen wütend auf Elitekämpfer ein, die sich aus Hubschraubern auf das Deck abseilten. Bilder der israelischen Armee zeigen auch, wie einer der Soldaten kopfüber von einem Oberdeck auf ein mehrere Meter tiefer liegendes Deck geworfen wird.

In Israel entsteht der Eindruck, dass die Soldaten völlig unzureichend vorbereitet und ausgerüstet in eine sehr komplexe Kampfsituation geschickt wurden. „Die Falle“, titelte die auflagenstärkste israelische Zeitung „Jediot Achronot“ am Dienstag in fetten roten Lettern. „Sie haben uns mit Spielzeugwaffen in den Krieg geschickt“, beklagte ein Soldat. Er habe anfangs versucht, sich die Angreifer mit einem Paintball-Gewehr vom Leib zu halten. Erst in Todesgefahr habe er mit seiner Handfeuerwaffe, die er für Notfälle auf den Rücken geschnallt hatte, auf die Aktivisten geschossen. Diese Darstellung Israels wird jedoch von der Organisation Free Gaza bestritten. „Dies sind Zivilisten“, sagte Bomse. „Stühle und Schlagstöcke sind nichts im Vergleich zu Gewehren.“

Wie häufig bei internationaler Kritik am Vorgehen ihres Staates reagieren viele Israelis, die sich während des jahrelangen Konflikts in der Region eine Wagenburgmentalität angewöhnt haben, mit Trotz. „Die Türken wollen keine Beziehungen mehr mit uns? Sollen sie zur Hölle fahren“, meint die 55-jährige Chana Kaduri aus Tel Aviv entrüstet. „Sie sollten einmal versuchen, hier zu leben, dann wüssten sie, wie es sich anfühlt“, meint sie, und sagt dann mit einer wegwerfenden Handbewegung: „Es sind doch sowieso alle automatisch gegen uns.“

dpa