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Deutschland / Welt Jordanier fühlen Syrienkonflikt
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17:00 07.08.2012
Foto: Syrische Flüchtlinge in Jordanien.
Syrische Flüchtlinge in Jordanien. Quelle: dpa
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Jordanien

Wenn von jenseits der wenige Kilometer entfernten syrischen Grenze die Schüsse und Mörsereinschläge herübergellen, fällt Abu Ahmed jedes Mal das Glas mit dem gesüßten Tee fast aus der Hand. „Egal, wie lang das schon geht“, sagt der 52-jährige jordanische Geschäftsmann auf seinem Gehöft im Grenzort Ramtha, „ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen. Wir haben den Krieg vor der Haustür.“

Jordanien trennt eine 300 Kilometer lange Grenze vom Bürgerkriegsland Syrien. Sie verläuft teils durch die offene Wüste, teils durch tief eingeschnittene Täler. Die Jordanier, die an der Grenze leben, erfahren das blutige Ringen im Nachbarland hautnah. Nicht nur durch den herüberdringenden Gefechtslärm - rund 150.000 Syrer haben sich vor der Gefahr nach Jordanien in Sicherheit gebracht. Auch Abu Ahmed hat einigen von ihnen in seinem Gehöft Gastrecht gewährt. Sie zeigen sich unbeeindruckt, wenn beim Fastenbrechen am Abend die Kriegsgeräusche einsetzen.

Sie sind froh, dass sie ihr Leben gerettet haben. Denn selbst die Flucht war für sie lebensgefährlich. Das syrische Militär schießt mit scharfer Munition auf die Fliehenden, ja schießt ihnen sogar über die jordanische Grenze nach. Das führt immer wieder zu Scharmützeln zwischen syrischen und jordanischen Soldaten. Denn die Jordanier geben den syrischen Flüchtlingen neuerdings Feuerschutz. „Wir kamen Sonntagnacht“, sagt der Syrer Ahmed Darawi (42), Vater von fünf Kindern. „Wäre das jordanische Militär nicht dagewesen, wären wir jetzt alle tot.“

Offiziell kommentiert die Regierung in Amman diese Berichte nicht. Denn diese Gefechte, bei denen bereits jordanische Soldaten verletzt wurden, könnten die beiden Nachbarländer an den Rand eines bewaffneten Konflikts führen. Doch der Feuerschutz für fliehende Syrer scheint Deckung von ganz oben zu haben.

„Zuvor hatten wir das Verständnis, dass das eine innere Angelegenheit Syriens sei“, sagt ein jordanischer Militär, der nicht namentlich genannt werden will, weil er zu keinen Medienerklärungen befugt ist. „Doch heute ist dieses Verständnis tot. Wir kämpfen jeden Tag um das Leben von Flüchtlingen.“

Jordanische Bevölkerung sympathisiert mit Syriern

Jordanien, eine pro-westliche Monarchie mit König Abdullah II. an der Spitze, ist eines der besser funktionierenden arabischen Länder. Der arabische Frühling schlug sich hier in einigen meist friedlichen und nicht sehr massiven Protesten nieder. Der König wechselte den Regierungschef aus und versprach minimale Reformen. Das Leben ging weiter seinen Gang. Selbst die oppositionelle Muslimbruderschaft hält die Stabilität für ein höheres Gut als einen Kampf gegen die Monarchie mit ungewissem Ausgang.

Die jordanische Bevölkerung sympathisiert mit den Syrern, die sich von ihrer Diktatur befreien wollen. Die brandgefährliche Lage an der Grenze zu Syrien bringt die Regierung in Amman in eine Zwickmühle. Syrien könnte im Schlepptau der Flüchtlinge Agenten und Provokateure einschleusen. Jordanien versucht deshalb, die Fliehenden in einer eigens geschaffenen, neuen Zeltstadt bei Ramtha praktisch zu internieren.

Unter den Flüchtlingen sind häufig auch verletzte Soldaten der Freien Syrischen Armee (FSA), der bewaffneten Formation des syrischen Widerstands. Wie der 25-jährige Ahmed al-Dumawi aus Damaskus, der sich vor zwei Wochen mit Schussverletzungen am linken Bein über die Grenze schleppte. Sein Bein lahmt zwar noch, aber er brennt auf Rückkehr. „Wenn ich könnte, wäre ich in einer Sekunde wieder drüben, und ich bin nicht der einzige hier“, behauptet er.

„Das Regime liegt in seinen letzten Zügen, und wir wollen alle unseren Fuß auf seine Kehle setzen“, fügt er hinzu. Ähnlich denken auch die Syrer, die Abu Ahmeds Gastfreundschaft genießen, und ähnlich auch jene, die dieser Tage bei Freunden und Verwandten in Jordanien unterkamen und die nach dem Fastenbrechen im Ramadan die Schischa-Cafés bevölkern. Ihre sehnsüchtigen Gespräche kreisen um das eine Thema: die „Endphase“ des Konflikts in ihrer Heimat.

Ihre jordanischen Gastgeber beten wiederum, dass ihre Heimat nicht noch weiter in diesen Konflikt hineingezogen wird. „Natürlich wünschen wir unseren syrischen Brüdern den Sieg im Kampf gegen Unterdrückung und Unfreiheit“, bringt es Abu Ahmed auf den Punkt. „Wir wollen bloß nicht, dass sie ihren Sieg auf Kosten unseres Landes erringen.“

dpa