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00:15 14.01.2014
Von Simon Benne
„Bevor ich sterbe, soll die Uhr heimkehren“: Marie-Antoinette Pappé war im April 1945 im KZ Hannover-Limmer inhaftiert. Das Foto links zeigt Frauen dort kurz nach der Befreiung.
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Winsen (Aller)

Sie hat sie aufbewahrt, über all die Jahre. Sorgsam verwahrt hat sie die silberne Taschenuhr in ihrer Wohnung in Paris. Ein Souvenir, das ihr der Krieg in die Hände gespielt hat, im April 1945, in Winsen an der Aller, als sie mit anderen Häftlingen eigentlich ins KZ Bergen-Belsen getrieben werden sollte. „Als ich die Uhr vor einiger Zeit wieder zur Hand nahm, fiel mein Blick auf den eingravierten deutschen Namen“, sagt Marie-Antoinette Pappé. Da beschloss sie, dass die Zeit jetzt reif sei. „Bevor ich sterbe, möchte ich die Uhr zurückgeben“, sagt die alte Dame, die mit ihren 95 Jahren am Telefon noch ungemein munter klingt. Also machte sie sich auf die Suche nach der Familie des rechtmäßigen Besitzers: „Heinr. Köhler, Süd-Winsen“.

Die Geschichte, die Marie-Antoinette Pappé erzählt, handelt vom Grauen der letzten Kriegstage, von Leid und Tod, aber auch vom Mut zur Menschlichkeit – und von der Bereitschaft zum Frieden. Taschenuhren sind ja oft klassische Erbstücke; sie werden von Generation zu Generation weitergegeben, als sei in ihnen die gesamte Familientradition aufgehoben. An der Uhr der Madame Pappé hingegen lässt sich die Geschichte zweier Nationen erzählen – sie ist so etwas wie eine Chiffre für die Versöhnung einstiger Erbfeinde.

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Häftlinge wurden erschossen

Marie-Antoinette Pappé war gerade 23 Jahre alt, als die Nazis sie verhafteten. Drei Jahre lang saß die junge Frau, die zur französischen Widerstandsbewegung gehört hatte, in deutschen Lagern – erst in Ravensbrück, dann im KZ Hannover-Limmer. In dieser Außenstelle des KZ Neuengamme wurden zeitweise mehr als 1000 Frauen gefangen gehalten, sie produzierten Gasmasken für die Continental.
Anfang April 1945, als die Alliierten näher rückten, kam überstürzt der Befehl zur Räumung von sieben hannoverschen Lagern. In ­Todesmärschen trieben brutale Aufseher etwa 4000 ausgemergelte Gefangene zu Fuß nach Bergen-Belsen. Entkräftete Häftlinge, die nicht mehr weiter konnten, wurden am Wegrand erschossen.

„In Winsen sollten die Gefangenen die Aller überqueren“, sagt der frühere Bundestagsabgeordnete der Grünen, Julius H. Krizsan. Der Winsener, der zehn Jahre lang als Pädagoge in der Gedenkstätte Bergen-Belsen arbeitete, hat das Geschehen jener Tage akribisch rekonstruiert. Er hat erschütternde Berichte von Zeitzeugen zusammengetragen: Selbst auf Schweinefutter stürzten sich die hungernden Häftlinge, die durch die Dörfer getrieben wurden. „Ausgemergelt und durstig lechzten sie nach Erquickung. Doch die deutschen Wachmannschaften wiesen hart und schroff alle zurück, die ihnen frisches Wasser reichen wollten“, gab ein Winsener später zu Protokoll.

Endlich kamen die Engländer

An die Allerbrücke, über die es nach Bergen-Belsen gehen sollte, kann sich Marie-Antoinette Pappé noch genau erinnern: „Wir waren dort, eine Kolonne von mehreren Hundert Frauen. Plötzlich kam ein Luftangriff der Engländer, wir alle gingen in Deckung“, erzählt sie. Sie selbst suchte Schutz an der Brücke – und plötzlich sah sie in all dem Chaos einen Mann: „Er gab uns ein Zeichen, zu ihm zu kommen.“ Mit einigen anderen Frauen folgte sie dem Deutschen. Der Tischler Wilhelm Scheinhardt versteckte die geflohenen Franzosen in einem Stall – sieben Frauen und zwei Männer.

Der Mann, der den geflohenen Häftlingen wohl das Leben rettete, war kein Engel. Wegen Diebstahls und diverser Gaunereien hatte Scheinhardt etliche Male im Knast gesessen. „Er war kein hochmoralischer Mensch – eher ein ziemlicher Hallodri“, erinnert sich ein Winsener. Aber der kommunistische Handwerker Wilhelm Scheinhardt war selbst schon im KZ gewesen, und als es drauf ankam, tat der Vater einer kinderreichen Familie das Richtige. Etwa eine Woche lang versteckte er die Häftlinge. Seine Frau Alwine kochte den Franzosen Tag für Tag Pellkartoffeln, und als General de Gaulle im Rundfunk sprach, ließ Scheinhardt ­einige von ihnen sogar in seinem Haus mithören: „Kommt, euer General spricht!“
„Die Zivilcourage, die Scheinhardt an den Tag legte, war heldenhaft“, sagt Julius H. Krizsan: „Seine Tat hätte ihn selbst das Leben kosten können.“ Während der Tischler die Franzosen vor den Häschern verbarg, durchkämmte die SS den nahen Wald und erschoss geflohene Häftlinge, die sich dort versteckt hatten. „Wir hatten große Angst“, sagt Marie-Antoinette Pappé. Dann, endlich, kamen die Eng­länder.

„Ich zog ein Herrenjacket an“

„Die britischen Soldaten quartierten uns in eine Wohnung ein, gaben uns Seife und etwas zu essen“, sagt die 95-Jährige. In einem Haus ganz in der Nähe des Stalls requirierten die Briten Kleidung für die abgemagerten, verlausten Häftlinge. Sie warfen Hosen und Jacken auf einen Haufen und sagten den Franzosen, sie sollten sich passende Stücke heraussuchen. „Ich zog ein Herrenjackett an – und in der Tasche fand ich später diese Uhr“, sagt ­Marie-Antoinette Pappé.

Wenige Tage nach der Befreiung wurden die Franzosen mit dem Flugzeug nach Brüssel ausgeflogen, mit dem Zug ging es dann weiter nach Frankreich. Es war nicht die historische Stunde, in der eine ehemalige französische KZ-Gefangene viel Mühe darauf verwendet hätte, nach dem deutschen Besitzer einer eher billigen Uhr zu suchen. Stattdessen sollte die Uhr Marie-Antoinette Pappé ein ganzes Leben lang begleiten – und auch das Land, in dem sie gelitten hatte, ließ sie nie los.
„Mutter hat immer viel Wert darauf gelegt, dass wir Kinder Deutsch lernen“, sagt ihre Tochter Cathérine Tschirschky. „Sie wollte, dass sich ein Krieg zwischen unseren Ländern nie wiederholt.“ Cathérine Tschirschky heiratete sogar einen Deutschen. Und ihr Mann Walter, der aus Brandenburg stammt, rief vor einigen Wochen dann im Winsener Rathaus an. Im Auftrag seiner Schwiegermutter fragte er, ob sich der rechtmäßige Eigen­tümern der alten Uhr wohl noch ermitteln lasse.

Der Anruf kam gerade zur richtigen Zeit: „Im vergangenen Jahr haben wir in der Gemeinde die Geschichte der Todesmärsche intensiv aufgearbeitet“, sagt Bürgermeister Dirk Oelmann. „Im April wollen wir einen Gedenkstein aufstellen, der daran erinnert.“ Der Text der Tafel soll auch Wilhelm Scheinhardt würdigen, den Retter der neun Franzosen, der 1980 starb: „Er ist ja so etwas wie der Oskar Schindler von Winsen“, sagt Bürgermeister Oelmann.
Wilhelm Scheinhardt war ein liebenswürdiger, sehr hilfsbereiter Mann“, sagt Marie-Antoinette Pappé über ihren Helfer von damals. Von den Häftlingen, die der Tischler seinerzeit versteckte, ist sie die Einzige, die heute noch lebt.

Die Taschenuhr kehrt heim

Ihre Suche nach den Besitzern der Uhr war schnell von Erfolg gekrönt: Dank des eingravierten Namens wurde der Winsener Bürgermeister bald fündig. Ein Enkel von Heinrich Köhler lebt heute noch in dem Haus, in dem die Briten damals die Kleidung beschlagnahmten: „Meinen Großvater habe ich nie kennengelernt“, sagt Herbert Köhler. „Umso mehr würde ich mich freuen, seine Uhr zu bekommen.“

Im kommenden April, wenn der Gedenkstein errichtet wird, soll die Taschenuhr jetzt aus Paris nach Winsen heimkehren. Cathérine und Walter Tschirschky wollen bei der Feierstunde dabei sein und die Uhr mitbringen. ­Marie-Antoinette Pappé hingegen wird wohl nicht nach Winsen kommen: Sie fühle sich zu alt für eine so weite Reise, sagt die 95-Jährige. Für den Heideort wird der Tag der Uhrenübergabe ein besonderer Tag sein, sagt Bürgermeister Oelmann. Ein Datum, an dem der Atem der Geschichte durch Winsen weht. „Irgendwie“, sagt er, „kommen da Dinge wieder zusammen, die vor 70 Jahren zerrissen worden sind.“

Kriegsrelikte kehren heim

Uhren, Schmuck, Porzellan – viele Wertgegenstände wechselten im Krieg den Besitzer. Im großen Stil plünderten die Nazis besetzte Länder aus, und 1945 verfrachteten Sowjets beträchtliche Mengen Beutekunst in Moskauer Museen. Jenseits der großen, staatlich angeordneten Raubzüge nahmen auch einfache Soldaten aller Länder auf eigene Faust gern Kriegssouvenirs an sich – teils nicht aus Gier, sondern als emotionale Erinnerungsanker an ihren Einsatz. Oft können Erben heute nichts mehr mit dem Strandgut der Geschichte anfangen – und setzen mit einer freiwilligen Rückgabe Zeichen der Versöhnung. Oft sind diese wichtiger als die Gegenstände selbst.

■   Im Mai 2005 bekam die Stiftskirche in Kleve eine spätgotische Holzfigur zurück. Ein kanadischer Soldat hatte sie 1945 aus den Trümmern geborgen und mitgenommen. Sein Sohn wandte sich sechs Jahrzehnte darauf an die Koordinierungsstelle „Lost Art“ in Magdeburg, die im Krieg verschobenes Kulturgut erfasst. Er schickte die Statue mit der Post über den Atlantik.
■   Am Ostersonntag 1946 fand der amerikanische Arzt Guido Borsinger in den Trümmern der hannoverschen Aegidienkirche den barocken Marmorkopf einer Heiligenfigur – und nahm ihn mit in die USA. Im Jahr 2004 schickte der 88-Jährige den Kopf zurück nach Hannover – dieser solle an seinem Herkunftsort einen würdigen Platz finden. Seitdem schlummerte der Kopf im ­Tresor der Marktkirchen­gemeinde, demnächst soll er einen festen Platz in der Kreuzkirche finden.
■  Die Witwe eines russischen Stalingrad-Veteranen schickte im ­Oktober 2005 zwei Bücher nach Deutschland. Ihr Mann hatte diese im Sturmgepäck eines gefallenen deutschen Soldaten gefunden. Da Stempel in den Büchern aufs „Reichsforstministe­rium“ verwiesen, wurden sie ans Bundesernährungsministerium übergeben.
■  Als 18-jähriger US-Soldat hatte Robert Thomas in einem hessischen Salzbergwerk zwei 400 Jahre alte Bücher mit ­juristischen Schriften als Souvenirs mitgenommen. Diese waren kriegsbedingt in das Depot ausgelagert worden. Im Alter von 83 Jahren übergab er die Bücher 2009 an den deutschen Botschafter in Washington: „Es ist richtig, dass die Bücher nach Hause zurückkehren.“
■   Das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum bekam 2011 ein kostbares japanisches Schwert zurück, das ein jüdischer G.I. 1945 hatte mitgehen lassen. Der Enkel eines anderen US-Soldaten, der jüdische Kameramann Abraham Raphael, hatte den betagten Veteranen überredet, es zurückzugeben. Er sehe darin eine Art Friedensmission, sagte Raphael bei der Übergabe.
■    Im Hauptstaatsarchiv Hannover lieferte 2007 der Sohn eines ehemaligen Wehrmachtssoldaten 38 historische Dokumente aus der Zeit von 1564 bis 1856 ab. Sein Vater hatte diese einst aus dem besetzten Polen mitgebracht, er selbst hatte sie nach dessen Tod im Nachlass entdeckt. „Sie sollen dem rechtmäßigen Eigen­tümer zurückgegeben werden“, sagte der Finder. Der damalige Archivdirektor Manfred von Boetticher übergab die Urkunden der Hauptarchivverwaltung in Warschau. „Die Reaktion dort war überwältigend freundlich“, sagte er.

be

10.01.2014
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