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Deutschland / Welt Kampf gegen die Mafia – in Italien eine Frage des Denkens
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Kampf gegen die Mafia – in Italien eine Frage des Denkens
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08:27 26.03.2009
Am 5. November 2007 erwischte die Polizei die zwei mächtigsten Thronanwärter: Vater (Foto) und Sohn Lo Piccolo, die obersten Mafiosi der Stadt Palermo
Am 5. November 2007 erwischte die Polizei die zwei mächtigsten Thronanwärter: Vater (Foto) und Sohn Lo Piccolo, die obersten Mafiosi der Stadt Palermo Quelle: afp
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In Palermos Altstadt toben heiße Schlachten. Nacht für Nacht geht es hier um Leben und Tod. Mehr noch: um die Rettung des Abendlandes. In schimmernder Wehr stehen sich Ritterheere gegenüber, jene Karls des Großen und die der Sarazenen, das christliche Europa gegen die muslimischen Eroberer, rotbäckige Helden in stählernem Harnisch gegen Fieslinge in Pluderhosen. Da gellen Schlachtrufe, da krachen Schwerter, da gehen ganze Städte in Feuer unter. Und der 61-jährige Mimmo Cuticchio zieht die Drähte.

Der Mann mit grauer Löwenmähne und Löwenbart ist Palermos letzter „Cuntastorie“, zu Deutsch: Geschichtenerzähler. Die anderen „Cuntastorie“ einer langen Tradition sind dem Kino und dem Fernsehen gewichen, nur Cuticchio – inzwischen zum Unesco-Weltkulturerbe befördert – betreibt sein buntes Marionettentheater weiter. Die Heldendramen aus dem Mittelalter lässt er wieder aufleben, 371 Folgen lang ist allein die Geschichte von Karl dem Großen und Roland, seinem rasenden Paladin.

Ein paar Hundert Meter weiter, nicht im dunklen Gassengewirr, sondern in der hellen Weite des Hafens, führt der Unternehmer Lo Bello mit dem ritterlichen Vornamen Ivanhoe noch ganz andere Schlachten. Sie sind moderner; man sieht sie nicht. Manchmal weiß man nicht einmal, wer die Guten und wer die Bösen sind. Lo Bellos Schlachten gehören zum „Mythos Sizilien“ und sind doch allgegenwärtig, jeden Tag. 80 Prozent der Wirtschaftstreibenden in Palermo zahlen Schutzgeld an die Cosa Nostra, und Lo Bello, der Vorsitzende des sizilianischen Industriellenverbandes, will dies abstellen. Der 45-Jährige spricht von einem „kulturellen Projekt“: „Das mafiöse System zu durchbrechen, das ist eine Frage des Kopfes, des Denkens.“

In der Tat. Das ist die sizilianische Frage von heute: Warum gibt es hier keinen Aufstand gegen die Mafia – ähnlich wie jetzt auf dem italienischen Festland? Für eine ernsthafte Bedrohung hält Lo Bello sie derzeit nicht mehr, auch wenn er natürlich im gepanzerten Auto durchs Land fährt: „Der Staat hat hervorragende Arbeit geleistet. Polizei, Staatsanwälte und Gerichte haben die Struktur der Cosa Nostra sehr geschwächt. Heute könnte man in Sizilien sogar große Bauprojekte durchziehen, ohne dass die Mafia sich einmischen oder die beteiligten Firmen unter Druck setzen würde.“ Man könnte heute „geradezu die Jahrhundertbrücke über die Meerenge von Messina bauen“, sagt Lo Bello und fügt hinzu: „Jedenfalls auf sizilianischer Seite.“ Über das kalabrische Ufer, das Reich der ’Ndrangheta, will er lieber nicht reden.

Zwei Daten markieren die Wende im Kampf gegen die Cosa Nostra: Am 11. April 2006 wurde der „Boss der Bosse“ verhaftet, Bernardo Provenzano; 43 Jahre lang war er untergetaucht. Am 5. November 2007 erwischte die Polizei die zwei mächtigsten Thronanwärter: Vater und Sohn Lo Piccolo, die obersten Mafiosi der Stadt Palermo. Bei ihnen war der „Kassenwart“ der Stadtmafia – und weil es ihm in der Eile des Zugriffs nicht mehr richtig gelang, den Inhalt seines Aktenkoffers durchs Klo zu spülen, bekamen die Ermittler auf einen Schlag nahezu die gesamte Buchhaltung der palermitanischen Mafia in die Hand.

Welches Geschäft zu welchen Terminen an welchen Mafiaboten wie viel Schutzgeld zahlte – alles stand da verzeichnet. Mit Klarnamen. Ferner liefen nach der Verhaftung der Lo Piccolo zahlreiche kleinere Clanmitglieder zur Polizei über und packten aus. Das ermöglichte weitere Großrazzien. Dabei setzte die Polizei insgesamt 97 Drahtzieher der Mafia fest. Und neulich musste die Polizei nicht lange nach dem Verantwortlichen suchen, als wieder einmal die Schlösser etlicher Geschäfte zugeklebt worden waren – eine deutliche Warnung der Mafia, dass keiner ohne ein Arrangement mit ihr einen Laden aufmachen darf, danach folgen Brandsätze. Glaubt man den Ermittlern, dann ist außer den Quartierfürsten nicht viel übrig geblieben von der Cosa Nostra.

Doch es gibt andere Beobachtungen. Daniele Marannano gehört zu jenen Studenten, die Mitte 2004 die Stadt Palermo übersät haben mit Aufklebern: „Ein Volk, das Schutzgeld an die Mafia zahlt, ist ein Volk ohne Würde.“ Daraus ist „Addio Pizzo“ geworden, die Bewegung „Schutzgeld ade!“, und dieser haben sich nach letztem Stand 350 Geschäfte in Palermo angeschlossen. Dass sie kein Schutzgeld zahlen, das garantiert „Addio Pizzo“ mit Brief und Siegel; darüber hinaus haben sich an die zehntausend „kritische Konsumenten“ verpflichtet, nur bei mafiafreien Betrieben einzukaufen.

„Wir haben das Ziel erreicht. Wir haben das Tabu des Schweigens, der omertà, durchbrochen“, freut sich „Addio Pizzo“. Aber 350 Geschäfte von den 10.000 oder mehr, die es in Palermo gibt – ist das nicht sehr wenig? Diese drei, vier Promille? „Die anderen zahlen tendenziell ihr Schutzgeld weiter“, gibt Marannano zu. „Aber so winzig unsere Zahlen aussehen, sie haben einen hohen Wert. Sie zeigen, dass es möglich ist, aus dem Pizzo-System auszusteigen. Heute gibt es eine Alternative.“

Auch Enrico Colajanni von der Aktion „Freie Zukunft“ will die Firmen ermutigen, das Joch der Mafia abzuschütteln. Aber viele, räumt er ein, trauen sich nicht. „Dem Mafiaboten die Zahlung zu verweigern und ihn umgehend anzuzeigen, das ist für viele immer noch ein Sprung ins Leere. Die Leute haben Angst.“ Hinzu kommen andere Sorgen: „Wer der Mafia den Pizzo kündigt oder gar vor Gericht gegen seine Erpresser aussagt, riskiert, von den Banken bestraft zu werden. Die stufen den Betrieb dann als besonders bedroht ein und kündigen Kreditlinien und Girokonten“, sagt Colajanni. Andere befürchten, wegen Bilanzfälschung belangt zu werden. Denn irgendwo haben sie ja bisher die illegalen Schutzgeldzahlungen verstecken müssen.

Es stimmt schon, räumen die jungen Leute bei „Addio Pizzo“ ein: „Erst wenn wir eine Massenbewegung werden, kriegen wir die Cosa Nostra klein.“ In diesem Sinne sagt auch der oberste Mafia-Staatsanwalt Italiens, Piero Grasso: „Wir haben das Schutzgeldsystem der Mafia in die Krise geführt. Früher konnten die Erpresser sicher sein, dass sie nicht angezeigt würden. Das ist heute anders, für die Täter ist das Risiko unberechenbar geworden.“ Aber Grasso fügt hinzu: „Tot ist die Mafia erst, wenn keiner mehr Schutzgeld zahlt.“

Dass das System intakt ist, dass „die Firma“ weiterproduziert, auch wenn die Chefs weg sind, dafür gibt es weitere Anzeichen. Nach gängigen Schätzungen macht allein die sizilianische Mafia einen Jahresumsatz von 35 bis 40 Milliarden Euro – gespeist vor allem aus dem Drogenhandel, dann aus dem Waffenschmuggel, aus dem Abgreifen öffentlicher Aufträge, aus Erpressung. Das Schutzgeld macht darin fast den geringsten Teil aus; es dient laut Ermittlern nur dazu, die Gehälter der Clanmitglieder, den Unterhalt der inhaftierten Bosse, die „Renten“ ihrer Familien sowie die Anwaltskosten zu bestreiten – vor allem aber dazu, die Herrschaft über ein Territorium aufrechtzuerhalten.

Die Cosa Nostra erschöpft sich aber offenbar nicht darin, den laufenden Betrieb aufrechtzuerhalten. In den Justizbunkern von Palermo sieht Staatsanwalt Antonio Ingroia in der Weltwirtschaftskrise geradezu die neue Stunde der Mafia gekommen: „Wenn es überhaupt jemanden gibt, der heute flüssige finanzielle Mittel in Menge hat, dann die organisierte Kriminalität.“ Die Mafia könnte so zum bestimmenden Finanzier Not leidender Firmen werden – und diese damit von innen übernehmen, befürchtet Ingroia.

Außerdem, sagt der Staatsanwalt, sei „die Cosa Nostra von heute an der Börse“. Sie bediene sich internationaler, äußerlich unverdächtiger Finanzgesellschaften, bei denen sich „das schmutzige Geld mit sauberem mischt und kaum mehr zu unterscheiden ist“. Diese Finanznetze, so darf man Ingroia verstehen, sind selbst mit der Inhaftierung nahezu aller großen Bosse nicht gerissen. Das führt zur Frage: Wer knüpft sie? Gibt es eine Mafia hinter der Mafia – wie im Universum viel dunkle Materie um ein paar sichtbare Sterne herum? Ist womöglich nicht „die“ Mafia das Problem, sondern die undurchdringliche bürgerliche Grauzone um sie herum?

Dabei tut sich auch im amtlichen Sizilien etwas. Das Regionalparlament hat einmütig das erste Gesetz zur Bekämpfung der Mafia beschlossen: Wer Schutzgelderpresser anzeigt, zahlt fünf Jahre keine Steuern; öffentliche Aufträge sollen nur an mafiafreie Firmen gehen. Auch der Industrieverband unter Ivanhoe Lo Bello setzt seinen „Moral-Kodex“ durch. Schon ein Dutzend Firmen, die sich mit der Mafia eingelassen haben, sind aus dem Verband ausgeschlossen worden.

Den „Kultursprung“ sieht Lo Bello aber in einer generellen Modernisierung der Insel: „Das Schutzgeld zahlen vorzugsweise Betriebe aus rückständigen Sektoren oder mit veralteter Produktion. Bei den Hightechbetrieben gehört der Pizzo nicht zur Unternehmenskultur.“ Große Konzerne gar, die würden erst gar nicht auf Schutzgeld angesprochen: „Die Erpresser brauchen ein persönliches Gegenüber. Wenn sie vor einer Industrieanlage stehen und statt eines Chefs nur eine anonyme Ansammlung von zehn Pförtnern sehen, dann geben die auf.“
Für Sizilien müssten Staat und Region aber mehr tun, als nur die Mafia zu bekämpfen, sagt Lo Bello. Die quasifeudalen Strukturen wie jene aus den Zeiten der „Geschichtenerzähler“, die überbordende Bürokratie, sie wirkten „lähmender als die Mafia“.

von Paul Kreiner