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23:14 02.02.2011
Tag der Gewalt in Kairo: Der Kampf um die Zukunft Ägyptens eskaliert.
Tag der Gewalt in Kairo: Der Kampf um die Zukunft Ägyptens eskaliert. Quelle: dpa
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Die Sterne standen stets günstig für den modernen Pharao, zumindest in der staatlichen ägyptischen Tageszeitung al Gumhuriya. Anders als bei den anderen Sternzeichen mit ihrem täglich wechselndem Auf und Ab fanden sich dort unter dem präsidialen Horoskop des Stieres immer nur huldigende Prophezeiungen. „Deine Taten sind heute ehrlich, und was du sagst, ist einfach wunderbar“, hieß es so oder so ähnlich, an welchem Wochentag, zu welch stürmischen Zeiten auch immer. So wurde das ägyptische Staatsoberhaupt Hosni Mubarak jeden Tag der Woche nicht nur auf den Titelseiten der staatlich gelenkten Presse gepriesen.

Doch nun befindet sich sein Stern im freien Fall, um im Universum zu bleiben: Seine letzten Auftritte erschienen eher von einem anderen Planeten, Galaxien von seinem Volk entfernt. Nach 30 Jahren autokratischer Herrschaft verweigern ihm die Ägypter die Gefolgschaft.

Eigentlich hatte man eher ein anderes Ende für den Präsidenten Mubarak vermutet. Immer wieder war in den letzten Jahren über den Gesundheitszustand des 82-Jährigen spekuliert worden. Dass sein zwölfjähriger Lieblingsenkel überraschend im Mai 2009 starb, hatte den alten Mann sichtlich mitgenommen. Völlig teilnahmslos empfing er wenige Tage darauf Barack Obama zu dessen historischer Rede über die islamische Welt in Kairo. Neben dem jungen, energiegeladenen US-Präsidenten wirkte der apathische Mubarak wie eine steinerne Sphinx. Ganz Ägypten spekulierte daraufhin, dass Mubarak zumindest mit seinem politischen Leben abgeschlossen habe.

Viele Ägypter hatten bereits 2003 gedacht, es sei so weit, als Mubarak bei einer Rede vor dem Parlament zusammengebrochen war. Zahlreich waren die Gerüchte, dass er immer wieder ins Koma falle. Krankenhausaufenthalte in Deutschland und in Frankreich heizten die Gerüchteküche an. Aber ebenso häufig kamen die offiziellen Dementis. „Meinem Mann geht es wie einer blühenden Jasminblüte“, versuchte Ägyptens First Lady Susanne Mubarak im August 2007 blumig alle Bedenken zu zerstreuen. Doch sein wahrer Gesundheitszustand wurde wie ein militärisches Staatsgeheimnis gehütet.

Damit einher ging stets die Sorge der Ägypter darüber, wie es weiter geht, wenn der Mann, der drei Jahrzehnte an der Spitze des Staates stand, einmal nicht mehr die Geschicke ihres Landes lenkt. Viele wollten ihn loswerden, empfanden ihn als farblos, als Mann ohne Visionen, manchmal gar etwas tölpelhaft. Aber immer galt daneben: Mubarak ist auch ein Garant für Stabilität.

Trotz seines alles andere als zimperlich agierenden Geheimdienstapparates, der ihm mehr als alle inszenierten Scheinwahlen die Macht in seinem korrupten Staat absicherte, war er für viele an den Ufern des Nils vielleicht doch noch besser als alles Unbekannte, das angesichts der Vielzahl nahöstlicher Konflikte nach ihm lauert. Das galt umso mehr, als die meisten Ägypter nur ein Leben unter Mubaraks Herrschaft kennen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 20 Jahre.

Spätestens mit der Revolte in Tunesien war auch ein anderes Szenario ad acta gelegt: die Versuche, seinen Sohn Gamal als quasi pharaonischen Thronfolger zu etablieren. Diese waren ohnehin immer zweideutig geblieben und offiziell niemals abgesegnet worden. Da war wohl auch das Militär davor, das in der Republik Ägypten gerne selbst regelt, wer die Staatsgeschäfte lenken darf, und aus eigenem Machterhaltungstrieb skeptisch auf alle dynastischen Anwandlungen blickt.

Mubarak selbst verdankt seine Karriere zunächst dieser Logik. Er entstammt einer klassischen Mittelschichtfamilie aus der nördlich von Kairo gelegenen grünen Nildeltaprovinz Monuifija, die damals ihrer Zeit entsprechend im Militär die beste Laufbahn für den jungen Hosni sah. Der durchlief eine traumhafte Karriere an der nationalen Militärakademie, kam zur Luftwaffe. Zwei Jahre nach der Niederlage gegen Israel 1967 wurde er in das Kommando der Luftwaffe berufen und 1972 zum Luftwaffenchef und Vizekriegsminister erkoren. Drei Jahre später ernannte ihn sein Mentor, der damalige Präsident Anwar al Sadat, zum Vizepräsidenten.

Anders als seine wenig aufsehenerregende Persönlichkeit waren die Umstände von Mubaraks Amtsantritt spektakulär oder besser gesagt, das Ende seines Vorgängers war es. Sadat wurde am 6. Oktober 1981 bei einer Militärparade in Kairo von einer Gruppe militanter Islamisten auf der Tribüne erschossen.

Acht Tage nach der Ermordung Sadats übernahm sein Stellvertreter Mubarak mit wesentlich weniger Charisma und noch weniger internationaler Bekanntheit das Zepter. Es hätte trotz seiner vorherigen Ernennung zum Vizepräsidenten ganz anders kommen können. Mubarak saß bei der besagten Militärparade direkt neben seinem Vorgänger Sadat, als die Heiligen Krieger der radikal-islamischen Dschihad-Gruppe von der Parade aus die Tribüne unter Beschuss nahmen. Der damals 53-jährige Mubarak blieb wie durch ein Wunder unversehrt.

Er sollte noch fünf weitere Anschläge auf sein Leben überstehen. Mal drehte sein geistesgegenwärtiger Fahrer bei einem Staatsbesuch im Juni 1995 in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba gerade noch bei, als seine Fahrzeugkolonne in einen Hinterhalt militanter Islamisten geriet. Mal entdeckten die Sicherheitskräfte nur durch Zufall, dass die Landebahn, auf der das präsidiale Flugzeug herunterkommen sollte, vermint worden war. Mubaraks massig anmutender Körperbau war auch der schusssicheren Weste unter seinem Anzug geschuldet, ohne die er nie in der Öffentlichkeit auftrat.

Obwohl teilweise in der Sowjetunion als Pilot ausgebildet, baute Mubarak konsequent die Position des bevölkerungsreichsten arabischen Landes als wichtigster arabischer Verbündeter der USA aus. Der Höhepunkt dieser Politik war im Irak-Krieg 1991 erreicht, als Mubarak gegen Saddam Hussein ägyptische Truppen zur Befreiung des von den Irakern besetzten Kuwait ins Feld schickte. Ein Schritt, der sich für Ägypten finanziell mit einem Schuldenerlass von 20 Milliarden Dollar und einer weiteren Umschuldung in gleicher Höhe auszahlte.

Mubarak hatte schnell seine Chance erkannt, als Washington verzweifelt nach einem arabischen Alliierten gegen Saddam suchte. Das hielt ihn aber nicht davon ab, mehr als ein Jahrzehnt später, 2003, George W. Bush vor dem nächsten Feldzug gegen Saddam in weiser Voraussicht energisch vor dem Chaos zu warnen, das in der Region ausbrechen werde.

Den von seinem Vorgänger begonnenen kalten Frieden mit Israel hielt Mubarak aufrecht. Er widersetzte sich dem Druck der arabischen öffentlichen Meinung, die zur Unterstützung der zwei palästinensischen Intifadas immer wieder einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Israel gefordert hatte. Aber es blieb ein unterkühltes Verhältnis.

Nur ein einziges Mal, zur Beerdigung des ermordeten israelischen Premiers Jitzhak Rabin, reiste Mubarak in sein Nachbarland. So konnte sich der ägyptische Präsident immer wieder als ehrlicher Makler im Nahostkonflikt präsentieren, zuletzt, um einen Waffenstillstand im Gaza-Krieg zu erreichen oder als er an der Freilassung des von der Hamas gefangen genommenen israelischen Soldaten Schalit arbeitete.

International schärfte Mubarak gerade mit dieser Vermittlerrolle sein Profil, während er innenpolitisch in den letzten Jahren seinem Land wenig neue Impulse brachte. Dort versuchte Mubarak, die Islamisten im Zaum zu halten, indem er den Moderaten unter ihnen einen halb legalen Status verlieh, der es den Muslimbrüdern ermöglichte, bei den letzten Wahlen trotz massiven staatlichen Wahlbetrugs ein Fünftel der Parlamentssitze zu gewinnen.
Doch Ägyptens Parlament hat nur begrenzten Einfluss, alle wichtigen Entscheidungen wurden stets vom Präsidenten selbst per Dekret beschlossen. Das noch aus Sadats Zeiten stammende Notstandsgesetz hat es Mubarak immer wieder ermöglicht, die Daumenschrauben gegen die Muslimbrüder anzuziehen, ihre Kader zu verhaften und sie durch Militärgerichte ohne faire Prozesse aburteilen zu lassen.

Nach außen und innen verkaufte Mubarak sein Regime immer als Bollwerk gegen die Islamisten. „Entweder ich oder die Islamisten“, lautete die Marketing-Devise. In Wirklichkeit hatte er, ohne eigenes säkulares nationales Projekt, den Islamisten gesellschaftlich längst das Feld überlassen. Sie durften Straße und Moscheen regieren, solange sie nicht die Machtfrage stellten. Zeigte sich für Letzteres nur das kleinste Anzeichen, trat der Sicherheitsapparat in Aktion.

Unterdessen machte eine Gruppe superreicher Geschäftsleute unter dem Schutz und dem Schirm Mubaraks ihre Geschäfte, darunter auch seine beiden Söhne Gamal und Alaa. Zahlreich sind die Witze über die Korruption rund um Mubarak, wie beispielsweise der folgende: Alaa wird zur Mercedes-Vertretung in Kairo eingeladen. „Für nur zwei Euro können sich Eure Exzellenz eine Luxuslimousine aussuchen“, preist der Mercedes-Verkäufer seine Bestechungsgabe an. Der Präsidentensohn zückt einen Zehn-Euro-Schein. „Ich habe aber kein Wechselgeld“, entschuldigt sich der Mercedesvertreter. „Macht nichts“, entgegnet Alaa, „dann nehme ich eben fünf Fahrzeuge.“

Auf Debatten über Reformen und demokratischen Wandel blickte Mubarak in seinem gesamten politischen Leben stets mit Skepsis. Er wusste wie alle arabischen Autokraten nur zu gut: Ernsthafte Reformen bedeuten in letzter Konsequenz, sich selbst wegzureformieren. Es gab in den letzten 50 Jahren keinen einzigen arabischen Führer, der abgewählt wurde. Veränderungen wurden mit dem Tod des Staatsoberhaupts eingeleitet, mit einem Militärputsch oder mit einer ausländischen Intervention.

Das war allerdings vor der neuen tunesischen Zeitrechnung. Nach dem Diktator Ben Ali ist Mubarak nun das zweite Opfer eines neuen arabischen Selbstbewusstseins. Im Zentrum Kairos, am Platz der Befreiung, schlägt des Pharaos letzte politische Stunde.

Karim El-Gawhary

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