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Deutschland / Welt „Der neue Marx“ wird zum Star in den USA
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00:21 04.06.2014
Von Stefan Koch
Beendet ein französischer Ökonom den „Amerikanischen Traum“? Thomas Piketty. Quelle: dpa
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Washington

Wo liegt der gerechte Lohn? Die Amerikaner diskutieren in diesen Tagen in Talkshows und Kommentarspalten öffentlich eine uralte Frage, die man früher in den USA als pure Privatangelegenheit abgetan hätte.

Ist zum Beispiel die Summe gerechtfertigt, die David Tepper einstreicht? Soeben wurde das Jahresgehalt des Aktienhändlers bekannt: Der 56-Jährige, verheiratet, drei Kinder, brachte im Jahr 2013 geschlagene 3,5 Milliarden Dollar mit nach Hause. Noch mal: 3,5 Milliarden, nicht Millionen. Eine Summe, die selbst in New York City, der Herzkammer des Kapitalismus, die Menschen innehalten ließ: Geht bei uns eigentlich alles noch mit rechten Dingen zu?

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Der erfolgreiche Volkswirtschaftler, der im persönlichen Umgang als überaus freundlich und zurückhaltend gilt, leitet die Hedgefonds „Appaloosa I“ und „Palomina“, die sich auf die Aktien von angeschlagenen Unternehmen konzentrieren. Teppers Gehalt setzt sich aus zwei Faktoren zusammen: Er erhält zwei Prozent der Summe, die die Anleger ihm anvertrauen. Zusätzlich gibt es eine Gewinnprovision von 20 Prozent, die nur geringfügig versteuert wird.

Die Exzesse an der Wall Street sind nicht neu. Doch in diesen Tagen erscheinen sie wie die Bestätigung einer These, die Millionen Familien aus der amerikanischen Mittelschicht umtreibt: Auf lange Sicht gesehen lohnt sich harte Arbeit nicht. Der Weg zu einem Vermögen führt offenbar über eine andere Route. Oder, um es mit einem französischen Sprichwort zu sagen, das in Amerika gerade viel zitiert wird: „L’argent appelle l’argent“ - das Geld folgt dem Geld.

Was aber, wenn einer keins hat? Bleibt er dann für immer arm? Was ist aus dem Versprechen Amerikas geworden, vielleicht auch jemanden, der als Tellerwäscher startet, nach und nach zum Millionär werden zu lassen - wenn er denn nur fleißig ist, erfindungsreich und unternehmungslustig?

Der französische Ökonom Thomas ­Piketty hat in diesem Jahr den „Amerikanischen Traum“ entzaubert: als Märchen, an das man besser nicht glauben sollte. Pikettys Buch „Capital in the Twenty-First Century“ (Kapital im 21. Jahrhundert) durchkreuzt alle bisherigen Gewissheiten der Amerikaner und schlägt derzeit auf dem Buchmarkt wie eine Bombe ein: In renommierten Buchläden wie Barnes & Nobel in Washington liegen unendlich lange Bestelllisten aus, und niemand vermag zu sagen, wann die nächsten gedruckten Exemplare ausgeliefert werden.

Piketty empfiehlt weltweite Reichensteuer

Auf 685 Seiten will der streitbare Wissenschaftler nachgewiesen haben, dass der Kapitalismus nicht funktioniert - jedenfalls nicht so, wie es seine Befürworter gern hätten. Während etwa die US-Republikaner darauf beharren, dass kein anderes System mehr Wohlstand für alle schaffe als ein freier Markt mit wenig Steuern, pocht Piketty auf das Gegenteil: Geradezu zwangsläufig erhöhten sich Ungleichheit und Vermögenskonzentration. Als Gegenmaßnahme empfiehlt er eine weltweite Reichensteuer.

Von höheren Steuern wollte die amerikanische Mittelschicht jahrzehntelang nichts wissen. Heute aber spitzt sie die Ohren, wenn Piketty im amerikanischen Fernsehen spricht. Ihre Einkommen, sagt er ihnen, fielen relativ gesehen immer weiter zurück. Parallel aber wachse die Rendite auf Kapital.

Anders als die berühmte Vorgängerschrift von Karl Marx besticht die Untersuchung von Piketty durch die Datenflut. Obwohl der Autor erst 43 Jahre alt ist, sammelt er bereits seit zwei Jahrzehnten Zahlen zum weltweiten Einkommen. Manche Angaben reichen ins 18. Jahrhundert zurück. Ins Visier nimmt der Wissenschaftler die Volkswirtschaften von 20 Staaten.

Seine Erkenntnis: Die soziale Schieflage ist so alt wie der Kapitalismus, allerdings hätten die zwei Weltkriege zumindest zwischenzeitlich für eine gewisse Nivellierung gesorgt. Die fünfziger, sechziger und siebziger Jahre in Westeuropa und in den USA bewertet Piketty als eine Ausnahmephase, die letztlich politisch durch den Kalten Krieg bedingt war. Etwa seit den achtziger und vor allem neunziger Jahren sei die hässliche Normalität der entfesselten Marktwirtschaft wieder klar erkennbar.

Vielleicht war es der Zusammenbruch des Bankkonzerns Lehman Brothers, der den „Amerikanischen Traum“ für viele Amerikaner beendet hat. Vielleicht war es auch das jahrelange vergebliche Mühen um einen besseren Job, ein besseres Haus, eine bessere Ausbildung für die Kinder. Festzustellen ist jedenfalls: Im Jahr 2014 ist eine linke Fundamentalkritik am Kapitalismus in den USA so willkommen wie nie.

Obama von Pikettys Lektüre beeindruckt

Kein Geringerer als der Präsident höchstpersönlich verschaffte dem Franzosen Piketty und seinen Thesen eine ungeahnte Salonfähigkeit. Im kleinen Kreis erwähnt Barack Obama regelmäßig, wie ihn die Lektüre beeindruckt habe. Für den Chef im Weißen Haus ist das Buch eine Steilvorlage: Obama will den Mindestlohn auf 10,10 Dollar anheben und eine Mindeststeuer für die Superreichen durchsetzen. Eine bessere Begründung für diese Strategie hätte er sich kaum wünschen können.

Nicht ohne Grund lud Finanzminister Jack Lew den aus Frankreich stammenden „neuen Rockstar der Ökonomie“ zum Kaffee ein, um in Ruhe mit Piketty über das Kapital zu sprechen. Und selbst Nobelpreisträger wie Joseph Stiglitz und Paul Krugman, die sonst lieber ihre eigenen Publikationen loben, sprechen von einem bahnbrechenden Werk. Pikettys Buch „Capital in the Twenty-First Century“ sei das wichtigste Wirtschaftsbuch des Jahres, schrieb Krugman in der „New York Times“. „Vielleicht des Jahrzehnts“, ergänzte er gar.

Amerikanische Mittelschichtfamilien verfolgen unterdessen die Debatte und fragen sich, was den neuen Theorien wohl in der Praxis folgen mag. Piketty ist auch in privaten Kreisen ein Thema. Sogar beim Kindergeburtstag des kleinen Noam am vergangenen Sonnabend an der Connecticut Avenue in Washington kam unter den Eltern das Gespräch auf den Franzosen. Vater Ralph, ein stämmiger Mittvierziger, von Beruf Architekt, bringt es auf den Punkt: „Wir haben alles richtig gemacht, stehen aber trotzdem schlechter da als unsere Eltern.“ Seine eigenen Studiengebühren habe er bis vor drei Jahren abgezahlt, und die Kredite für sein Haus werden ihn wohl bis ins hohe Rentenalter verfolgen. Seine Ehefrau Laureen ist im Schuldienst beschäftigt. Große Sprünge können sie dennoch nicht machen: „Wir haben zwei Kinder und sorgen uns schon heute darüber, wie wir deren Studiengebühren in zehn Jahren aufbringen sollen.“ Notfalls werde man die Großeltern mit heranziehen.

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