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Deutschland / Welt Kassandrarufe aus dem Grunewald
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10:55 05.06.2012
Von Daniel Alexander Schacht
„Deutschland war selten so einsam und isoliert": Joschka Fischer Quelle: dpa
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Berlin

Sicher ist, dass der Mann, der sieben Jahre nicht mehr im politischen Tagesgeschäft ist und nächstes Jahr das Rentenalter erreicht, sein Publikum noch immer zu elektrisieren vermag. Seine harten Attacken auf Kanzlerin Angela Merkel in der „Süddeutschen Zeitung“ haben bis Montagabend Hunderte meist zustimmende Leserkommentare allein in der Onlineausgabe der Zeitung hervorgerufen.

Und auch andere Websites legten, zum Wohle eigener Klickraten, Links zu Fischers Brandrede mit dem Titel „Europa in Flammen“. „Europa, angeführt von Deutschland, löscht lieber weiter mit Kerosin statt mit Wasser, und der Brand wird so mit der von Merkel erzwungenen Austeritätspolitik beschleunigt“, kritisiert da der einstige Vizekanzler die Kanzlerin, deren Sparpolitik die Finanzkrise nur „zur Depression“ verschärfe. Es drohe eine Wirtschaftskrise, „wie sie die heute lebende Generation noch nicht erlebt“ habe.

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Man darf bezweifeln, dass Austerität, zu deutsch Enthaltsamkeit, das treffendste Wort ist, um eine Politik zu beschreiben, in deren Folge Deutschland in den  Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM 167,4 Milliarden Euro einzahlt. Außer Zweifel steht aber, das diese Zahlungen allein wohl in der Tat nicht den Weg aus der Krise ebnen.

Fischer empfiehlt vier weitere Elemente: Strukturreformen, Wachstumsprogramme, eine  politische und eine Fiskalunion der EU. „Deutschland wird dabei wirtschaftlich und finanziell, Frankreich politisch über seinen Schatten springen müssen.“ Mit seinem Vier-Punkte-Plan ist der einstige Grünen-Übervater indes weniger einsam, als es die von ihm eingenommene Pose des einsamen Rufers nahelegt: Die Spitzen der EU  brüten für den Gipfel Ende Juni über durchaus ähnlichen Entwürfen.

Ob sich die Europäer darauf einigen werden, liegt nicht allein in Merkels Hand. „Deutschland war selten so einsam und isoliert“, warnt Fischer gleichwohl. „Man hält uns für ziemlich neben der und – einem Geisterfahrer gleich – gegen die Spur fahrend.“

Und dann wird der 64-Jährige, der mit seiner 36-jährigen Frau Minu Barati in Berlin-Grunewald lebt, komplett zur Kassandra: Er erinnert daran, dass Deutschland zwei Weltkriege ausgelöst hat – und schließt mit düsteren Worten: „Es wäre eine Tragödie und Ironie zugleich, wenn jetzt Deutschland, diesmal friedlich und mit den besten Absichten, die europäische Ordnung ein drittes Mal zu Grunde richten würde.“