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Deutschland / Welt Kiew, der Krieg und ein vergifteter Kompromiss
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19:12 26.01.2014
„Das Gerede interessiert mich nicht“: Der Mechaniker Ihor kämpft und lebt auf den Barrikaden, die Werbedesignerin Iryna hilft bei der Versorgung der Demonstranten. Quelle: Dondyuk
Kiew

Der Moment der Wahrheit für Vitali Klitschko nähert sich in eiskalter Nachtluft. Nervös steht der Boxweltmeister im Vorzelt hinter der Bühne des Maidan, auf dem seit über zwei Monaten die ukrainische Politik gemacht wird. Klitschko überragt sie alle: Arsenij Jazenjuk, den Vorsitzenden der Timoschenko Partei „Vaterland“, Oleh Tjahnibok, den Nationalisten, Pjotr Poroschenko, den Oligarchen, der dem Protest mit seinem Fernsehsender mediale Rückendeckung gibt.

Nun aber soll Klitschko in die zweite Reihe rücken.Nach zähen, mehrtägigen Verhandlungen hat Präsident Wiktor Janukowitsch der Opposition am Sonnabend ein verlockendes Angebot gemacht: Jazenjuk soll Premierminister werden, Klitschko sein Stellvertreter. Klitschko nennt das überraschende Angebot „vergiftet“. Er weiß: Weist er es zurück, hat der Präsident alles Recht, die Opposition als kompromissunfähig abzukanzeln. Nimmt er an, werden die Demonstranten ihn und Jazenjuk beschuldigen, für ein Stück vom Kuchen der Macht den Protest verraten zu haben.

„Seka het, Seka het“ schallen die Sprechchöre Tausender Demonstranten, „zum Teufel mit dem Kriminellen“. Damit ist Janukowitsch gemeint. Sechs Demonstranten sind während der Straßenkämpfe der letzten Tage gestorben. Nach solchen Opfern ist ein Rücktritt Janukowitschs das einzige, was die Menschen zufriedenstellen wird. Klitschko steigt die wenigen Stufen zur Bühne hinauf, greift das Mikrofon und ruft mit fester Stimme in die Kiewer Nacht: „Ruhm der Ukraine.“ Ihor kann ihn nicht hören, will es wohl auch nicht. Dabei steht der hochgewachsene junge Ukrainer nur einige hundert Meter von Klitschko entfernt. In der Luft liegt der beißende Geruch verbrannten Gummis. „Das ganze Gerede interessiert mich nicht“, schimpft er, ohne den Blick von jenen zu wenden, die ihm einen Steinwurf entfernt gegenüberstehen.

Hunderte Polizisten des Innenministeriums und Mitglieder der Sondereinheit „Berkut“ stehen dort hinter ihren metallenen Schutzschilden. Schon einige Stunden hält eine Waffenruhe. Was eher die Ausnahme ist: Zwischen Demonstranten und Polizei liegen die Gerippe ausgebrannter Polizeibusse, Tausende Pflastersteine, detonierte Feuerwerkskörper, Scherben von Molotowcocktails. Das Kampffeld ist bedeckt von einer dicken Eisschicht, nachdem die Polizei über Tage versucht hat, brennende Reifenbarrikaden zu löschen.

Am Mittwoch ist die Lage in Kiew eskaliert: Bei erneuten Zusammenstößen von Demonstranten und der Polizei sollen mindestens zwei Menschen ums Leben gekommen sein. Die Polizei stürmte zudem Barrikaden von Regierungsgegnern.

Ihor gehört wie Tausende andere den Selbstverteidigungseinheiten „Samooborona“ an. Er ist vorbereitet für den Fall, dass es wieder losgeht: Schienbeinschoner, Helm und Skibrille gehören zur Grundausstattung, mit seinem Gummiknüppel ist er aber eher schwach bewaffnet. Andere tragen metallene Lanzen, Mistgabeln, Baseballschläger. Der harte Kern der gewalttätigen Aktivisten ist der  „Rechte Sektor“, der sich aus Fußballhooligans und rechtsradikalen jungen Männern formiert. Es ist die Drohkulisse, die Janukowitsch zum Einlenken bewegen soll, nachdem zwei Monate friedlicher Proteste auf dem Maidan Nesaleschnosti, dem Unabhängigkeitsplatz, kein einziges Ergebnis gebracht haben. 

Ihor stammt wie viele jener radikalen Demonstranten aus einer Stadt im Westen des Landes. Er hat sich die Kiewer Dauerdemo zwei Monate im Fernsehen angeschaut, aber als er dort explodierende Tränengasgranaten sah, Polizisten, die wild auf Demonstranten einprügeln, als erste Berichte von Todesopfern folgten, da hat ihn nichts mehr gehalten. Am Mittwoch meldete er sich telefonisch beim Chef seiner Autowerkstatt ab, suchte im Stadtzentrum von Ternopil den Sammelplatz für Freiwillige, und in wenigen Stunden war er im Zentrum des Geschehens. Seitdem spielt sich sein Leben auf den Barrikaden ab: Wache halten, ein paar Stunden Schlaf im beheizten Armeezelt der Ternopiler auf dem Maidan, wieder zurück auf die Barrikaden. Wie lange soll das gehen? „Bis Janyk zurücktritt“, sagt er. Darum geht es jetzt.

Der Anschluss an die  Europäische Union? „Es wäre nicht schlecht, wenn man die Visa abschaffen würde“, fällt ihm dazu nur ein. Wie fest sitzt Präsident Janukowitsch noch im Sattel? Darüber spekulieren seit zwei Monaten nicht nur die Ukrainer. 2010 hatte er sich knapp gegen Julia Timoschenko durchgesetzt, und danach ein autoritäres System installiert: Er hat Timoschenko ins Gefängnis geworfen, in praktisch allen Landesteilen loyale Verwaltungschefs eingesetzt, er hat im Parlament eine Mehrheit formiert und die wichtigsten Medien unter seine Kontrolle gebracht. Und er hat sich persönlich bereichert: Sein Sohn Alexander hat praktisch aus dem Nichts ein Vermögen von einer halben Milliarde Dollar zusammengerafft.

Der Kragen platzte den Ukrainern aber erst, nachdem er ihnen ins Gesicht gespuckt hatte: Über Monate hatte selbst seine „Partei der Regionen“ für ein Assoziationsabkommen mit der EU geworben, doch plötzlich verweigerte er die Unterschrift wegen angeblich negativer Folgen. Seitdem stehen die Menschen auf dem Maidan. In mehreren Regionen, allerdings vor allem im ohnehin oppositionellen westlichen Teil des Landes, haben Demonstranten zudem über die letzten Tage die Gebietsverwaltungen besetzt, um den Druck auf Janukowitsch zu erhöhen. Doch in den eher prorussischen Gebieten scheitern die Demonstranten, etwa am Sonntagnachmittag im südöstlich von Kiew gelegenen Gebiet Saporoschje. 

Auch Iryna Melnik hört Klitschko nicht zu. Sie sitzt in ihrer Kiewer Wohnung und teilt auf Facebook Hilfeaufrufe: Viele Aktivisten sind in den letzten Tagen verschwunden, auf dem Heimweg vom Maidan oder aus den Krankenhäusern der Stadt. Iryna schmerzen die Hände. Eigentlich führen sie feine Pinselstriche für das Design von Werbekampagnen in einer internationalen Agentur. Doch jetzt herrschen andere Zeiten: Von acht Uhr morgens bis nachmittags um vier hat die 30-Jährige, in eine dicke Jacke eingepackt, in einer der vielen Feldküchen auf dem Maidan Zwiebeln, Kartoffeln und Speck geschnitten, draußen auf dem offenen Feuer wird daraus in riesigen Kesseln ukrainischer Borsch gekocht, der die Demonstranten bei Temperaturen von minus 20 Grad wärmt. Das macht sie nun seit über einer Woche: Von neun bis zwölf Zwiebeln schneiden, nachmittags und abends designen in der Werbeagentur.

„Das war ein Aufschrei des Volkes“, sagt Iryna über die gewalttätigen Proteste, die nun schon eine Woche andauern. Iryna ist von der EU enttäuscht. Wütend fragt sie: „Braucht Europa uns Ukrainer wirklich, oder sind wir nur Teil eines Spiels mit Russland?“ Wäre Europa wirklich für Demokratie und Gerechtigkeit, hätte es doch schon längst Sanktionen gegen „den Kriminellen und seine Bande“ erlassen. Stattdessen gebe es nur  Worte der Besorgnis aus Brüssel. Gerüchte haben Hochkonjunktur. Am Samstagmittag verbreitet das Organisationskomitee des Maidan, man verfüge über sichere Informationen, dass Janukowitsch in Kürze einen Erlass über die Einführung des Ausnahmezustands unterschreiben werde. Zu den Klassikern gehören Gerüchte über Scharfschützen aus Russland, die vom dortigen Geheimdienst FSB nach Kiew geschickt worden seien, um auf die Demonstranten zu schießen. Am Sonntag werden auf einem Dach am Maidan angeblich Hülsen eines Kalaschnikow-Gewehres gefunden und als Beweis präsentiert.

Aber auch die Janukowitsch-Seite schläft nicht: Von „großen Vorräten an Feuerwaffen“ in den von den Demonstranten besetzten Häusern berichten ihre Medien. Der Innenminister behauptet, in einem der besetzten Häuser würden Polizisten festgehalten und gefoltert. Am Abend teilt er mit, die Polizisten seien freigelassen worden, müssten aber im Krankenhaus behandelt werden, weil sie gefoltert worden seien. Bilder gibt es nicht. Dichtung und Wahrheit verwickeln sich zu einem unentwirrbaren Knäuel. „Den Helden Ruhm“, schallt es dem Boxweltmeister nun aus knapp zehntausend Kehlen entgegen. Der eigentlich den Nationalisten gehörende Slogan ist zum Schlachtruf des Maidan geworden. Es sind nicht mehr Hunderttausend wie noch vor einigen Wochen, nicht einmal mehr Zehntausende, die auf dem Maidan stehen. Übrig ist jetzt noch der harte Kern. Und der wartet auf eine klare Ansage: Wird Klitschko das Angebot des Präsidenten annehmen? Es herrscht angespannte Ruhe.

„Gerade kommen wir von schwierigen Verhandlungen zurück“, ruft Klitschko, „Verhandlungen, um den Menschen Gerechtigkeit und ein Leben in einem normalen Land zurück zu bringen.“ Dann blickt er konzentriert auf den Tablet-PC in seiner Hand und liest ab.„Der Präsident ist bereit, alle Festgenommenen zu amnestieren, zur Verfassung von 2004 zurückzukehren, zum Rücktritt der Regierung“, ruft er, kommt aber ins Stocken, weil ihm immer wieder russische Worte in seine ukrainische Rede rutschen. „Aber wir fordern eine Abschaffung der diktatorischen Gesetze und Präsidentschaftswahlen noch in diesem Jahr. Wir halten unsere Positionen auf dem Maidan und in den Regionen. Die Verhandlungen gehen weiter, und wir müssen durchhalten.“

Ohne großen Enthusiasmus bejubeln die Menschen die einzelnen Punkte. Aber eine Antwort auf die wichtigste Frage bleibt Klitschko schuldig. Werden er und Jazenjuk in eine Regierung unter einem Präsidenten Janukowitsch eintreten? Der Boxweltmeister macht einen sehr müden Eindruck. Und doch wird es wieder eine lange Nacht für ihn: Im „Ukrainischen Haus“ nahe dem Maidan haben sich in der Nacht auf Sonntag an die 200 Polizisten verschanzt, hunderte Demonstranten attackieren mit Molotowcocktails und Steinen, in der Luft liegt Pogromstimmung.

Um halb vier Uhr nachts kommt Klitschko und handelt schließlich einen ungehinderten Abzug der Polizisten aus. Um acht Uhr morgens geht in Kiew die Sonne auf, es ist ein strahlend blauer Tag. Einheiten der „Samooborona“ marschieren brüllend über den Platz, auf der Bühne wird der Tag mit dem Absingen der Nationalhymne begonnen. Iryna ist schon wieder im Küchenzelt und schneidet Zwiebeln, Ihor hat sich nach einer langen Nacht auf den Barrikaden für ein paar Stunden ins Zelt zum Schlafen verzogen. Der Maidan lebt sein Leben weiter. Der Kompromiss ist gescheitert, aber es wird weiter verhandelt über eine politische Lösung. Ob die Radikalen an der Gruschewski-Straße sich damit zufrieden geben, ist eine andere Frage.

Von Moritz Gathmann

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