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Deutschland / Welt Kirchenexperte: WikiLeaks hat Vatikan erreicht
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Kirchenexperte: WikiLeaks hat Vatikan erreicht
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06:28 01.06.2012
Von Michael B. Berger
Papst Benedikt XVI. muss mit einem gesprächigen Kammerdiener an seiner Seite auskommen. Quelle: dpa (Archivfoto)
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Vatikanstadt

Ludwig Ring-Eifel ist Autor des Buches „Weltmacht: Vatikan“. Als Korrespondent verbrachte der studierte Philosoph, Theologe und Altphilologe viele Jahre in Rom. Seit 2005 leitet Ring-Eifel als Chefredakteur die Katholische Nachrichtenagentur in Bonn. Ein Gespräch über die „Vatileaks“-Affäre.

Der Kammerdiener des Papstes wird verhaftet, vertrauliche Dokumente werden bei ihm zu Hause gefunden, der Chef der Vatikanbank muss gehen – das klingt wie in einem Krimi und ist doch ganz real. Was ist da los im Vatikan, wer hat sich gegen den Papst verschworen?

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Ich glaube nicht, dass da eine große Verschwörung im Gange ist und Leute gezielt versuchen, Papst Benedikt XVI. zu stürzen. Im Kalten Krieg vor etwa 30 Jahren haben sich da ganz andere Dinge im Vatikan zugetragen. Da sind tatsächlich Stasi-Spione oder polnische Geheimdienstleute und russische KGB-Agenten auf den polnischen Papst angesetzt worden, weil der Ostblock den Vorgänger Benedikts, Papst Johannes Paul II., als feindliches Gegenüber betrachtete. Die Motivation heute für den Geheimnisverrat ist vermutlich eine ganz andere.

Wer steckt Ihrer Ansicht nach hinter den Taten des Kammerdieners, der als „Maulwurf“ geheime Dokumente weiterreichte?

Ich sehe dahinter eher den Versuch, mehr Transparenz in den Vatikan zu bringen, mehr Durchlässigkeit und Kommuni­kation. Überall dort, wo Machthaber glauben, sie könnten ohne Erklärung, ja gänzlich ohne Kommunikation hinkommen, da werden sie im Zeitalter von ­WikiLeaks eines Besseren belehrt – seien es Regierungen, seien es Konzerne. Jetzt hat es diese neue kulturelle Welle sogar bis in den Vatikan geschafft.

Das klingt eher nach einer Errungenschaft als nach einer kriminellen Handlung.

Keine Frage, das Vorgehen des Dieners ist kriminell. Aber nach allem, was wir bisher wissen, scheint es so, dass der Kammerdiener sogar aus idealistischen Motiven gehandelt hat. Interessanterweise führt der Vatikan die Ermittlungen jetzt nicht wegen des Verdachts des Hochverrats, der bei einer vermuteten Verschwörung gegeben wäre, sondern wegen schweren Diebstahls. Das erhärtet die Vermutung eines Diebstahls aus idealistischen Motiven.

Wer, glauben Sie, ist der Auftraggeber des unzuverlässigen Kammerdieners?

Ich glaube nicht, dass es den einen Auftraggeber gibt. Es gibt im Vatikan allerdings eine Gruppe von Leuten, die sehr ungehalten darüber sind, dass der Gouverneur des Vatikanstaates, Erzbischof Carlo Maria Viganò, im vergangenen Jahr nach Washington versetzt worden ist. Viganò hatte das Image eines Saubermannes, wollte aufräumen in diesem höfischen Staatsapparat, er ist gewissermaßen mit preußischem Furor durch diese italienische Klüngelwirtschaft geschritten. Damit hat er damals einige Leute geärgert. Dass er ohne Angabe der wahren Gründe auf einen diplomatischen Posten versetzt wurde, hat wiederum andere geärgert, die sich einen stringenteren und transparenteren Vatikan wünschen. Fest steht jedenfalls, dass kurz nach der Versetzung Viganòs erstmals vertrauliche Dokumente aus dem Vatikan publik ­wurden.

Manche meinen, die Enthüllungsaktion richte sich gegen den zweitmächtigsten Mann im Vatikan, Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, andere meinen hingegen, Bertone stehe selbst dahinter.

Auf keinen Fall steht Bertone hinter der Geschichte. Man könnte eher vermuten, dass das sogenannte System Bertone der Hauptangriffspunkt dieser Kritik ist.

Was ist das für ein System?

Es hat sich im Vatikan ein System durchgesetzt, in dem die persönlichen Beziehungen eine wichtigere Rolle spielen als die fachliche Kompetenz der Vatikan-Diplomaten. Ein System, dem Kritiker mangelnde Offenheit und Effizienz nachsagen. Hinzu kommt eine eher restriktive Informationspolitik, die der Kardinalstaatssekretär Bertone und auch der ­Persönliche Sekretär des Papstes, Prälat Georg Gänswein, praktizieren. Ihre Vorgänger zeigten sich bei Informationen aus dem Vatikan etwas flexibler und ließen immer wieder dieses oder jenes an die Medien fließen. Aber wenn man die ohnehin schon kleinen Ventile des Informationsflusses aus dem Vatikan verstopft, baut sich schnell ein größerer Druck auf, und der sucht sich neue Ventile.

Man hat den Eindruck, dieser Papst sei Gefangener seines Vatikans.

Er ist objektiv Gefangener in seinem Regierungsapparat, wie auch Bundeskanzlerin Angela Merkel Gefangene ihres Regierungssystems ist. Aber ich bin ziemlich sicher, dass der Papst einen anderen Regierungsstil will. Das hat sich vor drei Jahren in der Krise um die Piusbrüder gezeigt, als Benedikt XVI. in großer Offenheit Pannen und Missverständnisse im eigenen Apparat benannt hat. Deshalb kann es sein, dass die mutmaßliche Gruppe der Informanten, diese „Vatican whistle blowers“,  bei dem, was jetzt als Geheimnisverrat bezeichnet wird, den Papst von seiner Grundeinstellung her auf ihrer Seite wähnten.

Interview: Michael B. Berger

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