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Deutschland / Welt Missbrauch in der DDR: Das Unrecht findet sich nicht zwischen Aktendeckeln
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Missbrauch in der DDR: Das Unrecht findet sich nicht zwischen Aktendeckeln
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17:50 06.03.2019
Handpuppe auf einer Liege in einem Untersuchungsraum in der Kinderschutzambulanz der Medizinischen Hochschule Hannover. Kinder vom Baby- bis zum Teenageralter können hier auf Spuren von Missbrauch untersucht werden. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
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Berlin

Die DDR ist schon fast drei Jahrzehnte tot. Doch ihre Tabuzonen wirken immer noch beängstigend weit bis in die Gegenwart. Die von Kindern und Jugendlichen erfahrene sexuelle Gewalt in der Obhut staatlicher Behörden ist sicherlich eine davon.

Die juristische Aufarbeitung im Sinne von Strafverfolgung oder Rehabilitierung ist schwierig. Viele Kinder, die in Heimen oder Jugendwerkhöfen landeten, kamen aus Verhältnissen, die es im DDR-Selbstverständnis eigentlich gar nicht gab.

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Widerspenstige wurden deshalb häufig kriminalisiert und zur Umerziehung freigegeben. Folgerichtig ist die Aktenlage dazu eher dürftig und den Wünschen der DDR-Behörden angepasst. Das Unrecht, das vielen in berüchtigten Anstalten wie Torgau widerfuhr, findet sich kaum zwischen Aktendeckeln. Es muss mühsam erfragt werden.

Viele Missbrauchsopfer kamen nicht mehr auf die Beine

Der Rechtsstaat tut sich schwer damit. Aber das unselige Tun oder Wegschauen von Männern und Frauen, deren Aufgabe es eigentlich gewesen wäre, Kinder zu schützen, muss endlich auch für den Osten aufgearbeitet werden.

In der DDR sind die Opfer als Lügner bezeichnet worden, wenn sie den Mut hatten, über ihr Leiden zu berichten. Im wiedervereinigten Deutschland fielen viele erst durch sämtliche Raster und kamen auch später nicht so richtig auf die Beine. Sie sind doppelt und dreifach traumatisiert. Ihre Geschichte lastet schwer auf den Schultern.

Fallstudie zur sexuellen Gewalt ist ein Anfang

Die Anhörungen von Opfern und die Fallstudie zum sexuellen Kindesmissbrauch in Institutionen und Familien in der DDR sind – 30 Jahre nach dem Fall der Mauer – ein Anfang.

Viele können sich jetzt erst der Vergangenheit stellen. Der deutsche Staat, dem sie mit Misstrauen begegnen, sollte möglichst unbürokratische Hilfen ermöglichen. Das verschafft den Opfern neben Therapiemöglichkeiten die längst fällige Anerkennung.

Von Thoralf Cleven/RND