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Deutschland / Welt Kreditaffäre kommt in Wulffs Weihnachtsansprache nicht vor
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Kreditaffäre kommt in Wulffs Weihnachtsansprache nicht vor
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10:22 22.12.2011
Von Reinhard Urschel
„Zu Weihnachten wünsche ich uns allen eine tragende Gemeinschaft – eine Familie und Freunde, die uns Heimat und Zuhause bedeuten“: Bundespräsident Christian Wulff sprach Weihnachten 2010 über den Zusammenhalt der Gesellschaft.
„Zu Weihnachten wünsche ich uns allen eine tragende Gemeinschaft – eine Familie und Freunde, die uns Heimat und Zuhause bedeuten“: Bundespräsident Christian Wulff sprach Weihnachten 2010 über den Zusammenhalt der Gesellschaft. Quelle: dpa
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Berlin

Die persönliche Grußbotschaft der Familie Wulff zu Weihnachten wirkt, als wolle sie Einhalt gebieten. Die Wulffs haben ein Zitat des großen katholischen Theologen Karl Rahner ausgesucht, der es wie kaum ein anderer verstanden hat, das Mysterium des Glaubens in einfachen Sätzen auszudrücken: „Es ist Weihnachten. Zündet die Kerzen an. Sie haben mehr recht als alle Finsternis.“

So etwas in der Art wird Christian Wulff auch sagen, wenn er am Ersten Weihnachtstag zu den Deutschen spricht. Es wird um die Zeitläufe gehen, um den Zusammenhalt dieses Landes im Inneren und auch nach außen. Alle Zuhörer werden gespannt sein, ob der 1. Bürger auch etwas zum eigenen Befinden sagt, ob er dem Sturm um ihn herum Einhalt gebieten kann wie einst der Herr auf dem See Genezareth.

Am gestrigen Mittwoch ist die Rede des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue aufgezeichnet worden. Das Bundespräsidialamt hat zugleich eine detaillierte Liste herausgegeben, wann die Botschaft des Staatsoberhauptes in welcher Form verbreitet werden darf. Die Zeitungen dürfen in ihren Ausgaben an Heiligabend die Kunde aus Berlin verbreiten, Rundfunk und Fernsehen dürfen von Mittag an kurze Ausschnitte senden. Die ganze Rede wird am 1. Weihnachtsfeiertag von den Fernsehanstalten zur „Prime Time“ gezeigt, kurz vor oder nach den Hauptnachrichtensendungen am Abend.

Etwas ist dennoch nach der Aufzeichnung an die Öffentlichkeit gedrungen: Der Bundespräsident wird sich nicht per Fernsehansprache erklären. Lediglich bei der Begrüßung der Zuhörer vor der offiziellen Aufzeichnung äußerte er sich indirekt dazu, wie eine Teilnehmerin sagte: Wulff habe erklärt, dass in der heutigen Zeit des Internets alles, was man irgendwann einmal gemacht habe, irgendwann ans Licht komme und man darauf vorbereitet sein sollte. Die Rede stellt demnach den Zusammenhalt in der Gesellschaft und in Europa in den Mittelpunkt.

Ein hoher Erwartungsdruck hat sich aufgebaut – vor allem, weil das Krisenmanagement im Präsidialamt derart unzulänglich ausgefallen ist. Spötter in Berlin haben schon den Werbeslogan eines Elektronikmarktes abgewandelt: Nicht Weihnachten, das Amt entscheidet sich unterm Baum. Die übliche Nervosität des politischen Berlins ist jahreszeitgemäß leicht heruntergefahren, für ein paar Planspiele und Unkereien reicht es aber noch. Die Schönste ist diese: In München sitzt Horst Seehofer am Schreibtisch und schreibt an seiner Ansprache als amtierender Bundespräsident.

Die humorloseste ist jene Version vom Weihnachtsfest in Berlin, nach der erste Termine für die Neuwahl eines Bundespräsidenten gesucht würden: frühestens Ende Februar. Die Stimmen von Union und FDP in der Bundesversammlung, dem Bund-Länder-Gremium zur Wahl des Präsidenten, wurden gezählt. Schwarz-Gelb hat vier Stimmen mehr. Als mögliche Nachfolger Wulffs wurden die üblichen Verdächtigen genannt: Ursula von der Leyen und Wolfgang Schäuble auf Unionsseite, SPD und Grüne wollten angeblich den früheren Bürgerrechtler Joachim Gauck erneut nominieren.

Im vergangenen Jahr durfte eine kleine Gruppe von Medienvertretern den Auftritt des Präsidenten vorab sehen. In diesem Jahr ließ das Amt die Schotten herunter. Nicht einmal die wenig überraschende Mitteilung, dass, wie im vergangenen Jahr, wieder Bürger – unter anderen Feuerwehrleute, Einwanderer – Mitglieder des deutsch-israelischen Jugendwerkes – als Zuhörer im Bild erscheinen werden, sollte mehr nach draußen dringen.Der Druck muss enorm sein, der auf Wulff lastet, mindestens so hoch wie bei seiner ersten Rede zum Tag der Deutschen Einheit. Auch ist die Messlatte historisch hoch angelegt worden, an Richard von Weizsäckers Rede zum Jahrestag der Befreiung am 8. Mai.

Gewiss aber wird Wulff nicht sagen, was ihm der Kölner Kardinal Joachim Meisner nahegelegt hat. Wenn ihn als Kirchenmann solche Anschuldigungen zu Recht treffen würden, sagte er im Kölner WDR-Fernsehen, „müsste ich meinen Hirtenstab abgeben, dann müsste ich resignieren“. Er beneide den Bundespräsidenten nicht darum, in dieser Situation die Weihnachtsansprache zu halten. Würde er sich in einer ähnlichen Lage befinden, „dann würde ich sagen: Jetzt vergessen Sie mal meine Goldmitra und mein schönes Messgewand. Ich bin ein armer Sünder, habe versagt, hab’ mich bestechen lassen – ich weiß nicht, ob das stimmt so, aber ich sage das mal so – und aus dieser Situation spreche ich jetzt zu euch: Seid nicht so wie ich.“

Da ist es schön, dass sich die Wulffs für Karl Rahner entschieden haben.