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Deutschland / Welt Kretschmann zu Rechtsruck: „Wir sind in einer schweren Krise“
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Kretschmann zu Rechtsruck: „Wir sind in einer schweren Krise“
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08:31 17.09.2018
Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Quelle: imago/Jürgen Heinrich
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San Francisco

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat eindringlich vor einem weiteren Rechtsruck in Deutschland und Europa gewarnt. „Wir sind sozusagen in einer schweren Krise in Europa. Überall gewinnen die Rechtspopulisten an Boden“, sagte der Grünen-Politiker bei einer Diskussion mit Ex-Fußballbundestrainer Jürgen Klinsmann am Sonntag (Ortszeit) in San Francisco zum Thema Heimat und Integration. Kretschmann befindet sich auf einer zehntägigen Reise durch Kalifornien und Kanada.

Kretschmann sagte, das leichte Gefühl, dass den Sommer der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland bestimmt habe, sei verschwunden. Anstelle eines offenen, aufgeklärten Patriotismus kämen nationalistische Züge zurück. Der Diskurs in der Bundesrepublik drehe sich wegen der großen Migrationsströme heute eher um Ausgrenzung. Finanzkrise und Flüchtlingskrise hätten Unsicherheiten über einen Kontrollverlust gefördert. „Dann entstehen diffuse Ängste, selbst dort, wo es dafür objektiv erstmal gar keinen Grund gibt.“

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Kretschmann: Es geht darum, die Gesellschaft zusammenzuhalten

Obwohl Baden-Württemberg wirtschaftlich so gut dastehe wie nie, habe die AfD bei der Landtagswahl 2016 aus dem Stand 15 Prozent geholt. Auch an der Debatte um den Ex-Nationalspieler Mesut Özil und den Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan merke man, dass sich etwas dramatisch geändert habe im Land, sagte Kretschmann. Özil war wegen der Querelen aus der Nationalelf zurückgetreten.

Von Rechts gebe es wieder ganz massive Ansagen, dass nur homogene Gesellschaften funktionierten, nicht plurale. „Das ist natürlich ein enormer Angriff auf das, was wir im modernen Verfassungsstaat glauben.“ Errungenschaften des modernen Verfassungsstaats wie Pluralität und Menschenrechte würden wieder infrage gestellt. „Das hätte ich mir mit meinen 70 Jahren nicht vorstellen können, dass wir in diese Situation nochmal kommen.“ Jetzt gehe es darum, die Gesellschaft zusammenzuhalten – gegen die Polarisierung.

Jürgen Klinsmann: „Weltweit nimmt man wahr, was in Deutschland passiert“

In Sachsens drittgrößter Stadt Chemnitz hatte es ausländerfeindliche Übergriffe gegeben, nachdem Ende August ein 35-jähriger Deutscher erstochen worden war. Tatverdächtig sind drei Asylbewerber. Nach der Tat war es zu Demos von Rechtsgerichteten, Neonazis, Gegnern der Flüchtlingspolitik sowie zu Gegenprotesten gekommen. Nach dem Tod eines 22-Jährigen war es auch in der Kleinstadt Köthen in Sachsen-Anhalt zu Demonstrationen und Kundgebungen gekommen.

Ex-Bundestrainer Klinsmann sagte, dass diese Vorfälle auch das Ausland erreichten. „Weltweit nimmt man wahr, was in Deutschland passiert.“ Klinsmann, wie Kretschmann aus Baden-Württemberg, lebt seit Jahren in Kalifornien. Deutschland genieße einen unglaublich guten Ruf im Ausland, sagte Klinsmann. „Wenn solche Entwicklungen passieren, dann wird das notiert.“ Gerade der Sport könne unglaublich viel gegen diese Entwicklungen tun, weil er verbinde. Klinsmann sagte, der Fußball könne beim Thema Integration Brücken bauen.

Von Nico Pointner/RND/dpa