Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Kreuzberger Krawallmacher verzichten auf soziale Legitimation
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Kreuzberger Krawallmacher verzichten auf soziale Legitimation
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:59 04.05.2009
Von Stefan Koch
Autonome treten Jahr für Jahr am 1. Mai zum großen Schaulaufen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg an. Quelle: ddp
Anzeige

Maler und Schriftsteller zieht es an die Spree. Aber auch junge Autonome, die die Gesellschaft in weiten Teilen ablehnen.

Einige hundert Autonome treten Jahr für Jahr am 1. Mai zum großen Schaulaufen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg an. Straßenschlachten mit der Polizei gehören für einige von ihnen zum festen Ritual, bei dem allein am vergangenen Wochenende 273 Beamte verletzt wurden - einige von ihnen schwer. Während einige Medien diese Maikrawalle als „traditionelle Randale“ abtun, findet die alltägliche Gewalt einiger Autonomer fernab der Schlagzeilen statt.

Anzeige

Kaum noch eine größere Erwähnung finden die unzähligen Anschläge, die in Berlin auf Autos der gehobenen Klassen verübt werden. In den ersten vier Monaten dieses Jahres waren es mehr als 50. Im ganzen vergangenen Jahr wurden etwa 100 gezählt. So mancher Polizeibeamter schüttelt nur noch den Kopf, wenn am Kottbusser Tor oder in der Simon-Dach-Straße ein Mercedes SLK oder ein Jaguar parkt. „Die sind ja selbst schuld, wenn etwas passiert“, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Die Stadt scheint sich daran gewöhnt zu haben, dass Recht und Gesetz nur bedingt gelten.

Der vermeintliche Kampf gegen die obere Klasse findet auch in unteren Preiskategorien statt. So riefen Anfang März einige Autonome zu „Freiraum“-Demonstrationen auf und randalierten in Friedrichshain und Kreuzberg. Die Scheiben Dutzender Autos gingen zu Bruch, in vier Restaurants und Cocktailbars wurde stinkende Buttersäure verschüttet, um die Gäste zu vertreiben. Das gepflegte Ambiente in den Bars „Mirsham“, „Habana“, „Plusminusnull“ und „Euphoria“ erschien den Demonstranten als „Provokation“, wie sie den flüchtenden Lokalbesuchern hinterherbrüllten. Die Gewalttäter sind dreist: Sogar direkt neben dem Bundeskriminalamt an der Treptower Bouchéstraße zündeten sie einen Geländewagen an.

Die Buttersäure-Anschläge sind für manchen Alteingesessenen nichts Neues. In den neunziger Jahren zogen bereits die Anhänger der Gruppe „Klasse gegen Klasse“ durch den Kreuzberger Kiez und drohten den Geschäftsleuten und Restaurantbesitzern, die die besserverdienenden Kunden im Blick haben. Ihr Motto: „Schickeria raus“. Heute nennen sich die Attentäter im Internet „Autonome Stinktiere“. Auf einer Website prahlen sie: „Wir haben einige Cocktailtrinker und feine Schnösel aus den Bars vertrieben.“ Und sie drohen: „Es ist davon auszugehen, dass wir wiederkommen. Ob es dann die nächste Cocktaillounge trifft oder die Nobelkarosse davor brennt, wird man sehen.“

Eigentlich versteht sich Berlin als tolerante Stadt. Schwule Pärchen sind in Schöneberger Cafés so selbstverständlich, wie bekennende DDR-Anhänger in der Karl-Marx-Allee in Friedrichshain oder russische Millionäre in Zehlendorf. Diese Toleranz ist auch Innensenator Ehrhart Körting wichtig, der die Polizei vor den Maikrawallen stets zur Deeskalation drängt. Wenige Tage vor dem diesjährigen Spektakel musste der SPD-Politiker allerdings eine ganz andere Erfahrung machen. Wie die „B.Z.“ berichtete, hatte er sich mit einigen Journalisten und Gastwirten im „Euphoria“ getroffen, um zu beraten, wie man der zunehmenden Gewalt entgegentreten könnte. Nach einer halben Stunde tauchten plötzlich mehrere schwarzgekleidete junge Männer auf, die den Senator offensichtlich ins Visier nehmen wollten. Wie die Journalisten berichteten, verließ Körting das Lokal „fluchtartig“.

Der gestandene Politiker ist aus gutem Grund besonders vorsichtig. Als sich im vergangenen Jahr Polizeipräsident Dieter Glietsch von den Krawallen am 1. Mai persönlich ein Bild machen wollte, wurde er von Randalierern angegriffen. Nur dem beherzten Eingreifen seiner Leibwächter war es zu verdanken, dass Glietsch unbeschadet davonkam.

Dass die Autonomen auf gezielte Provokationen aus sind, musste auch Franz Schulz, der grüne Bürgermeister des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, erleben. Seiner Lebensgefährtin wurde vor Jahren der BMW angezündet. Gleichwohl schimpft Schulz nicht pauschal über „die Autonomen“. Ihm geht es mehr darum, nach den Ursachen der Gewalt zu suchen.

Die These des Kommunalpolitikers: Anschläge wie die auf Luxuswohnungen in Kreuzberg oder in Prenzlauer Berg richteten sich gegen die „Gentrifizierung“ einst alternativ geprägter Stadtteile. Nicht nur die linke Szene fürchte, dass teure Sanierungsvorhaben und Mietsteigerungen die gewachsene Kiezstruktur zerstören und die alteingesessene Bevölkerung verdrängen könnten. Wie zur Bestätigung riefen einige Chaoten jüngst auf der Rosenthaler Straße: „Fuck Yuppies“.

Dieses asymmetrische Katz- und Mausspiel zwischen Steinewerfern und Polizisten hat eine lange Vorgeschichte. Seit den achtziger Jahren nennen sich die linksradikalen Militanten „Autonome“, in Anlehnung an die italienische Autonomia-Bewegung, die Häuser besetzte und Streiks unterstützte. Die Szene ist vielschichtig, schnelllebig und kaum bekannt. So heißt es beim Berliner Verfassungsschutz, dass es nur wenig konkretes Wissen über die Gruppe gebe. Bis auf wenige Ausnahmen seien die meisten Anhänger etwa 20 bis 30 Jahre alt. Sie rennen vor allem gegen „die große Politik“ an und gegen die Luxussanierungen in Kreuzberg und Friedichshain. Wie ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes sagt, gibt es unter den Autonomen vor allem Studenten, die einige Jahre „auf den Putz hauen“ wollten, bevor es ins geordnete Berufsleben geht. Das macht die Sache nicht einfacher. Ganz im Gegenteil: Einiges deutet darauf hin, dass sie ihre vermeintlichen Abenteuertouren bewusst inszenieren. Mit erstaunlich vielen Videokameras und Fotoapparaten werden die Aktionen von den Mittätern dokumentiert, wobei sie stets darauf achten, mit schwarzer Skimaske verkleidet zu sein. Mit der aktuellen Debatte um mögliche soziale Unruhen in Zeiten einer Wirtschaftskrise, dürften die Aktionen der Autonomen wenig zu tun haben. Sie fühlen sich ohnehin eher als militante Avantgarde, die für eine „herrschaftsfreie, klassenlose Gesellschaft“ kämpft. So ist es zumindest auf einigen ihrer Internet-Seiten zu lesen.

Wer genauer hinschaut, hat eher den Eindruck, dass die vielen Studenten unter ihnen von einem verqueren Erlebnishunger getrieben sind.

Dennoch gibt es unter den Berlinern durchaus einige, die Sympathien für die Autonomen hegen. Es kommt an, wenn sie „gegen Neonazis und Kapitalismus“ skandieren. Andere sehen dagegen nur „jugendliche Chaoten“ am Werk. Leicht verständlich ist die Gruppe nicht, kommen doch viele von ihnen aus gut verdienenden Elternhäusern.

Betrunkene Steinewerfer bilden mittlerweile die Minderheit. Immer häufiger zeigen sich die Autonomen schnell in ihren Aktionen und gewieft in der Guerillataktik. Das konnten kürzlich die Anwohner des Rosenthaler Platzes direkt vor ihren Häusern beobachten: Etwa 100 Vermummte randalierten an Autos und Geschäften. Als die Polizei eintraf, waren sie verschwunden.