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Deutschland / Welt Leben im Trailer - ein Arbeiterschicksal
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22:31 19.04.2012
Von Stefan Koch
Eine Siedlung mit Mobile Homes in Alexandria. Quelle: Koch
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Alexandria

Die vierspurige Ausfallstraße ist wenige Schritte entfernt. Tag und Nacht begleitet der Lärm von der scheinbar endlosen Blechlawine die Menschen in der kleinen Siedlung. Draußen, auf den schmalen Wegen zwischen den Unterkünften, ist er hart und unmittelbar zu hören. In den Häusern kommt das Dröhnen der Motoren etwas gedämpfter an. Doch angesichts der nur dünnen Blech- und Holzkonstruktionen dringt der Krach auch in die Wohn- und Schlafzimmer ein. "Harmony Place" heißt diese Wohngemeinschaft am Stadtrand von Arlington im US-Bundesstaat Virginia. Es ist ein beschönigender Name: Wer hier lebt, hat es nicht leicht im Leben.
"Harmony Place" ist ein sogenannter Trailer Park. Hier stehen halbmobile Behausungen, die in Europa weitestgehend unbekannt sind und in den Vereinigten Staaten zum selbstverständlichen Landschaftsbild gehören. Diese "Mobile Homes" geben denjenigen ein Zuhause, die sich die üblichen Kauf- oder Mietpreise nicht leisten können. Amerikaweit sind das etwa 15 Millionen Menschen - bei steigender Tendenz. 

Fernando Hernandez wohnt seit acht Jahren in "Harmony Place". Der 52-Jährige wechselt an diesem Nachmittag die Reifen eines Pickups, der direkt an seinem Trailer steht. Von der Arbeit lässt sich Hernandez nicht gern abhalten, aber der leicht untersetzte Mann mit dichtem schwarzem Haar erzählt bereitwillig über seinen Lebensweg: Vor 15 Jahren kam er aus Honduras in die USA. Als er endlich seine Familie nachholen konnte, war er froh, diesen Trailer in "Harmony Place" ergattert zu haben. "Hier gibt es eigentlich keine freien Plätze. Alle sind voll belegt. Die Warteschlangen sind ziemlich lang", sagt Hernandez, der in einer nahegelegenen Gärtnerei arbeitet. Dass die Trailer im "Harmony Park" vor genau 30 Jahren aufgestellt und offensichtlich nie überholt worden sind, spricht Hernandez nicht an. Wohl aber die Standgebühren: Umgerechnet 460 Euro hat er monatlich zu zahlen. Außerdem musste er sich beim Einzug zum Kauf des altersschwachen Trailers verpflichten. Wie viel Geld er damals dafür zahlen musste, will Hernandez nicht sagen. Aber an seinem Gesichtsausdruck lässt sich ablesen, dass es kein Schnäppchen war.

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Angesichts extrem hoher Mieten und Immobilienpreise im Großraum Washington/Baltimore würden gern wesentlich mehr Menschen auf einen Trailer umsteigen - auch wenn die Kosten für dieses Quasi-Wohnwagenleben ebenfalls happig sind. Doch die Kommunen fürchten um ihren guten Ruf und verbannen die Trailer-Parks außerhalb ihrer Stadtgrenzen.

Es ist ein Leben nach Industrienorm: Die etwa 20 Meter langen und knapp fünf Meter breiten Häuser werden - inklusive Inneneinrichtung mit Küche, Sofa und Wandschmuck - in Fabriken gefertigt und mit einem fahrbaren Untersatz versehen. Einmal aufgestellt, werden diese Unterkünfte allerdings nur in den seltensten Fällen noch einmal bewegt. In der Regel verkleiden die Bewohner den fahrbaren Unterbau mit Kunststoff- oder Spanplatten, um aus der Ferne den Eindruck eines fest gebauten Hauses zu vermitteln. Eine Leichtbauweise mit Tradition: Bereits in den zwanziger Jahren wurden die ersten Versionen der Trailer in Serie gefertigt.

Ihr größter Vorteil: Die etwa 100 Quadratmeter Wohnfläche sind selbst bei gehobener Ausstattung um ein Drittel oder gar die Hälfte günstiger als in einem fest gebauten Haus. Der Nachteil: Die Unbilden der Natur spüren die Bewohner im Zweifelsfall hautnah. Selbst kleinere Stürme überstehen diese mobilen Immobilien selten unbeschadet. Und der vielleicht noch größere Nachteil: Wer hier lebt, zählt zum Rand der Gesellschaft - "trailer trash", Trailer-Müll.

Die Chancen, sich durch Fleiß und Ausdauer aus dieser Armut zu befreien, stehen in den USA zurzeit nicht gut. Die Analysten des jüngsten "Bloomberg report" gehen davon aus, dass etwa 70 Prozent der Jobs, die in den vergangenen sechs Monaten geschaffen wurden, in Dienstleistungsbetrieben wie Restaurants und Hotels, in einfachen Pflegeberufen sowie in Teilzeitjobs entstanden. Dagegen liegt die Arbeitslosigkeit in den besser bezahlten Berufen, zum Beispiel im Baugewerbe, mit 17 Prozent weiterhin sehr hoch.

Harold Meyerson, ein anerkannter amerikanischer Kolumnist, beschreibt dieser Tage noch weitere Ungewöhnlichkeiten der gegenwärtigen Rezession. In vermeintlich gut bezahlten Jobs wie zum Beispiel in Autofabriken würden die Stundenlöhne drastisch sinken. In den Manufakturen des Mittleren Westens seien eigentlich Stundenlöhne von 28 Dollar üblich. Doch wer in den vergangenen zwei Jahren angeheuert wurde, erhalte nur 15 bis 19 Dollar. Und selbst diese Beträge bildeten keineswegs die unterste Grenze: In Muncie im Bundesstaat Indiana würden hochqualifizierte Arbeiter einer Lokomotivbaufirma neuerdings für zwölf Dollar die Stunde loslegen. Diese Leute kämen im Jahr auf 24 000 Dollar, mit Überstunden vielleicht auf 30 000 Dollar. Damit, da ist sich Meyerson sicher, lasse sich aber kein Leben nach dem amerikanischen Modell bestreiten. Das heißt: Es reicht nicht, um ein eigenes, festes Zuhause zu schaffen, mit einem eigenen Auto und mit Kindern, die ein College besuchen können. Wer für ein so niedriges Jahresgehalt arbeite, bleibe in einem Teufelskreis gefangen.

Selbst wirtschaftsfreundliche Zeitungen wie das "Wall Street Journal" fragen sich mittlerweile, wo dieser Trend hinführen soll. Provokativ stellte das "Journal" kürzlich die Frage: Wenn das Geld nicht zu den Arbeitern geht, wo geht es dann hin?   

Antworten gibt zum Beispiel die Ratingagentur "Standard and Poor's". Ganz ungeschminkt schreiben die Analysten: Dank steigender Produktivität würden Profite und Dividenden steigen, doch die Löhne sinken. Der Kolumnist Meyerson macht dafür zwei Ursachen verantwortlich: Zum einen seien viele gutbezahlte Jobs in der Produktion in den vergangenen Jahren ins Ausland verlagert worden. Zum anderen würden die Arbeiter ihre Verhandlungsmacht verlieren. Während im öffentlichen Dienst der gewerkschaftliche Organisationsgrad noch relativ hoch liege, sei er im Privatsektor auf mikroskopische sieben Prozent gesunken.

Die Folgen der schlechten Löhne lassen sich im "Harmony Place" studieren. Aushilfsarbeiter Hernandez erhält als Gärtner neun Dollar die Stunde. Ein Studium für seine Kinder könnte er damit in Virginia oder im Großraum Washington nicht finanzieren. Der Lateinamerikaner ist dennoch zuversichtlich: "Wenn meine Kinder später einmal hoch hinaus wollen, schicke ich sie auf ein College - in Honduras."