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Deutschland / Welt Letzte Rettung Sarah Palin?
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Letzte Rettung Sarah Palin?
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14:00 29.05.2011
Quelle: dpa
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Man stelle sich vor, die US-Präsidentenwahl steht bevor - und niemanden interessiert’s. Diese Sorge treibt derzeit amerikanische Politikbeobachter um, wenn sie das Feld republikanischer Kandidaten für die Wahl im November 2012 betrachten. Auf der Suche nach einem Herausforderer gegen den Amtsinhaber Barack Obama hagelte es bei den Konservativen zuletzt Absagen. Medienbegabte Politiker wie der Baptisten-Prediger Mike Huckabee oder schillernde Personen wie der Milliardär Donald Trump verzichteten reihenweise.

Was bislang übrig blieb, ist „eine Gruppe langweiliger Typen“, wie die Politikexpertin Elaine Kamarck von der Universität Harvard meint. Man könne den Wahlkampf 2012 eigentlich schon offiziell für “öde“ erklären, urteilt die „New York Times“. Welch krasser Gegensatz zu dem internationalen Wirbel, den das Rennen ums Weiße Haus zu diesem Zeitpunkt vor genau vier Jahren erzeugt hatte. Mit Kandidaten wie Obama, der ehemaligen First Lady und heutigen Außenministerin Hillary Clinton oder dem konservativen Schlachtross John McCain.

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Gerade Medien, die einen spannenden Wahlkampf dringend für hohe Quoten, Auflagen und Klickzahlen benötigen, zeigen sich über das belanglos wirkende Kandidatenfeld enttäuscht. Viele klammern sich daher jetzt an so etwas wie den letzten Strohhalm: Sarah Palin. Jene Frau, die 2008 in den USA noch weitgehend unbekannt war, als sie neben John McCain für das Vizepräsidenten-Amt antrat, könnte dem Rennen ums Weiße Haus die ersehnte Würze geben, hoffen sie.

So beobachten Journalisten derzeit jeden Schritt der 47-Jährigen ganz genau. Kauft sie sich ein neues, 1,7 Millionen Dollar (1,19 Mio Euro) teures Haus im Staat Arizona, könne das nur die neue Zentrale für ihr Wahlkampfteam sein. Schließlich liege es logistisch gesehen wesentlich zentraler als ihr entlegener Heimatstaat Alaska. Holt sie ehemalige Berater in ihr Team zurück, sei auch das ein klarer Beweis.

Palin selbst heizt die Spekulationen in unnachahmlicher Manier an. Am Sonntag wollte sie in der Hauptstadt Washington mit ihrer großen Familie im Schlepptau eine Tour durch den Nordosten des Landes beginnen. Sie hat dafür einen Bus gechartert, der in den Farben der US-Flagge rot-weiß-blau angemalt und mit einem riesigen Bild der amerikanischen Verfassung verziert ist. Alles „untrüglichen Zeichen, die auf ihre Kandidatur hindeuten“, schreibt die „Chicago Sun-Times“.

Ob sie wirklich antritt, lässt die fünffache Mutter beharrlich offen. Zwar kokettiert sie seit langem, es mit Obama aufnehmen zu können. Aber etwas scheint sie von einer Entscheidung abzuhalten. Es mag die Sorge sein, bei einer Rückkehr auf das politische Spielfeld eine Menge Geld zu verlieren. Palin hat es sich an der Seitenlinie bequem gemacht: Als Kommentatoren beim rechten TV-Sender „Fox News“, mit Büchern und Auftritten als Rednerin verdient sie Millionen.

Auch der geringe Rückhalt bei den Parteioberen, die ihr noch immer McCains Niederlage gegen Obama ankreiden, könnte sie einschüchtern. Der einflussreiche Berater des früheren Präsidenten George W. Bush, Karl Rove, hatte sie bereits frühzeitig heftig abgewatscht: „Das amerikanische Volk hat hohe Standards und es verlangt ein gewisses Maß an Würde“, meinte er in Bezug auf Präsidentschaftskandidaten.

Dabei sollte man die Ex-Gouverneurin von Alaska nach Einschätzung mancher Experten nicht unterschätzen. Zwar tritt sie bei Interviews noch immer in Fettnäpfchen und macht eher Schlagzeilen auf den Klatsch-Seiten als in politischen Feuilletons. Aber genau diese Schwächen helfen ihr, sich als Politikerin zu präsentieren, die dem Volk aufs Maul schaut und ein Sprachrohr der Unzufriedenen ist.

Ohne ihren Einsatz für die Basisbewegung am rechten Rand der Republikaner - die populistische Tea-Party-Gruppe - hätte die Partei nicht so gut bei der letzten Kongresswahl abgeschnitten. Palin gilt wegen ihrer rhetorischen Fähigkeiten als Leitfigur - und das ohne offiziellen Posten. Auch wenn sie Slogans wie „wir müssen Amerika wiederherstellen, wir müssen die Ehre Amerikas wiederherstellen“ ohne Details im Raum stehen lässt, die Menschen jubeln ihr dafür zu.

Steigt Palin tatsächlich ins Präsidenten-Rennen ein, könnte das den Medien nicht nur Futter für kontroverse Debatten liefern. Es würde ihnen auch einen spannenden Konkurrenzkampf zwischen zwei Frauen bieten, die exakt dieselbe Klientel bedienen. Palins langes Zögern hat der Kongressabgeordneten Michele Bachmann - auch eine Tea-Party-Figur, ebenfalls in den 40ern, ebenfalls attraktiv und ein wenig schräg - zuletzt viel Platz in den Medien verschafft.

Kommentatoren verschwenden keine Zeit, sich auf das mögliche Duell zu stürzen. „Beide beschnuppern einander“, titelt das Webmagazin Politico und suggeriert, das bevorsteht, was Amerikaner als „Catfight“, als Kampf zwischen Katzen bezeichnen und Deutsche einen Zickenkrieg nennen würden. „Sind wir wirklich bereit für zwei Frauen auf einmal?“, fragt ebenso machohaft das Politikportal salon.com. Und plötzlich scheint der Vorwahlkampf gar nicht mehr so uninteressant.

dpa