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Deutschland / Welt Letzter regulärer Dienstantritt bei der Bundeswehr
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21:49 03.01.2011
Von Klaus von der Brelie
Die letzten Wehrpflichtigen haben am Montag ihren Bundeswehr-Dienst begonnen. Quelle: dpa
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Auf den ersten Blick ist an diesem Montag alles wie immer. Am ersten Arbeitstag des neuen Jahres rücken Wehrpflichtige in Munster ein. Sie kommen aus dem Ruhrgebiet, aus Berlin, aus Lüneburg, aus Celle und auch aus der Nähe von Köln. Unsicher folgen sie den Hinweisschildern in der Stadt oder lassen sich mit Kleinbussen der Bundeswehr vom Bahnhof in die Kaserne bringen. Blasse junge Männer, viele etwas gezeichnet vom Abschiednehmen von Freundin, Eltern und Kumpels, trudeln im Verlaufe des Vormittags in der Hindenburgkaserne ein.

Gordon Bandur aus Hannover ist einer von ihnen. Der 20-Jährige möchte Zeitsoldat werden und ist auch bereit, an Auslandseinsätzen teilzunehmen. Der Wehrdienstberater wollte den schlanken jungen Mann am liebsten zur Marine schicken. „Aber das habe ich abgelehnt, das Heer ist eher etwas für mich“, sagt der ausgebildete Kaufmann, der mit dem Zug nach Munster gereist ist – auch weil der Bund die Fahrkarte bezahlt hat.

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In Munster wartet die fünfte Batterie des Panzerartilleriebataillons 325 auf Bandur und 114 weitere Rekruten. 26 von ihnen möchten freiwillig länger Wehrdienst leisten oder sich für mehrere Jahre verpflichten, 89 junge Männer sollen nur sechs Monate in der Armee bleiben und in dieser Zeit ihre Wehrpflicht erfüllen. In den kommenden drei Monaten werden sie gemeinsam in die Grundfertigkeiten eines Soldaten eingewiesen. „Die Männer durchlaufen bei uns die allgemeine Grundausbildung“, sagt Hauptmann Bert Brockmann, seit März vergangenen Jahres Chef dieser Ausbildungseinheit.

Brockmann ist ein bisschen traurig, dass die Männer, die er an diesem Tag empfängt, zu den letzten gehören, die in Deutschland ihre Wehrpflicht ableisten müssen. Künftig wird es nur noch Freiwillige in der Armee geben. Was das für Brockmann und seine knapp 20 Ausbilder bedeutet? „Wir wissen es nicht, wie warten auf anstehende Entscheidungen“, sagt der 33-jährige Artillerist.

Für die Rekruten ist vieles ungewohnt. Sie werden jetzt als „Herr Panzerkanonier“ angesprochen, müssen Dienstgradabzeichen kennenlernen, sollen ihre Vorgesetzten schon bald militärisch korrekt grüßen und haben sich auf einen für sie ungewöhnlichen Tagesablauf einzustellen. Ob sie sich darauf vorbereitet haben? „Im Internet kann man sich da eine ganze Menge anschauen, und das haben wir getan“, sagen zwei Panzerkanoniere, die im vergangenen Jahr am Ernestinum in Celle die Abiturprüfung bestanden haben.

Zu Hause im kleinen Langlingen hat einer von ihnen ein 1,40 Meter breites Bett. Jetzt muss er mit etwas mehr als der Hälfte davon auskommen. Immerhin, er hat die Wahl, ob er die erste oder die zweite Etage eines doppelstöckigen Dienstbettes beziehen möchte. Insgesamt acht Betten, acht Stühle, acht Spinde, ein Tisch, ein Aktenbock und ein Minibücherregal füllen den Raum, der im Soldatenjargon schon immer „Stube“ genannt wird, aber so gar nichts von dem zu bieten hat, was eine komfortable Wohnstube gemeinhin ausmacht. 60 junge Männer rücken an diesem Tag in die Stuben auf der ersten Etage des in die Jahre gekommenen Wohnblocks ein. Gemeinschaftstoiletten an jedem Ende des Flures, Gemeinschaftsduschen und Gemeinschaftswaschräume sind nach wie vor Standardausstattung in Unterkünften für Grundwehrdienstleistende.

„Bis zu acht Mann auf einer Stube, das wird es künftig nicht mehr geben“, vermutet Hauptmann Brockmann; wenn die Bundeswehr freiwillige Männer und Frauen für den Dienst als Soldaten gewinnen wolle, dann müsse sie auch bei der Unterbringung etwas mehr bieten. Die Gemeinschaftsstuben ohne echte Intimsphäre für den Einzelnen hätten aber auch Vorteile, sie verlangten den jungen Leuten gegenseitige Rücksichtnahme ab und förderten die Kameradschaft. „Wenn man auf so engem Raum zusammenlebt, dann lernt man sich sehr genau kennen.“

Am ersten Tag in der Kaserne, so scheint es, sind die Panzerkanoniere eher auf sich selbst als auf ihre Kameraden fixiert. Sie reden nur wenig miteinander, obwohl dafür viel Zeit ist. Zum Einstieg ins Soldatenleben gehört seit Generationen ein Papierkrieg, der mit langen Wartezeiten verbunden ist und deshalb viel Geduld erfordert. So stehen zeitweilig 60 Männer in der Schlange vor dem Meldekopf, wo sie als Eingetroffene registriert werden und auch ihren Führerschein vorzeigen müssen. Nächste Station ist die Truppenverwaltung. Hier wird unter Anleitung ein „Personalerfassungsbogen“ ausgefüllt, damit der Wehrsold (etwa 350 Euro im Monat) korrekt berechnet werden kann und jeder eine Chipkarte für das Essen im Speisesaal erhält. Es folgen ärztliche und zahnärztliche Voruntersuchungen für den für heute angesetzten Check beim Truppenarzt. Dann heißt es, erneut anstehen. Dieses Mal im Unterkunftsblock, wo schließlich die Schlüssel für die Spinde verteilt werden.

Ein warmes Mittagessen ist am ersten Tag des Soldatenlebens nicht vorgesehen. „Das wäre auch schwierig“, sagt Batteriefeldwebel Michael Langer, „die Männer haben ja noch kein Feldessbesteck ausgehändigt bekommen.“ Das gibt’s erst heute. „Und beim ersten ,Abendbrot BmW‘ (Brot mit Wurst) hilft die Küche aus“, fügt „Spieß“ Langer hinzu.

Heute erhalten die jungen Kanoniere auch ihre Uniform und die sonstige Ausrüstung. Für jeden von ihnen liegt ein großer Seesack parat – individuell gepackt nach den Vorgaben der Daten, die bei der Musterung bisher von jedem Wehrpflichtigen gesammelt werden. Nur bei den Schuhen, bei der Mütze und den Handschuhen wird überprüft, ob sie tatsächlich passen. Auf dienstlich gelieferte Unterwäsche dürfen die jungen Leute verzichten, wenn sie lieber die private tragen möchten.

Heute beginnt der Tag in der Kaserne wie jeder folgende früh um 5 Uhr mit dem Wecken. Eine halbe Stunde später ist Frühstückszeit. 6.30 Uhr soll alles fit sein zum Dienstbeginn. Etwa um 16.30 Uhr wird die Ausbildung beendet sein, dann sind die Männer gefordert, ihre Ausrüstung, ihre Stube und sich selbst zu säubern. Nach etwa drei Wochen ohne Ausgang dürfen sie täglich ab 18 Uhr die Kaserne für ein paar Stunden verlassen. Doch um 22 Uhr muss jedermann wieder „im Block“ sein, denn schon eine Stunde später ist Bettruhe befohlen, Zapfenstreich, wie die Soldaten sagen.

Und wann dürfen die Wehrpflichtigen das erste Mal wieder nach Hause fahren? „Am übernächsten Wochenende“, sagt der Batteriefeldwebel. Dann werden sie auch schon die ersten Schießübungen hinter sich haben. Bereits nächste Woche sollen sie den Umgang mit dem Gewehr G 36 kennenlernen und zeigen, ob sie gut zielen und richtig treffen können.

Dass längst nicht alle Männer für den Beruf als Soldat infrage kommen oder ihnen dieser Job missfällt, ist Brockmann und Langer bewusst. Bis zu fünf Prozent, so lehrt es die Erfahrung in Munster, scheiden während der Grundausbildung wegen mangelnder körperlicher Fitness aus, etwa genauso viele verlassen die Truppe in dieser Zeit als Wehrdienstverweigerer. Doch von den Männern, die gestern als letzte Wehrpflichtige eingetroffen sind, erwarten sie keine solche Abbrecherquote. „Wer jetzt noch zu uns kommt“, sagt Brockmann, „der will auch seinen Wehrdienst ableisten. Gründe, wegzubleiben, gibt’s viele, und die werden von den allermeisten vor Dienstantritt ausgeschöpft.“