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Deutschland / Welt Linksextremisten auf Gewaltkurs
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Linksextremisten auf Gewaltkurs
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17:45 11.10.2011
Menschen sollten angeblich nicht verletzt werden - gefährlich sind die linksextremen Gewalttäter trotzdem. Quelle: dpa
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Berlin

War der Regen die Rettung? Vielleicht verhinderte am Berliner Hauptbahnhof und auf anderen Bahnstrecken nur der Herbstregen ein Verkehrschaos - oder gar Schlimmeres. Täter aus der linksextremen Szene planten mehr Anschläge gegen Bahnanlegen als zunächst bekannt. Mitten in der Hauptstadt wollten sie damit einen der belebtesten Verkehrsknoten Deutschlands treffen.

Bahnmitarbeiter fanden am Dienstag weitere Brandbomben. Tags zuvor hatten eine erste Brandattacke und mehrere gerade noch rechtzeitig entdeckte Brandsätze für Alarm gesorgt. Ganz gezielt nahmen sich die Attentäter die empfindliche Technik der Bahn vor, besonders Leitungen und Kabel, über die der Zugverkehr gesteuert wird.

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Eine neue Dimension der politischen Kriminalität linksextremer Gruppen ist das zwar nicht - allerdings die gefährliche Fortsetzung extremistischer Gewalttaten der vergangenen Jahre: hunderte Brandanschläge auf Autos in Berlin und Hamburg, Angriffe auf Polizeiwachen, Brandbomben in Arbeitsämtern und Steinwürfe auf Polizisten bei zahlreichen Krawallen nach Demonstrationen.

Die Taten richten sich gegen den seit zehn Jahren andauernden Afghanistan-Krieg, gegen Neonazis, den Kapitalismus generell oder den Umbau mancher Stadtviertel. Das Anschlagziel Bahn begründeten die Täter im aktuellen Fall in einem Bekennerschreiben: „Jeden Tag werden über die Schienen Waffen und Kriegslogistik transportiert.“

Beliebt sind bei Linksextremisten Brandanschläge auf moderne Verkehrstechnik, weil ein relativ geringer Aufwand eine hohe Wirkung erzeugt - sofern die Anschläge nicht größtenteils scheitern wie aktuell in Berlin. Bauanleitungen für Brandbomben finden sich im Internet. Die Gefahr, gefasst zu werden, ist für die Täter gering. Sie platzieren nachts an wenig belebten Stellen Brandbomben in Kabelschächten oder an elektrischen Leitungen und hinterlassen kaum Spuren.

Die Brandsätze vom Dienstag passen in dieses Muster. In der Nähe des Hauptbahnhofs lagen weitere Brandbomben, mehrere Flaschen gefüllt mit Benzin. Am Montag waren nicht weit davon entfernt ähnliche Konstruktionen gefunden worden. Alle Zeitzünder funktionierten offenbar nicht. Möglicherweise habe der Regen die Zündung verhindert, sagte ein Polizeisprecher.

Die Täter orientierten sich nach eigenen Angaben an einem Anschlag, der im vergangenen Mai verübt worden war. Damals wurden zahlreiche Kabel am Umsteigebahnhof Ostkreuz angezündet. Der S-Bahn- und Regionalverkehr fiel großflächig aus. Tausende Handys funktionierten nicht.

Die linksextreme Szene ist aber nicht nur in Berlin aktiv. Ein weiterer Schwerpunkt von Taten liegt in Hamburg. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) warnte bereits bei der Vorlage des Verfassungsschutzberichts 2010 vor einer zunehmenden Gewaltbereitschaft von Links- und Rechtsextremisten. „Wir haben die Gefahr einer Gewaltspirale.“

Linksextremismus als Trend

Die Ermittler schätzen, dass die linksextremistische Szene in Deutschland rund 32 200 Menschen umfasst. 2010 gab es noch einen Rückgang auf 3747 erfasste Straftaten von Linksextremisten. Doch in den ersten fünf Monaten 2011 stieg deren Zahl wieder deutlich an. Zum Ende dieses Jahres dürfte die Zahl deutlich höher ausfallen als 2010.

In Sicherheitskreisen werden die Brandanschläge deshalb als Bestätigung einer Entwicklung gewertet, die seit längerem mit Sorge beobachtet wird. Der Trend für linksextrem motivierte Gewalt- und Straftaten geht demnach 2011 weiter nach oben. Seit 2005 ist - abgesehen von 2010 - eine stete Zunahme solcher Gewalttaten in Deutschland zu beobachtet.

Warnungen von Polizeigewerkschaften und konservativen Politikern, mit den Brandanschlägen drohe ein Terrorismus wie zu Zeiten der Rote- Armee-Fraktion, stuft der Protestforscher Simon Teune allerdings als „reflexhaft“ ein. „Ich halte das für maßlos übertrieben“, sagte Teune, der am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung arbeitet. Den Gruppen gehe es um Sachbeschädigungen. „Der Anspruch von solchen Aktionen ist, dass Menschenleben nicht gefährdet sind. Inwiefern das wirklich ausgeschlossen werden kann, ist eine andere Frage.“

Die Debatte um die Gewalttaten findet auch auf linksextremen Internetseiten statt. Viele Schreiber äußern heftigen Widerspruch. „Was für eine schwachsinnige Form des „Protests““, schreibt jemand mit dem Pseudonym Hesiod. „Da könnte ihr einen noch-so-langen Bekennerbrief mit „Begründungen“ für diesen (gefährlichen) Unsinn schreiben, im Auge der Öffentlichkeit landet nur: „Frustrierte Idioten zünden Bahnhof an“.“

dpa