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Deutschland / Welt Loki Schmidt starb im Alter von 91 Jahren
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Loki Schmidt starb im Alter von 91 Jahren
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16:47 22.10.2010
Von Reinhard Urschel
Loki Schmidt, die Frau des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt, ist tot. Quelle: dpa
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„Sentimentalen Gefühlen nachzugehen, die Zeit habe ich mir nicht genommen“, so hanseatisch kühl geht die Hamburgerin Hannelore Schmidt, genannt Loki, in ihrer Autobiografie mit den Schicksalsschlägen ihres Lebens um. Einige davon hat es gegeben, doch ausgerechnet der Tod hat sich wohl ausnahmsweise eine Sentimentalität gestattet. In derselben Stunde, in der das Büro des Altbundeskanzlers den Tod seiner Ehefrau bekannt gab, verkündete die „Stiftung zum Schutz gefährdeter Pflanzen“ die Entscheidung, dass die Moorlilie die „Blume des Jahres 2011“ sein solle. Seit 1980 hat Loki Schmidt, die Begründerin der Stiftung, diese Wahl selbst getroffen, auch noch die für die Moorlilie.

Die Frauen der Bundeskanzler, die überhaupt erst seit Rut Brandt in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, hatten alle ihre besondere Bedeutung für das Wirken ihrer Männer. Bei der Ehefrau von Helmut Schmidt liegt es auf der Hand, dass da nur eine Persönlichkeit von großer Kraft und Willensstärke auch nur einen Tag überleben konnte. Das Ehepaar Schmidt war 68 Jahre lang verheiratet, gekannt haben sich die beiden Hamburger tatsächlich aus dem Sandkasten.

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In einem seiner letzten Bücher hat Helmut Schmidt eine Liebeserklärung an seine Frau versteckt. Loki, darauf angesprochen, gab kühl zu Protokoll: „Eine solche öffentliche Liebeserklärung hatten Sie ihm nicht zugetraut? Ich auch nicht.“ Sie sagte dann aber doch, dass sie zu ihren Mann gehumpelt sei und sich mit einem Küsschen bei ihm bedankt habe.

Die menschliche Ausstrahlung dieser rein äußerlich so herben Frau, die meist Hosenanzüge trug und das Haar, seit man sie kennt, kurz, war wirklich außergewöhnlich. Sie war schlagfertig, auf hanseatische Weise humorvoll, und ihren Helmut hatte sie auf eine Weise im Griff wie sonst niemand auf der Welt. Wenn sie in den letzten Jahren gemeinsam auftraten, dann setzte sie sich links von ihm, weil sie natürlich wusste, dass er auf dem rechten Ohr nun gar nichts mehr hörte. Wenn er sie fragend anschaute, was der Redner wohl gesagt haben könnte, dann brüllte sie es ihm eben ins Ohr, aber auch das hörte auf, als sie selbst ein Hörgerät brauchte.

Sie ging zuletzt auf einen Stock gestützt, er sitzt seit Längerem im Rollstuhl. Nein, die Mühen des Alters haben die beiden nicht davon abgehalten, am öffentlichen Leben teilzunehmen, solange es eben ging.

Hannelore Glaser, so lautete ihr Mädchenname, wurde 1919 in Hamburg geboren. Gemeinsam mit zwei Geschwistern wuchs sie als Tochter eines Betriebselektrikers in bescheidenen Verhältnissen im Stadtteil Barmbek auf. 1931 wurde der Vater arbeitslos, worauf die Mutter als Näherin arbeitete. Schon mit zehn Jahren lernte sie Helmut Schmidt kennen, beide gingen in dieselbe Schulklasse.

Der junge Bursche brachte seiner Klassenkameradin die vergessene Schülermütze nach Hause und war, so erinnerte er sich später, regelrecht schockiert, dass jemand in dieser Armut leben musste. „Wir waren von Anfang an befreundet“, erinnert sich Loki in ihren Memoiren, aber wer nun an dieser Stelle die Geschichte einer romantischen Schülerliebe erwartet, der wird enttäuscht. „Ich war nie ein richtiges Mädchen, ich war ein wüster Schläger“, gesteht sie im hohen Alter ein. „Wenn die Jungs uns als Weiber abtaten, dann hab’ ich mich geprügelt, um denen Benimm beizubringen.“

Nach dem Abitur absolvierte sie ein pädagogisches Studium und wurde Lehrerin. „Eigentlich wollte ich Biologin werden, aber das scheiterte an den Studiengebühren“, sagte sie einmal.
1942 heiratete sie den gleichaltrigen Offizier Helmut Schmidt – und finanzierte ihm nach dem Zweiten Weltkrieg sein Studium in Hamburg. In der Zeit arbeitete sie als Volks- und Realschullehrerin.

1944 kam Sohn Helmut Walter zur Welt, der nach nur sieben Monaten starb, vermutlich an Meningitis. 1947 wurde Tochter Susanne geboren. In ihren Memoiren berichtete die passionierte Raucherin auch von den vielen Fehlgeburten, die sie erlitten hat.

Kanzlergattin war Loki Schmidt acht Jahre lang, von 1974 bis 1982, aber es dürfte wohl kaum verwundern, dass sie den Ausdruck überhaupt nicht goutierte. Als „Angeheiratete der Politik“, wie sie es einmal selber nannte, führte sie an der Seite von Helmut „ein etwas seltsames anderes Leben“. Ihr Mann habe in dieser Zeit jemanden gebraucht, „der im Hintergrund die sozialen Verbindungen etwas enger knüpft“. Weggefährten erklären diesen Satz damit, dass sie die menschlichen und politischen Blessuren zu lindern verstand, die der politische Raubauz Schmidt verursacht hatte.

Es gab reichlich davon. Der Altkanzler selbst adelte seine Frau einmal mit der Bemerkung, sie sei ihm „oft Volkes Stimme gewesen“. Auch schreckte er vor dem Kalauer, sie sei „Genius Loki“ gewesen, nicht zurück. „Reingeredet“, wie es gelegentlich bei späteren Kanzlern vorgekommen sein soll, habe sie ihm nie.

Zu den schwärzesten Tagen an der Seite des Bundeskanzlers zählte sie in ihrer Erinnerung jene im Jahr 1977 während der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer durch die Rote Armee Fraktion (RAF). „Helmut und ich haben damals ausgemacht, wenn einer von uns beiden gekidnappt wird, darf der andere keine Forderungen der Kidnapper erfüllen“, erinnerte sie sich. Vom Sturz ihres Mannes aus dem Kanzleramt 1982 erfuhr sie während eines Aufenthalts in Brasilien.

Ein wohlgemeintes Lob, sie gebe ein Vorbild an Emanzipation ab (an der Seite dieses Mannes!), parierte sie unerwartet: „Was heißt emanzipiert. Ich war es, und er war es.“ Über Emanzen hat sie sich gelegentlich ein wenig mokiert: „Beeindruckt haben mich eher die Suffragetten, die lange vor dem Ersten Weltkrieg in England für die Gleichstellung und für das Frauenwahlrecht eingetreten sind und die bereit waren, für ihre Vorstellung sogar ins Gefängnis zu gehen.“

Seit 1976 machte sich Loki Schmidt den Namen ihres Mannes zunutze, um für den Naturschutz „hausieren zu gehen“. Sie mochte sich nicht mehr nur auf Schirmherrschaften als Kanzlergattin zurückziehen und rief ihre Stiftung ins Leben. Jetzt ging sie ganz auf in ihrer Arbeit im Dienst gefährdeter Pflanzen. Regelmäßig begleitete sie junge Wissenschaftler auf Forschungsreisen um die Welt: „Ich bin penetrant neugierig geblieben.“

Viele Buchveröffentlichungen über botanische Themen waren die Früchte der Reisen, so auch 1997 das erfolgreiche Grundlagenwerk „Die Botanischen Gärten in Deutschland“. Für ihre öffentlichkeitswirksamen Verdienste um die Botanik wurde sie vielfach ausgezeichnet, etwa mit einem Ehrensenatorinnen-Titel der Hamburger Universität. 2005 äußerte sie sich in „Mein Leben für die Schule“ zur Bildungspolitik. Drei Jahre später erschien das Buch „Erzähl doch mal von früher“.

Das Erfolgsrezept ihrer knapp sieben Jahrzehnte währenden Ehe mit Helmut Schmidt war für die Hamburger Ehrenbürgerin ganz einfach: „Wir konnten immer gut miteinander reden und auch zanken“, sagte sie. Ernstlich gestritten, „dass die Fetzen flogen“, hätten sie sich in ihren vielen Ehejahren aber nie. Auch hat sie ihr grenzenloser Optimismus trotz zahlreicher Krankenhausaufenthalte in den vergangenen Jahren nie verlassen. Noch zuletzt, im Zusammenhang mit dem Erscheinen ihres Erinnerungsbuches „Auf dem roten Teppich und fest auf der Erde“, hatte Loki Schmidt den großen Wunsch geäußert, den 70. Hochzeitstag mit ihrem Helmut im Juni 2012 noch erleben zu wollen.

Sentimentalitäten hat sich Hannelore Schmidt nicht gestattet, auch nicht beim vorausschauenden Blick auf den eigenen Tod. In „Erzähl doch mal von früher“ stellt sie sich das so vor: „Ich bin wirklich der Meinung, dass man sich, weil man aus vielen Atomen und Molekülen besteht, in all die Bestandteile auflöst, und Mutter Natur setzt alles neu zusammen. Man verschwindet körperlich nicht. Man lebt in einer völlig anderen Weise oder bleibt der Erde in einer völlig anderen Weise erhalten.“

Trauerfeier im Hamburger „Michel“

Eine Trauerfeier für Loki Schmidt ist in der Hamburger St. Michaeliskirche, dem „Michel“, geplant. Ein Termin für die Trauerfeier stehe aber noch nicht fest, sagte ein Sprecher des Senats am Donnerstag. Am Freitag werden von 11.00 Uhr an im Hamburger Rathaus Kondolenzbücher ausgelegt. In der Hansestadt wurde Trauerbeflaggung gesetzt.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

dpa