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Deutschland / Welt Lukrezia Jochimsen ohne Siegchance
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Lukrezia Jochimsen ohne Siegchance
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22:03 28.06.2010
Von Gabi Stief
Es geht darum, sich überhaupt zur Wahl zu stellen: Luc Jochimsen, Kandidatin der Linken. Quelle: dpa
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In gewisser Weise ist sie sich treu geblieben. Es wäre an der Zeit, dass eine Frau Bundespräsidentin wird, sagte die Kandidatin kürzlich. „Wirklich an der Zeit.“ Vor elf Jahren hat sie das schon einmal gesagt. Damals hieß die Kandidatin Dagmar Schipanski. Eine nicht ganz unbekannte Fernsehjournalistin namens Lukrezia (Luc) Jochimsen empfahl der Politik in einem Kommentar, doch mal das Volk überlegen zu lassen, ob eine Frau aus dem Osten, Naturwissenschaftlerin, nicht dem Sozialdemokraten Johannes Rau vorzuziehen sei. Das Motto der Unterstützer-Initiative, an der sich auch die „Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer beteiligte, war schnell gefunden: „Frau statt Rau“. Bekanntermaßen endete die Wahl mit Rau statt Frau. Die parteilose Professorin aus Thüringen, von der Union in ein chancenloses Rennen geschickt, scheiterte im zweiten Wahlgang.

Auch Luc Jochimsen wird am Mittwoch durchfallen. Sie könne rechnen, sagt die 74-Jährige. Joachim Gauck, der ebenfalls auf seine Rechenkünste verweist, könnte Überläufer für sich gewinnen; bei der Kandidatin der Linken käme dies einem Wunder gleich. Aber wer zu den Verlierern gehört, setzt auf kleine Siege. Ein paar Stimmen aus dem anderen Lager? Es würde ihr gefallen. 124 der 1244 Delegierten kommen aus den Reihen der Linken.

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Die Linke ist eine späte Heimat der gebürtigen Nürnbergerin. Früher fühlte sich die promovierte Soziologin und Mutter eines Sohnes dem linken Flügel der SPD nah. Früher, das war die Zeit als sie erstmals bei dem Polit-Magazin „Panorama“ auffiel, später aus London für die ARD berichtete, und schließlich als eine von wenigen Frauen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen den Aufstieg zur Chefredakteurin schaffte. 2001 war mit dem Journalistendasein Schluss. Doch mit 65 Jahren einfach aufhören und die Politik sich selbst überlassen? Die Ruheständlerin Jochimsen mit Wohnsitz in Hamburg und im italienischen Veneto wurde Politikerin.

2002 trat sie erstmals für die hessische PDS als Spitzenkandidatin an; doch der Einzug in den Bundestag misslang. Einen zweiten Anlauf unternahm sie 2005 von Thüringen aus. Mit Erfolg. Seitdem kümmert sie sich in der Bundestagsfraktion um die Kulturpolitik. Ihr Herzensthema ist jedoch die Friedenspolitik. Ein Thema, das sie mit Lust zur Provokation verfolgt. So erzürnte sie die Feldjäger, als sie im vergangenen Herbst bei der Einweihung eines Ehrenmals der Bundeswehr im Verteidigungsministerium mit einem Schal mit der Aufschrift „Nun erst recht. Raus aus dem Krieg“ erschien. Im Februar demonstrierte sie gemeinsam mit Fraktionskollegen während der Abstimmung über die neue Afghanistan-Strategie mit einem Plakat für die Opfer des Luftschlags bei Kundus und wurde des Saals verwiesen.

Die streitbare und mehrfach ausgezeichnete Publizistin sieht sich nicht als Zählkandidatin. Das wäre zu langweilig. „Friedensstifterin, Vereinigerin und Schirmherrin für die Schwachen“ will sie sein. Nicht die Wahl selbst, sondern das sich zur Wahl stellen, sei das Spannende. „Großartig, das musst du machen“, soll ihr Mann, der Autor und Filmemacher Lucas Maria Böhmer, gesagt haben, als ihr die Kandidatur angetragen wurde. Die Werbetour der vergangenen Wochen führte sie mal zu den Linken im Potsdamer Landtag, mal ins Berliner Abgeordnetenhaus. Gäste aus den anderen Fraktionen waren allerdings selten. Selbstverständlich hätte es auch die Chance für einen gemeinsamen Kandidaten mit der SPD gegeben, hat sie in diesen Tagen mehrfach betont. Friedrich Schorlemmer, Theologe, Bürgerrechtler und Sozialdemokrat, hätte es sein können. Joachim Gauck sei dagegen für die Linke nicht wählbar.

Am Wochenende konnte die 74-Jährige testen, wie es ist, in einem Schloss zu residieren und große Runden zu moderieren, die die Welt verbessern wollen. Nicht im Bellevue, sondern im Schloss Frieden- stein zu Gotha traf sich die Kandidatin mit Künstlern, Wissenschaftlern, Kirchenvertretern und Politikern, um einen Tag lang über den Frieden zu diskutieren. Es war ein Termin, der feststand, als noch keiner ahnte, dass Herr Köhler demnächst privatisieren würde. Ihr bedächtiger Ton, die ausladende Gestik wirke „durchaus präsidial“, notierte die örtliche Zeitung. Dennoch – der Ernstfall wird nicht eintreten.

Jene Frau, die Jochimsen einst unterstützte, wurde übrigens damals in Thüringen noch Wissenschaftsministerin, später Landtagspräsidentin. Kürzlich erklärte Dagmar Schipanski, dass sie es mit ihrem Gewissen ausmachen werde, wen sie in der Bundesversammlung wähle. Daraus wird nichts. Die Physikerin wurde von der Wahlleuteliste der Thüringer CDU gestrichen.