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Deutschland / Welt „Die Zehn Gebote verbieten Spionage“
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00:15 02.11.2013
Von Simon Benne
 „Ausschnüffeln ist unchristlich“: Margot Käßmann. Quelle: dpa
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Hannover

Das Internet sei für uns alle „Neuland“, hat die Bundeskanzlerin vor einiger Zeit gesagt. Viel Spott hat sie dafür geerntet. Zu Unrecht. Denn die Juristerei, die klar regelt, was erlaubt und was verboten ist, hinkt dem technischen Fortschritt oft tatsächlich hinterher. Und die Religion, die klar regelt, was gut und was böse ist, erst recht. Eine Theologie des Smartphones gibt es bislang nicht, und die Bibel ist keine Gebrauchsanweisung für Handys. Wer wagt es schon, uralte Texte auf modernste Technik zu beziehen?

Margot Käßmann wagt es. Hannovers frühere Landesbischöfin hat sich jetzt empört über die NSA-Spähaffäre und den Lauschangriff auf das Handy von Kanzlerin Angela Merkel gezeigt: „Mich hat das sehr erschreckt. Es gibt Grenzen. Schnüffeln in der Privatsphäre ist unerträglich“, vertraute Deutschlands beliebteste Theologin der „Passauer Neuen Presse“ an. Passend zum heutigen Reformationstag brach die Luther-Botschafterin damit eine Lanze für die Freiheit eines Christenmenschen: „Ich will frei telefonieren können, ohne ständig fürchten zu müssen, abgehört zu werden.“ Man darf sicher sein, dass Luther dagestanden und nicht anders gekonnt hätte, als ihr zuzustimmen.

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Mit ihrer Empörung liegt Käßmann ganz auf der Linie dessen, was jetzt alle sagen. Doch ihre Begründung wurzelt tief in der religiösen Ethik: „Andere ausschnüffeln und bloßstellen ist unchristlich“, sagt sie. „Die Zehn Gebote verbieten Spionage.“ Ein rechtes Wort zur rechten Zeit: Die italienische Zeitschrift „Panorama“ berichtete gestern, die NSA habe auch Telefonate im Vatikan abgehört, vielleicht sogar Gespräche des Papstes.

Käßmanns katholische Kollegen haben zu diesem Thema bislang geschwiegen. Dabei gibt es in ihrem Bereich sogar einen Schutzpatron der Vertraulichkeit: Sankt Nepomuk war ein Priester, den der König 1393 in Prag ertränken ließ, da der Heilige nicht verraten wollte, was die Königin ihm unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses anvertraut hatte. Gleichwohl war eine Stellungnahme von der katholischen Deutschen Bischofskonferenz zur spirituellen Dimension der NSA-Affäre gestern auch auf Anfrage der HAZ nicht zu bekommen. So ist es allein Margot Käßmann, die den Finger in diese Wunde legt.

Nun äußern sich Theologen über Spione fast so selten wie Spione über Theologen. Käßmann betritt also Neuland. Dennoch darf bezweifelt werden, dass in der Agentenszene jetzt großes Aufhorchen einsetzt und ein Schlapphut den anderen zur Umkehr mahnt. Zumal Käßmann ausgerechnet auf das achte Gebot verweist: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ bedeute, dass man niemanden belauschen dürfe, sagt sie. Hier jedoch könnten Agenten argumentativ ansetzen: Schließlich ist Reden etwas ganz anderes als Lauschen oder Lesen. Und auch Spione können bei der Suche nach moralischer Rechtfertigung in der Bibel fündig werden: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“, steht dort. Matthäus, Kapitel 11, Vers 15.

30.10.2013
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