Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Massenflucht ins Ungewisse
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Massenflucht ins Ungewisse
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:30 28.08.2012
Tausende Syrer fliehen vor der Gewalt in ihrem Heimatland. Vor ihnen liegt eine Reise ins Ungewisse. Quelle: dpa
Anzeige
Masnaa

Sie wirken erschöpft und hilflos. Tausende Flüchtlinge aus Syrien haben es in den vergangenen Tagen auf libanesischen Boden geschafft. Es sind vor allem Frauen und Kinder. Stundenlang haben sie an der Grenze darauf gewartet, dass libanesische Grenzwachen ihre Pässe abstempeln - und ihnen damit den Weg in die Freiheit eröffnen. Der Zustrom neuer Flüchtlinge will nach den jüngsten Kämpfen und Massakern in und um Damaskus nicht enden.

„Einige von ihnen haben einen Platz zum Wohnen. Doch die meisten sind hilflose Syrer, die einfach nur fliehen, um ihre Familien zu schützen, ohne ein Ziel vor Augen“, sagt Baschir al Dscharah, der ein provisorisches Flüchtlingslager im libanesischen Mardsch leitet. „Wir werden unser Bestes tun, um die Neuankömmlinge unterzubringen, selbst wenn wir sie dafür in unseren eigenen Häusern wohnen lassen müssen.“

Anzeige

„Wir wissen nicht, wohin wir von hier aus weiter gehen sollen“, sagt Amira aus dem umkämpften Stadtteil Dschobar in Damaskus. „Man hat uns gesagt, dass es in der Region West Bekaa Schulen gibt, die uns erstmal aufnehmen können.“ Doch was Amira nicht weiß, ist, dass die Schulen dort längst überfüllt sind. Binnen weniger Stunden hätten mehr als 6800 Menschen die Grenze überquert, sagen Beamte in Masnaa. Das sei viel für ein kleines Land wie dem Libanon.

„Ich habe das Gebiet mit meiner Mutter, Schwester und unseren fünf Kindern am Sonntag verlassen. Wir sind mit einem Taxi in den Libanon gefahren“, erzählt Amira. „Mein Mann und der Mann meiner Schwester sind noch immer in Dschobar.“ Andere Flüchtlinge berichten, dass Imame sie über die Mikrofone der Moscheen aufgerufen hätten, sich vor dem Beschuss der Regierungstruppen zu retten und Syrien zu verlassen.

„Gebiete am Stadtrand brennen und Dutzende Menschen werden jeden Tag getötet“, sagt Abu Mustapha aus Daraja bei Damaskus. Erst am Montag hatte er vom Tod dreier Cousins und ihrer Familien erfahren. „Auf den Friedhöfen ist kein Platz für mehr Leichen, sie sind voll.“ Abu Mustaphas Frau Zhara steht neben ihm, ganz in Schwarz gekleidet. Auch sie hat erst vor wenigen Tagen ihre beiden Schwestern verloren.

Viele Flüchtlinge waren erst vor zwei Wochen nach Damaskus zurückgekehrt, als die Regierungstruppen wieder Kontrolle über die Hauptstadt erlangt hatten. Nun, da die Kämpfe von neuem ausgebrochen sind, hätten die meisten ein weiters Mal Zuflucht im Libanon gesucht, sagen libanesische Grenzbeamte. Mehr als 51.000 Syrer haben sich bisher im Libanon bei den Vereinten Nationen registrieren lassen. Das Nachbarland Jordanien schätzt, dass schon 160.000 syrische Flüchtlinge angekommen sind. In der Türkei sind es mehr als 80.000.

Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) bemüht sich zusammen mit seinen Partnern um neue Unterkünfte - vor allem für diejenigen, die jetzt noch in Schulen wohnen. Im September beginnt im Libanon wieder der Unterricht, spätestens dann muss eine Lösung her.

dpa

Stefan Koch 30.08.2012