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Deutschland / Welt Merkel und Seehofer wünschen keinen Guttenberg-Rücktritt
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Merkel und Seehofer wünschen keinen Guttenberg-Rücktritt
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08:53 22.02.2011
Von Stefan Koch
Karl-Theodor zu Guttenberg.
Karl-Theodor zu Guttenberg. Quelle: dpa
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Während die Rockmusik die Halle vibrieren ließ, marschierte Guttenberg vor 1000 jubelnden Anhängern an der Seite eines alten Kämpen in die Halle ein: Roland Koch begleitete ihn, einer, der einst schon Affären ganz anderen Kalibers durchgestanden hat und bald Chef des Baukonzerns Bilfinger Berger sein wird.

Eine doppelte Trotzreaktion war zu beobachten an diesem Abend. Guttenberg schob ein für allemal das Thema Doktorarbeit von sich weg: Er werde dauerhaft auf das Führen dieses Titels verzichten.„Ich habe gravierende Fehler gemacht, die den wissenschaftlichem Kodex nicht entsprachen“, sagte er, als wolle er sich befreien von einer Last. Er entschuldigte sich bei jenen, die er mit seiner Arbeit verletzt habe – „mit der notwendigen Demut“ und „von Herzen“. Und auch die Parteibasis will, so scheint es, von dieser Sache nichts mehr hören. „Das wird doch alles nur hochgespielt“, rief eine junge Frau ins Mikrofon eines Radioreporters – und traf damit den Gemütszustand vieler im Saal.

Mit überraschender Deutlichkeit hatte am Vormittag bereits CDU-Chefin Angela Merkel das Thema kleingeredet: „Ich habe keinen wissenschaftlichen Assistenten oder einen Promovierenden oder einen Inhaber einer Doktorarbeit berufen. Mir geht es um die Arbeit als Bundesverteidigungsminister. Die erfüllt er hervorragend, und das ist das, was für mich zählt.“ Sie kümmere sich um die Frage, ob Guttenberg seinen Aufgaben als Minister gerecht werde – „und da sage ich ja“. Sie halte ihn für einen „erfolgreichen Minister“, und daher habe er ihre „volle Unterstützung“.

Die kühle Kalkulation, die die Kanzlerin im Sinn hat, wird auch in der CSU angestellt. Mit Guttenberg verbinden die Christsozialen die Aussicht, in Bayern zur absoluten Mehrheit zurückzukehren. Der 39-Jährige eint die CSU. Sollte er allerdings wegen der Plagiatsvorwürfe zurücktreten, droht der Partei die Rückkehr zu alten Grabenkämpfen. Ob Parteichef Horst Seehofer, Generalsekretär Alexander Dobrindt oder auch Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich – bei jeder sich bietenden Gelegenheit scharen sich alle führenden Christsozialen um ihn. Seehofer eilte am Montag sogar in aller Herrgottsfrühe zum ZDF und sagte im Morgenmagazin: „Meine Losung ist immer, ein Minister stürzt nur, wenn es die eigene Partei will – und die eigene Partei will es nicht.“ Dass Guttenberg selbst einen Rücktritt ins Gespräch gebracht habe, wies der CSU-Vorsitzende zurück. „Zu keiner Sekunde hat Karl-Theodor von Rücktritt gesprochen.“

Noch im Januar in Wildbad Kreuth ging es bei der CSU allein um die Frage, ob Guttenberg den CSU-Chef auf dem Parteitag im Oktober herausfordern würde. Die Stimmung schien klar: Sollte er CSU-Vorsitzender werden wollen, hätte er ein Zugriffsrecht. Zu groß war sein Sympathievorsprung. Alles schien nur eine Frage der Zeit zu sein: Früher oder später würden ihn die Parteifreunde zum Nachfolger von Seehofer wählen.
Ein leitender CSU-Mitarbeiter in München sagte gestern, dass Guttenberg keine andere Wahl habe, als durch dieses „Stahlbad“ zu gehen. Zu viele Hoffnungen ruhten auf seinen Schultern, als dass er von der Bühne abtreten könnte. Seehofer drückte sich bei seinem gestrigen Berlinbesuch ähnlich aus: „So was muss man in der Politik durchhalten.“

Guttenberg lässt die politischen Freunde zittern – und mit ihnen auch zwei Biografen: Eckart Lohse und Markus Wehner von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sehen sich plötzlich in einer seltsamen Situation. Kommende Woche erscheint ihr 416-Seiten-Buch „Guttenberg. Biographie“, das ausgerechnet von CSU-Chef Seehofer vorgestellt wird. Wie es der Zufall will, wurden die Druckmaschinen gerade in dem Augenblick angeworfen, als die Plagiatsaffäre hochkochte. Obwohl der Ärger um die Doktor­arbeit noch unbekannt war, kamen die akribischen Rechercheure zu einem prägnanten Schluss: „Guttenberg hat es mit der Wahrheit nicht so genau genommen.“

Im Gespräch mit dieser Zeitung bat Lohse um Verständnis, dass er vor der Buchvorstellung nichts über seine Arbeit preisgeben wolle. Nur so viel: „Ob Guttenberg angesichts der zahllosen Vorwürfe zurücktritt oder nicht, weiß er im Moment wahrscheinlich selbst nicht. Er ist eben ein Mann der schnellen Entschlüsse.“ Ein „Doktor-Typ“ jedenfalls sei Guttenberg von seiner Natur aus „eigentlich nicht“.

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Wegen der Plagiatsvorwürfe hat Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) die Universität Bayreuth gebeten, seinen Doktortitel zurückzunehmen. Zur Begründung habe er auf „gravierende, handwerkliche Fehler“ in seiner Dissertation hingewiesen, teilte die Universität am Montagabend mit. Sie sei aber dennoch verpflichtet, die Rechtmäßigkeit der Doktorarbeit zu prüfen.

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