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Deutschland / Welt Ein Pakt mit Putin
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21:13 22.12.2013
Michail Chodorkowski hat in Berlin erklärt, sich künftig aus der Politik herauszuhalten. Quelle: dpa
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Berlin

Der etwa 20 mal 40 Meter große Saal im Mauermuseum am früheren Berliner Checkpoint Charlie ist bereits übervoll. Zum ersten Mal seit seiner überraschenden Begnadigung am Freitag will sich Michail Chodorkowski um 13 Uhr öffentlich äußern – entsprechend gewaltig ist der Andrang.

Draußen ist die Friedrichstraße durch die Übertragungswagen diverser TV-Anstalten zugeparkt. Rund 400 Pressevertreter aus aller Welt haben sich angemeldet. Wer sich nicht rechtzeitig akkreditiert hat, wird nicht mehr eingelassen. Da hilft auch kein Protest und kein Poltern gegen die Türen, die bald verschlossen werden.

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Drinnen mühen sich derweil unermüdlich die Organisatoren dieser ungewöhnlichen Pressekonferenz, die Fotografen und Kameraleute zu überreden, eine Gasse freizuhalten, damit der für 13 Uhr erwartete Chodorkowski überhaupt das Podium erreichen kann. Doch selbst das zahlreiche Personal eines Sicherheitsdienstes schafft das zunächst nicht. Nur mit Mühe gelangen die Eltern des mehr als zehn Jahre inhaftierten Mannes über eine Treppe vom Obergeschoss in den Saal. Als ein paar Minuten später ihr Sohn Michail folgt, ist das Gedränge so groß, dass der schlanke Mann mit dem Stoppelhaarschnitt erst einmal hinter einer Wand aus Kameras verschwindet.

Mitten in das Geschiebe meldet sich plötzlich eine energische Frauenstimme über das Saalmikrofon. „Gehen Sie jetzt, oder ich schmeiße Sie raus!“ Und noch einmal: „Entweder Sie werden jetzt normal, oder ich werde das beenden. Es gibt hier Hausrecht.“ Die Stimme gehört Alexandra Hildebrandt, der ukrainisch-stämmigen Chefin des privat geführten Mauermuseums. Seit zweieinhalb Jahren hat sie dem für lange Zeit prominentesten Häftling Russlands zwei Räume gewidmet. Chodorkowski revanchiert sich nun mit seinem in die ganze Welt übertragenen Auftritt. Es heißt, eine Berliner Agentur, die schon lange für ihn arbeite, habe alles organisiert.

Vor Aufregung versagt Hildebrandt fast die Stimme bei ihrer eigenwilligen Moderation, die sie kräftig für Eigen-PR nutzt. Als sie auch Russlands Präsidenten Wladimir Putin in den Dank an alle einbezieht, die sich für Chodorkowskis Freilassung eingesetzt haben, wird Protest laut. Es sind besonders viele Journalisten aus Russland und Osteuropa gekommen.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat Kremlgegner Chodorkowski nach mehr als zehn Jahren Haft überraschend aus humanitären Gründen begnadigt.

Der einstige Ölmilliardär wirkt erstaunlich locker und entspannt, sein Auftritt ist gewandt und freundlich. In seiner Muttersprache gibt er eine kurze Erklärung ab. Es ist eine Danksagung an alle, die ihm geholfen haben, nun in Berlin zu sein – zuvorderst an Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), der in dem Fall vermittelt hatte, aber auch an Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Medien. Aber zugleich ist es auch eine Mahnung, dass es nach wie vor viele politische Häftlinge in seiner Heimat gebe. „Wir müssen einfach mehr tun“, sagt er.
Seinem Widersacher Putin dankt er nicht. Aber er verliert auch kein schlechtes Wort über den Kremlherrscher, bei dem er 2003 wegen politischer Ambitionen in Ungnade fiel. Wenig später wurde Chodorkowski dann wegen Betrugs, Steuerhinterziehung und Diebstahls verhaftet und in zwei Prozessen am Ende zu 13 Jahren Lagerhaft verurteilt. Sein Ölkonzern Yukos ist inzwischen zerschlagen worden.

Welche Gefühle er Putin entgegenbringe, wird er nun in der gut 30-minütigen Pressekonferenz gefragt. Die Antwort fällt diplomatisch aus. Er habe immer gewusst, dass ein „ganz hartes Spiel gespielt“ werde, gerade mit ihm. Aber seine Familie sei davon nicht betroffen gewesen, sondern korrekt behandelt worden. „Das hat es mir möglich gemacht, die Konfrontation nicht emotional zu sehen.“ Der Frage, ob die Verfahren politisch motiviert waren, weicht der 50-Jährige aus. Darauf habe er „keine glaubwürdige Antwort“. Ratschläge, wie der Westen mit Putin, „einem alles andere als einfachen Menschen“, umgehen sollte, will er schon gar nicht erteilen.

Chodorkowski stellt klar, dass er keine neue Machtprobe mit Putin sucht und sich nicht für die Opposition engagieren will. Er habe nicht vor, sich „mit politischen Möglichkeiten zu beschäftigen“. Auch hege er keine Pläne, in die Wirtschaft zurückzukehren oder um seine verlorenen Yukos-Anteile zu kämpfen. „Meine finanzielle Situation erfordert es nicht, dass ich arbeiten müsste“, sagt der einst mit geschätzt 15 Milliarden Dollar reichste Mann Russlands. Es heißt, dass er noch immer über ein beträchtliches Vermögen verfüge.

Seine Abmachung mit Wladimir Putin wird damit deutlich. Der Präsident begnadigte ihn ohne jenes Schuldeingeständnis, das Chodorkowski nach eigenen Worten niemals akzeptiert hätte. Dafür sagt der Freigelassene politische Enthaltsamkeit und den Verzicht auf alle Bemühungen zu, sein in der wilden Jelzin-Zeit erworbenes Vermögen zurückzubekommen.

Nach Russland will Chodorkowski vorerst nicht zurück. Er befürchtet, dann nicht wieder ausreisen zu dürfen. Gerüchte, dass er mit seiner Familie in die Schweiz wolle, dementiert er. Er sei erst 36 Stunden in der Freiheit, da habe er noch keinerlei Pläne für die Zukunft fassen können. Chodorkowski wird also vorerst in Berlin bleiben. Mit seiner Familie hat er sich im Hotel „Adlon“ direkt am Brandenburger Tor einquartiert. Dass es nach Deutschland geht, habe er erst im Flugzeug erfahren.
Wie lange er bleibt? „Ich hatte noch keine Möglichkeit, mit meiner Familie darüber zu sprechen“, sagt der Vater von vier Kindern. Das Visum gilt jedenfalls für ein Jahr.

Arnold Petersen / Frank Lindscheid