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Deutschland / Welt Müntefering gibt den SPD-Vorsitz endgültig ab
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Müntefering gibt den SPD-Vorsitz endgültig ab
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21:00 11.11.2009
Von Reinhard Urschel
Ein Disziplinator geht: Franz Müntefering verschwindet aus der ersten Reihe der Sozialdemokraten. Quelle: ddp (Archivbild)
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Den roten Schal wird er sicher umlegen. Sein dreiteiliger Anzug schlackert vielleicht ein wenig luftig um seinen drahtigen Körper, aber niemand soll ihm anmerken, wie nahe ihm der Abschied geht aus dem Amt, das er zum zweiten Mal innehat, das „schönste Amt neben Papst“. Auf dem Parteitag der SPD in Dresden gibt Franz Müntefering den Vorsitz der SPD abermals ab, wie schon 2005. Er wollte nicht gehen, jedenfalls nicht jetzt und jedenfalls nicht so. Aber die Jungen in der Partei haben gegen ihn geputscht, gegen den Mythos Münte und gegen das System Franz. Sie haben auf eine Weise geputscht, die ihm bei seiner Vorstellung von Partei eigentlich gefallen müsste: heißes Herz, klare Kante.

Franz Müntefering ist am Ende seines politischen Weges angekommen. Es ist sicher kein Zufall, dass dies zu einem Zeitpunkt geschieht, an dem ein Kernsatz seiner politischen Philosophie für die SPD zu einer bitteren Wahrheit geworden ist: „Opposition ist Mist“. Der Keulenschlag, der die Traditionspartei am Abend der Bundestagswahl getroffen hat, hat auch das System Müntefering zum Einsturz gebracht: Nicht wanken, auch wenn die Partei nicht gut dasteht, weitermachen, wie gesagt, Opposition ist Mist. Das hat er den Genossen eingebläut, in Parteitagsreden, in Interviews, in einem Buch mit dem bezeichnenden, doppelsinnigen Titel „Macht Politik!“

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Er ist spät in die große Politik gekommen, nicht direkt aus dem Sauerland, wie manche glauben, sondern aus der Düsseldorfer Landespolitik. Er hat die Geschicke der Enkel-SPD bestimmt, mehr als den Darstellern vorne auf der Bühne gleich klar geworden ist. Rudolf Scharping hat ihn Mitte der Neunziger nach Bonn geholt, als Bundesgeschäftsführer. Aber ganz gleich, ob er Bundesgeschäftsführer, Generalsekretär, Fraktionsvorsitzender oder Parteivorsitzender war, er hat die SPD nach einem Grundsatz behandelt, wie er sozialdemokratischer nicht sein kann: Politik ist Organisation. Hätte Helmut Schmidt einen anderen legendären Satz nicht vor ihm gesagt, hätte der auch einer jener unnachahmlichen Münte-Sätze werden können: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“

Das passt zu einem, der die Regierungsmacht erobern und erhalten möchte. Müntefering war Machtpolitiker und Diener zugleich. Kanzler GerhardSchröder hat er zugearbeitet, Willy Brandt hat er geliebt. Herbert Wehner hat er verehrt. Das tut er heute noch. Wenn er mit versteinerter Miene einsame Entscheidungen vorgetragen hat, dann hieß es wieder: Er wehnert.

Müntefering hat natürlich gewusst, dass er Kult wurde in seiner Partei. Seine Drei-Wörter-Sätze haben Parteitage mitgerissen, seine Art zu sprechen bekam auf einmal eine moderne Anmutung. Es ist ja auch nicht so, dass dieser sauerländische Sturkopf nicht Modernisierungsschübe bei sich zugelassen hätte. Die Steilwandfrisur der achtziger und frühen neunziger Jahre, die er bei Harald Schmidt noch mit den Worten verteidigte, er sei eben auch seinem Friseur treu, verlor ihre kompakte Form. Seine berühmten Schreibmaschinenmanuskripte hackt er nicht mehr in eine alte „Erika“, sondern in eine moderne „Gabriele“.

Aber das Denken, klagt die Nach-Enkel-Generation, sein Denken hat der Mann nie modernisiert. Sein autoritärer Führungsstil, sein Beharrungsvermögen, sein Festhalten an den immer gleichen Mitarbeitern, seine Einsilbigkeit, wird auf einmal gegen ihn verwandt. Er hat der Partei Hartz IV aufgezwungen zusammen mit Gerhard Schröder, die Rente mit 67, all die Dinge, die für den verheerenden Absturz der SPD stehen. Er hat den Abgeordneten, die nicht zustimmen wollten, mit dem Ende der Karriere gedroht, ein starker Disziplinator. „Ich bin ein Alleiner“, hat er seinen Stil einmal selbst beschrieben. Als Gerhard Schröder in einer schwachen Minute einmal sagte, er hätte den Franz gern zum Freund, da hat der Franz nicht etwa freudig eingeschlagen in das Angebot. Mal sehen, hat er ausgedrückt, ohne Worte.

Es hat eine Zeit gegeben in der SPD, da haben sie in Müntefering beinahe so etwas wie einen Heilsbringer gesehen. Das war die Ära Beck, die über die Partei hereinbrach, weil Münte nahe bei seiner sterbenskranken Frau sein wollte. Er gab sein Ministeramt ab, den Parteivorsitz, nur sein Bundestagsmandat behielt er, eine Rückversicherung für Zeiten, da ihn seine Partei wieder rufen würde. Einen Monat nachdem Ankepetra in Bonn gestorben war, tauchte Müntefering im Münchener Hofbräukeller auf, wächsern noch im Gesicht, ob des Schicksalsschlages, aber schon wieder kämpferisch. So gehe es nicht weiter, war der Tenor seiner fulminanten Rede, deren Wirkung am Ende seinen Nachfolger Kurt Beck in den Schwielowsee versenkte.

Weshalb die SPD ihn so sehr geliebt hat und in weiten Teilen auch noch liebt – nur eben nicht oben an der neuen Spitze – ist schwer zu begreifen und noch schwerer zu erklären. Er ist kein Säulenheiliger wie Willy Brandt, kein Umarmer wie Gerhard Schröder, kein Volkstribun. Das Unmoderne, das Unzeitgemäße, das ihn so herausgehoben hat aus der Politikerklasse, das kann die SPD für den Neuaufbau nicht mehr gebrauchen.

Die Jungen haben ihn weggeboxt und dabei auch noch gedemütigt. Während er am Tag nach der Bundestagswahl noch von einem Personaltableau sprach, das er, der Vorsitzende, zusammenstellen wollte, um einen geregelten Übergang in der Partei und in der Fraktion zu ermöglichen, hatte sich Frank-Walter Steinmeier in einem Coup schon den Fraktionsvorsitz gegriffen, und Sigmar Gabriel, Klaus Wowereit, Hannelore Kraft und Olaf Scholz hatten die künftige Parteispitze schon unter sich ausgekungelt. Selbst in der geschwätzigen SPD war nichts nach außen gedrungen von dem Komplott, beste Müntefering-Schule könnte man sagen, wenn es nicht zu zynisch wäre.

Die Demontage des Vorsitzenden wurde zum öffentlichen Schauspiel, als der designierte Nachfolger bei einem gemeinsamen Pressetermin im Atrium des Willy-Brandt-Hauses behauptete, am Abend nach der Bundestagswahl hätten „sich Leute zusammengesetzt und Franz Müntefering gebeten, alles in die Hand zu nehmen“. Da hatte Gabriel die Macht in der Partei längst an sich gerissen, seine einstige Widersacherin Andrea Nahles eingebunden und den Zeitenwechsel in der Partei eingeleitet. Den Segen dazu haben sich die drei neuen Mächtigen in der SPD nicht etwa beim Vorsitzenden Müntefering geholt, sondern beim Altmeister, dem Orakel von Hannover. Bei Gerhard Schröder zu Hause haben Steinmeier, Nahles und Gabriel dieser Tage die Zukunft der SPD besprochen. Jetzt muss nur der Parteitag seine Zustimmung geben, dann ziehen die drei den Karren, und mit ihnen zieht die neue Zeit.

Vor Kurzem ist Müntefering nach Berlin-Kreuzberg gezogen. Seine neue Lebensgefährtin Michelle, eine Genossin, die ein paar Jahre jünger ist als er, hat dort eine kleine Wohnung. Man sieht die beiden beim Thailänder an der Bergmannstraße. Im Bundestag hat sich der 69-Jährige für den Ausschuss Jugend, Frauen und Senioren gemeldet. Er verschwindet aus der ersten Reihe, aber er ist noch da.

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