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Deutschland / Welt Mutmaßlicher Lübcke-Mörder: Das ist der Schläfer Stephan E.
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Mutmaßlicher Lübcke-Mörder: Das ist der Schläfer Stephan E.

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17:15 18.06.2019
Die von der Polizei aufgebrochene Eingangstür des Wohnhauses von Stephan E. ist mit einer roten Platte verrammelt. Quelle: imago images / Hartenfelser
Kassel/Berlin

Horst Seehofer meldet sich mit einem Tag Verspätung zu Wort. Dann aber meldet sich der Bundesinnenminister umso deutlicher – und er tut es nicht allein. Vielmehr tritt der CSU-Politiker gemeinsam mit den Präsidenten des Bundeskriminalamtes und des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Holger Münch und Thomas Haldenwang, vor die Berliner Hauptstadtpresse.

Der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (65) am 2. Juni und die Festnahme des 45-jährigen Rechtsextremisten Stephan E. seien ein „Alarmsignal“, sagt Seehofer und fährt dann fort: „Jeder Mord sollte uns betroffen machen.“ Aber wenn ein hoher Repräsentant des Staates getötet werde, dann richte sich dies „gegen unser freiheitliches System“. Es gehe um „einen Anschlag gegen uns alle“ und „die Bewahrung der Freiheit“.

Seit 2009 keine Einträge mehr

Tatsächlich war Stephan E. zuletzt kaum noch in Erscheinung getreten. So betont Haldenwang zwar, dass sein Amt ihn „auf dem Radar“ gehabt habe, seit er in den 1980er-Jahren seine rechtsextremistische Karriere begann. Der letzte Eintrag sei aber von 2009; damals beteiligte sich Stephan E. an einem Angriff auf eine 1. Mai-Demonstration in Dortmund. Anschließend sei er nicht mehr auffällig geworden. Auch zählte Stephan E. nicht zu den mittlerweile 34 vom Bundeskriminalamt registrierten rechtsextremistischen Gefährdern.

War Stephan E. Teil der Kasseler Neonazi-Szene? War er eigebunden in ein rechtsextremes Netzwerk? Fotos aus dem Jahr 2002 zeigen ihn bei einer NPD-Veranstaltung in Kassel. Dort steht er zum Schutz der Veranstaltung - neben lokalen Neonazi-Größen wie Stanley R., einem der Köpfe der militanten Neonazi-Organisation „Combat 18“. Die Fotos können nicht beweisen, dass E. Teil dieser Gruppe war – wohl aber, dass er sich in deren Nähe bewegte.

„Scheinbar weniger gefährlich“

In einem internen Vermerk stuft der hessische Verfassungsschutz Stephan E. noch 2009 als besonders auffallend gewaltbereit ein. Für die Linken in Hessen war das 2015 der Anlass, im NSU-Untersuchungsausschuss explizit nach Stephan E. und seinen „Verbindungen zu Rechtsextremen in anderen Bundesländern“ zu fragen – offenbar ohne dass dies zu einer erneuten Beschäftigung mit E. führt.

Es gebe 12700 gewaltorientierte Rechtsextremisten in Deutschland, sagt der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Und es sei unmöglich, sie rund um die Uhr im Blick zu halten. Man müsse vielmehr Kategorien von scheinbar Gefährlichen und scheinbar weniger Gefährlichen bilden. Stephan E., von dem am Tatort DNA-Spuren gefunden wurden und der sich bisher nicht zur Tat äußern will, gehörte offenbar zur zweiten Kategorie. Haldenwang räumt denn auch unumwunden ein: „Wir sind nicht in der Lage, zu sagen: Wir beherrschen die Bedrohung vollständig.“

Ein Kleinbürgertraum am Hang

Der Eindruck von Unauffälligkeit bei den Sicherheitsbehörden deckt sich mit dem Eindruck vor Ort. Stephan E. lebte zuletzt mit Frau und zwei Kindern in einem Siedlungshaus im Osten Kassels – am Hang gelegen, mit Blick auf die Stadt. Zum Haus gehören ein kleiner Garten, ein Tor mit dunkelbraunen Holzlatten und eine Metallrolle für die Tageszeitung. Nur die Haustür ist nicht mehr da. Stattdessen ist der Eingang jetzt mit einer roten Platte verbarrikadiert, am Rand ist die Fassade abgesprungen. Es sind die einzigen Spuren jener Nacht, in der um zwei Uhr morgens ein Spezialeinsatzkommando der Polizei die Haustür auframmte, um den 45-Jährigen zu verhaften.

Von Stephan E.s Vorstrafen, seinen Einstellungen und seinen Kontakten in die Neonazi-Szene haben seine Nachbarn anscheinend nichts bemerkt. Freundlich sei die Familie gewesen und unauffällig, sagt ein Mann, der direkt gegenüber wohnt. Vor mehr als zehn Jahren sei die Familie eingezogen, erzählt eine andere Nachbarin, damals hätten sie das Haus gekauft. „Vor allem die Frau grüßt immer sehr nett“, die Kinder hätten mit den anderen in der Straße gespielt. Geschockt sei sie, sagt die Frau, „richtig glauben kann ich das noch nicht“. Dieses gepflegte Einfamilienhausviertel und ein Leben als gewaltbereiter Rechtsextremist, das passt für sie nicht zusammen.

Gibt es rechtsextreme Schläfer?

Anscheinend war die äußere Angepasstheit bei Stephan E. nur die perfekte Tarnung seiner Radikalität. Bei Islamisten sprechen die Geheimdienste von „Schläfern“. Vielleicht, überlegt Verfassungsschutzpräsident Haldenwang vor den Berliner Medienvertretern, „müssen wir ein solches Szenario auch bei Rechtsextremisten in Betracht ziehen“.

Stephan E.‘s Ermittlungsakte ist ellenlang und einschlägig. Bereits im Alter von 15 Jahren soll er laut Medienberichten 1989 ein Mehrfamilienhaus in Aarbergen-Michelbach (Taunus) in Brand gesetzt haben. Gerade mal 19 geworden, verletzte er auf einer öffentlichen Toilette in Wiesbaden einen Ausländer mit einem Messer lebensgefährlich. Am Tag vor Heiligabend 1993 versuchte der 20-Jährige, der seinerzeit noch zu Hause wohnte, einen Sprengsatz vor einer Asylbewerberunterkunft in Hohenstein-Steckenrath (Taunus) zur Detonation zu bringen. Er scheitert, wird festgenommen und zu einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt.

Hat sich „NPD-Stephan“ ins Familienleben zurückgezogen?

Am 1. Mai 2009 überfällt E. mit mehreren Hundert Neonazis aus dem ganzen Bundesgebiet und dem Ausland die besagte 1.Mai-Demo in Dortmund. Wegen Landfriedensbruch bekommt er sieben Monate auf Bewährung. Danach wird es ruhig um ihn. Stephan E.‘s Mitgliedschaft in der rechtsextremen NPD, die ihm den Beinamen „NPD-Stephan“ einbringt, läuft aus. Es scheint, als hätte er sich ins Familienleben zurückgezogen.

2016 spendet E. zwar nach Informationen des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) 150 Euro an die AfD. Das Geld soll Björn Höckes Landesverband Thüringen zugutegekommen sein. In den Verwendungszweck schreibt der nun Verrhaftete: „Gott segne euch.“ Das klingt fast schon, als habe sich der gewalttätige Neonazi E. ein Stück weit ent-radikalisiert. Die Bundesgeschäftsstelle der Partei möchte „aus datenschutz- und persönlichkeitsrechtlichen Gründen“ nicht sagen, ob die Spende eingegangen ist und was mit dem Geld geschah. Nach deren Bekanntwerden fordern die Parteichefs Alexander Gauland und Jörg Meuthen: „Der widerwärtige Mord an Walter Lübcke muss umgehend und lückenlos aufgeklärt werden.“

Wahrscheinlich ist jedenfalls, dass Stephan E. auch in seinem kleinbürgerlichen Idyll seinen rassistischen Gedanken verhaftet blieb, dass er auf den Tag X wartete und irgendwann entschied, zu handeln. Oder entschied jemand für ihn? Wie kam es, dass er mutmaßlich in der Nacht zum 2. Juni die 28 Kilometer von seinem Wohnhaus nach Wolfhagen-Istha fuhr und Walter Lübcke hinrichtete?

In Berlin fragen sie sich das jetzt genauso wie in Kassel. Antworten werden wohl noch eine Weile auf sich warten lassen.

Von Markus Decker, Thorsten Fuchs und Jan Sternberg/RND

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