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Deutschland / Welt Nach 2000 Kilometern rechts
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06:00 28.10.2017
Sibirien ohne Navi: Es gibt nicht so viele Wege, die von Magadan nach Jakutsk führen. Quelle: dpa
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Berlin

Auf der politischen Ebene streiten Russland und Deutschland. Was aber die Menschen betrifft, so bleiben die Deutschen Russlands beste Freunde. Viele Ostdeutsche haben an den Baustellen des Sozialismus in der Sowjetunion mitgearbeitet. Einige hüten noch immer die Ausweise der DSF, der deutsch-sowjetischen Freundschaft, eines DDR-Verbands, dessen Mitglieder jahrzehntelang Monatsbeiträge zahlen mussten. Manchmal kommen ältere Bürger zu meinen Lesungen, wedeln mit ihren DSF-Ausweisen und fragen: „Wir haben fleißig bezahlt, wo ist die Freundschaft?“ „Keine Sorge, sie ist da“, sage ich, „die Russen haben bloß vorübergehende Probleme mit ihrer Führung.“

Die Westdeutschen lieben und fürchten Russland zugleich. Sie mögen die lasche, nonkonformistische Art, die man „geheimnisvolle russische Seele“ nennt. Die Russen sind Fatalisten, sie wollen es nicht genauer wissen. Die Deutschen schon. Ein Freund von mir fährt deutsche Touristen durch Sibirien. Neulich sollte er eine Gruppe von Magadan nach Jakutsk fahren. Die Touristen fragten, wo sein Navigationsgerät sei. Das brauchen wir nicht, sagte mein Freund. Es gibt nicht so viele Wege, die von Magadan nach Jakutsk führen. Die Deutschen weigerten sich, ohne Navi zu fahren.

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Der Fahrer telefonierte mit dem Reisebüro, besorgte ein Navi, sogar eins, das Deutsch sprach, damit die Touristen sich beruhigen. Alle stiegen in den Bus, der Fahrer machte das Gerät an und eine Frauenstimme sagte: „Nach 2000 Kilometern biegen Sie bitte rechts ab, dann haben Sie ihr Ziel erreicht.“ Eine eisige Stille breitete sich im Bus aus.

Wladimir Kaminer ist Schriftsteller in Berlin.

Von Wladimir Kaminer