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Deutschland / Welt Ostdeutsche sind rassistisch und Westdeutsche arrogant? So denken die Jungen
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18:33 26.02.2019
Für die Älteren war die Wiedervereinigung ein Traum, für junge Leute ist das Leben ohne den Schatten der Mauer normal. Quelle: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa
Berlin

Am 9. November jährt sich dieses Jahr der Fall der Mauer zum 30. Mal. Für die heute 18- bis 29-Jährigen ist der Mauerfall ein geschichtliches Ereignis. Sie kennen keine innerdeutschen Grenzen, Transitstrecken oder Westpakete. Sie haben – im besten Falle – davon gelesen oder Erzählungen von Eltern oder Großeltern gehört. Interessant ist deshalb ihr Blick auf die Geschichte und ihr hier und heute.

Die Otto-Brenner-Stiftung der IG-Metall hat dies von der Forschungs- und Beratungsagentur Pollytix untersuchen lassen. „Im vereinten Deutschland geboren – in den Einstellungen gespalten?“ fragt die Studie, in der 30 Tiefeninterviews und anschließend 2183 junge Frauen und Männer repräsentativ in einer Online-Erhebung befragt wurden. Sie zeigt: Die Mauer in den Köpfen existiert auch in der Nachwendegeneration. Aber sie bröckelt.

Die meisten sind mit ihrem Leben zufrieden

Die wirtschaftliche Lage Deutschlands wird zwar in Ost und West nahezu übereinstimmend als gut oder sehr gut beurteilt. Auf die Region bezogen, verschiebt sich das Bild jedoch aus Sicht der Ostdeutschen – nur 59 Prozent (West: 74) beurteilen dort die Lage positiv. Interessant: Die Einschätzung der eigenen wirtschaftlichen Lage unterscheidet sich nicht so gravierend. 59 Prozent der Westdeutschen schätzen sie als gut ein, bei den Ostdeutschen sind es 54 Prozent. Knapp 70 Prozent der Jugendlichen in Ost und West bezeichnen ihre Lebenszufriedenheit als gut bis sehr gut. 54 Prozent im Westen (Ost: 57) machen sich Sorgen um ihre Zukunft.

Wiedervereinigung im Osten präsenter

Die Wiedervereinigung hatte für viele Eltern von jungen Westdeutschen nicht nur weniger persönliche Folgen, so die Befragungsergebnisse. Sie war deshalb auch seltener relevantes Gesprächsthema. Für junge Ostdeutsche war das Thema viel präsenter. Fast die Hälfte der Befragten geben an, dass „eher“ oder „sehr häufig“ über die Wiedervereinigung und ihre Folgen gesprochen wurde. Noch häufiger (61 Prozent) kam das bei denen vor, die ihre Eltern als Wendeverlierer einstufen.

Rund die Hälfte der westdeutschen Nachwendegeneration findet, dass die Menschen in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung oft unfair behandelt worden sind. Bei den jungen Ostdeutschen sind mehr als zwei Drittel dieser Meinung. Im Osten, schreiben die Pollytix-Autoren Rainer Faus und Simon Storks, sind negative Erfahrungen der Nachwendezeit auch in der Nachwendegeneration noch deutlich präsent – und zwar nicht nur, wenn die eigene Familie unmittelbar davon betroffen war.

Vielen Westdeutschen der Nachwendegeneration fehle es hingegen an Bewusstsein für die ostspezifischen Nachwendeerfahrungen. Mit 16 Prozent können ausgesprochen viele junge Westdeutsche überhaupt keine Einschätzung dazu treffen, ihnen fehle es an Wissen und Berührungspunkten. Die Tiefeninterviews hätten gezeigt, dass bei ihnen das Wissen zur deutschen Teilung und Wiedervereinigung mehr oder weniger auf rudimentärer Schulbildung beruhten. Viele sagten: „Da meine Eltern aus dem Westen kommen, war das bei uns nie im Gespräch, ich habe es nur als Geschichtsthema in der Schule kennengelernt.“

Ost und West machen einen Unterschied

Und wie ist das heute? Macht es einen Unterschied, ob man aus dem Westen oder aus dem Osten kommt? 57 Prozent der Westdeutschen meinen, es mache keinen Unterschied mehr. Knapp zwei Drittel der Ostdeutschen schätzen die Lage völlig gegensätzlich ein.

Dazu passen die Fremd- und Eigenbeschreibungen in Ost und West. Ostdeutsche sind aus Sicht ihrer Altersgenossen im Westen „ärmer“, „offener“, „rassistischer“ und „bescheidener“. Aus Sicht der Ostdeutschen sind Westdeutsche „arroganter“, „reicher“ und „besser bezahlter“. Im Vergleich sehen sich die Ostdeutschen selbst als „bescheidener“, „bodenständiger“ und „ärmer“. Westdeutsche sehen sich als „offener“, „reicher“ und „weltoffener“.

Etwas mehr als drei Viertel der jungen Leute im Westen fühlen sich am ehesten als Deutsche, nur 8 Prozent als Westdeutsche. Im Osten ist die Identität als Deutscher mit 65 Prozent geringer, dafür bekennen sich 22 Prozent eher zu einer ostdeutschen Identität. „Unter denjenigen Ostdeutschen, die ihre eigene wirtschaftliche Lage oder die ihrer Region als schlecht empfinden, ist der Anteil noch etwas höher“, schreiben Faus und Storks. „Für sie ist Ostdeutschland identitätsstiftender als Deutschland.“

Jeder Fünfte wünscht sich starken Führer

Überraschend sind die Befunde zum Demokratie-Empfinden. Die Zustimmung zur Demokratie ist zwar insgesamt hoch. Andererseits finden 23 Prozent der jungen Westdeutschen und 26 Prozent der jungen Ostdeutschen, dass es einen starken Führer geben sollte, der keiner Machtbeschränkung durch parlamentarische Kontrolle und Wahlen unterliegt. Der Wunsch, so die Erkenntnisse aus den Tiefeninterviews, resultiere häufig aus Resignation über politischen Stillstand.

Die Autoren weisen darauf hin, dass die Mehrheit der jungen Bürger die Forderung nach einem Führer ablehnt, aber weniger als die Hälfte macht dies unmissverständlich, indem sie der Aussage „überhaupt nicht“ zustimmt. „Verglichen mit der Gesamtbevölkerung fällt in der Nachwendegeneration die West-Ost-Diskrepanz beim Wunsch nach einem autoritären Staat sogar eher gering aus“, stellen die Forscher fest.

Einwanderung? Ja, aber . . .

Und wie halten es die Jungen mit Einwanderung, Weltoffenheit und traditionellen Werten? 48 Prozent der Westdeutschen (Ost: 43) finden, Einwanderung sollte Deutschland als Chance begreifen, 49 Prozent (Ost: 54) lehnen diese Aussage ab. 62 Prozent der jungen Westdeutschen plädieren für ein weltoffenes Land, im Osten sind es 56 Prozent. Dass aufgepasst werden müsse, dass unsere christlich-abendländische Kultur nicht verloren ginge, meinen 33 Prozent im Westen und 39 Prozent im Osten.

Rainer Faus und Simon Storks schlussfolgern aus den Sichtweisen auf den Vereinigungsprozess, dass politische und geschichtliche Bildung zum Thema Wiedervereinigung gestärkt werden müsse. „Denn der Wissensstand dazu ist in der Nachwendegeneration zum Teil sehr gering.“ Vielen jungen Leuten fehle ein Bezug zum Thema Wiedervereinigung und Verständnis für die Erfahrungen und Situationen im jeweils anderen Teil Deutschlands.

Politisch interessiert, doch ohne Selbstvertrauen

Politisch wäre die Nachwendegeneration zwar interessiert, ihr politisches Selbstvertrauen sei jedoch zugleich gering – unter Ostdeutschen geringer als unter Westdeutschen. Viele trauten sich nicht zu, an politischen Gesprächen teilzunehmen oder meiden diese, um Konflikte zu vermeiden. „In West wie Ost ist das Gefühl, auf politische Entscheidungen keinen Einfluss nehmen zu können, verbreitet.“

Steht es schlecht um die Einheit der Nachwendegeneration? Jein. West und Ost seien selten bewusste Unterscheidungskategorien, aber unterbewusst prägen sie in vielen Fragen doch noch das Bild der jeweils anderen, so die Pollytix-Experten. Dem könne jedoch durch politisches Handeln entgegengewirkt werden. „Davon, gute Lebensverhältnisse und Chancen in allen Regionen zu schaffen, in West und Ost, in der Stadt genauso wie auf dem Land, profitieren am Ende junge West- und Ostdeutsche gleichermaßen und ebenso die deutsche Gesellschaft als Ganzes.“

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagte derm RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Die Frage danach, was unsere Gesellschaft zusammenhält, aber auch, was sie spaltet, bewegt unser Land mehr denn je.“ Zwischen den verschiedenen Teilen ds Landes und zwischen den Generationen unterschieden sich die Sichtweisen auf Gesellschaft und Geschichte. „Wir wollen besser verstehen, wie sich individuelle Erfahrungen und unterschiedliche Lebensumstände auf unser Miteinander auswirken“, sagte Karliczek. Diese Fragen solle das Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt erforschen, dessen Aufbau das Bundesforschungsministerium fördere.

Von Thoralf Cleven/RND

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