Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Nackt gewinnt: Die Rechnung der Putin-Gegnerinnen geht auf
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Nackt gewinnt: Die Rechnung der Putin-Gegnerinnen geht auf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 12.04.2013
Eine Demonstrantin posiert 2007 bei Bargeshagen aus Protest gegen den stattfindenen G8-Gipfel unbekleidet für Fotografen.
Eine Demonstrantin posiert 2007 bei Bargeshagen aus Protest gegen den stattfindenen G8-Gipfel unbekleidet für Fotografen. Quelle: dpa
Anzeige

Als Putin zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Hannovermesse den VW-Stand besuchte, stürmten junge Frauen auf die Gruppe der Politiker, Berater und Wirtschaftsbosse. Die Frauen hatten ihre Oberkörper entblößt und sich Parolen wie „Fuck Dictator“ auf die Haut geschrieben. Sie kamen dem russischen Präsidenten und der deutschen Bundeskanzlerin erstaunlich nahe, bevor sie von Sicherheitsleuten überwältigt wurden.

Der Protest mit unbedeckter Haut ist nicht ganz neu. Schon die Achtundsechziger setzten sich mit Nackt-Aktionen über geltende Moral und Schicklichkeit hinweg. Und kurz nach der Julirevolution von 1830 malte Eugène Delacroix sein berühmtes Bild „Die Freiheit führt das Volk“. Die Freiheit ist bei ihm eine junge Frau. Sie steht auf einer Barrikade im Pulverqualm. In der rechten Hand hält sie die französische Flagge, ihr Oberkörper ist frei. Ihre Haltung: vorwärtsdrängend. Bei Delacroix war die Freiheit eine gleichnishafte Figur – bei den Aktivistinnen von heute, die mit entblößtem Oberkörper demonstrieren, geht es um eine ganz reale Freiheit. Die Frauen nehmen sich die Freiheit, Grenzen (der Schicklichkeit, der Moral, des guten Geschmacks) zu sprengen.

Nackt im Kampf für mehr Würde?

Neu aufgelegt wurde die Kultur des Oben-ohne-Protests vor fünf Jahren von einer ukrainischen Frauengruppe namens Femen. Mit provozierenden Aktionen demonstrieren die Femen-Frauen gegen Sex-Tourismus in der Ukraine, gegen die Geringschätzung der Frauen im Allgemeinen und gegen den Islamismus im Besonderen. Die Bewegung fand schnell Anhänger in anderen Teilen der Welt. In Hamburg etwa gab es Femen-Proteste gegen Prostitution und Menschenhandel.

Es mag einigermaßen verwirrend erscheinen, wenn Frauen mit entblößtem Körper vor Bordellbetrieben gegen Prostitution demonstrieren. Aber natürlich haben Protestierende das Recht, sich so komplex zu äußern, wie sie es wünschen. Wichtig bei dieser Form des Protests ist den Aktivistinnen: Männer – die ja durchaus auch Einwände gegen Prostitution und Menschenhandel artikulieren könnten – bleiben ausgeschlossen.

Ein prominentes Angriffsziel des feministischen Protests sind die Moralvorstellungen des Islam. So haben die Femen-Aktivistinnen den 4. April zum „Topless Jihad Day“ erklärt. Aktivistinnen stellten sich barbusig vor Moscheen, auf ihre Körper hatten sie Parolen wie „Fuck your morals“ geschrieben. Viele Gläubige fühlten sich provoziert.

Der Protest mit unbedeckter Haut ist nicht ganz neu. Immer wieder versuchen Aktivisten aus aller Welt ihren Anliegen Aufmerksamkeit zu verschaffen. Ein Überblick.

Ein Geschäft auf Gegenseitigkeit

Und das Medieninteresse war groß. Bilder von den Frauen, die barbusig vor Moscheen Protest gegen die Unterdrückung der Frau im Islam äußerten, gingen um die Welt. Die Sextremistinnen gehen ganz pragmatisch vor: Sie haben etwas zu sagen und wollen, dass das von vielen Menschen gehört wird. Dazu brauchen sie die Massenmedien. Den Medien liefern sie die Bilder, die Medien liefern ihnen die Aufmerksamkeit. So funktioniert das Geschäft, auf das sich die Aktivistinnen gut verstehen.

Und es sind nicht nur die Massenmedien, denen sie Bildmaterial liefern. Videos und Fotos der Femen-Proteste verbreiten sich auch in den sozialen Netzwerken. Langweilige Bilder werden von Facebook-Mitgliedern kaum geteilt. Ist aber ein russischer Präsident zu sehen, der plötzlich einer halbnackten jungen Frau gegenübersteht, verbreitet sich das Bild eilig über die ganze Welt. Die Rechnung der Femen-Feministinnen geht auf.

Und vielleicht ist der Oben-ohne-Protest auch noch etwas mehr als nur ein Trick in der allgemeinen Konkurrenz um Aufmerksamkeit. Vielleicht präsentieren die Femen-Frauen etwas Neues, etwas, auf das man achten sollte. Das Verblüffende bei den Femen-Protesten ist, dass Freiheit hier nicht nur ein Wort ist. Der Protest selbst erscheint immer auch als Befreiungstat. Viele verstört, wie junge Frauen hier viele Grenzen auf einmal überschreiten. Feministische muslimische Frauen wehren sich mittlerweile gegen die Schock-Aktionen der Femen-Frauen. Sie weisen darauf hin, dass man auch bekleidet Protest artikulieren kann. Wohl wahr. Aber kaum eine andere Protestform schafft es, die angegriffenen Männer so alt aussehen zu lassen. Auch wenn die, wie Putin, schnell ein Lächeln aufsetzen.

Mehr zum Thema

Ihre Fotos gingen um die Welt: Die Wahlberlinerin Alexandra Shevchenko stürmt oberkörperfrei mit vier weiteren Aktivistinnen der Gruppe "Femen" bei der Hannover Messe auf Russlands Präsident Wladimir Putin zu. Ein Gespräch mit der 24-Jährigen über den nackten Protest und ihre Angst vor dem Gefängnis.

12.04.2013

Eine Aktion mit Erfolg: Die Oben-ohne-Attacke auf Kremlchef Wladimir Putin in Hannover hat sich nach Ansicht der Frauengruppe "Femen" gelohnt. Am Montag hatten fünf "Femen"-Aktivistinnen den Rundgang von Putin auf der Hannover Messe gestört und ihn als Diktator beschimpft.

09.04.2013

Fünf "Femen"-Aktivistinnen haben am Montag den Rundgang von Wladimir Putin auf der Hannover Messe gestört und ihn als Diktator beschimpft. Sicherheitskräfte nahmen die Frauen in Gewahrsam. Der russische Präsident reagierte auf den Protest gelassen.

08.04.2013
12.04.2013
09.04.2013