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Deutschland / Welt Neues Leben aus tiefer Seele
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13:07 13.09.2010
Von Michael Grüter
Russische Imbissbetreiber singen an den deutsch-russischen Festtagen in Berlin ihre Nationalhymne mit.
Russische Imbissbetreiber singen an den deutsch-russischen Festtagen in Berlin ihre Nationalhymne mit. Quelle: Vario
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Ein Haufen Krieger zieht aus dem Tor einer mittelalterlichen Stadt gen Osten. Verloren wirken sie auf weiter Ebene, nur ein Engel schwebt Hoffnung stiftend über ihnen. Die modern gefasste Radierung im Stil der Ikonenmalerei aus eine Serie von zehn Exemplaren geht für 100 Euro weg.

Die Geschäfte laufen gut, freut sich der Künstler Andrej Mashanov. Der 50-Jährige ist aus dem 2250 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Omsk nach Berlin gereist, bestreitet Ausstellungen in der Hauptstadt und versucht an diesem Wochenende sein Glück auf dem Kunstmarkt im Sony-Center am Potsdamer Platz. „Kunst kann jeder – kaufen“ heißt das Motto des Marktes.

Der rollende harte Klang russischer Worte ist überall in Berlin zu hören, auch 20 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, in den S- und U-Bahnen, an den Badeseen, in der Schmuckabteilung des KaDeWe am Wittenbergplatz. In Berlin erscheinen mehrere russische Zeitungen. Es gibt ein russischsprachiges Berliner Branchenbuch, das im vergangenen Jahr schon in neunter Auflage erschienen ist, und Hunderte kleiner Lebensmittelläden, Bars, Restaurants und Galerien, die von Russen betrieben werden.

Zu den gesellschaftlichen Topereignissen der Hauptstadt gehört der jährliche russisch-deutsche Ball, bei dem sich zuletzt 1000 deutsche Prominente in der russischen Botschaft blicken ließen, wie die Berliner Boulevardpresse notierte. Unter ihnen Veronica Ferres, Thomas Gottschalk, Wendelin Wiedeking und Altkanzler Gerhard Schröder, aber auch Vertreter der früheren DDR-Nomenklatura. Getanzt wurde bis fünf Uhr in der Früh.

Neues Leben legt sich über traumatische Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts. Und auch Erregung verläuft in normalen Bahnen. Das mit hellen Birken geschmückte sibirische Restaurant „Bogus“ bietet Bärenfleisch an – ausgerechnet in Berlin, wo manche Bewohner wie vernarrt sind in das Wappentier ihrer Stadt. Doch es gab nur ein gelindes Rauschen im Blätterwald. Schließlich hat auch Kanzlerin Merkel während ihres Besuchs bei Wladimir Putin Bärenfleisch verspeist. Warum also sollten die Berliner auf das würzige Fleisch verzichten, argumentiert der Wirt.

Vor 16 Jahren zogen die letzten Einheiten der Roten Armee aus Berlin ab. Ungeschlagen, feierlich verabschiedet. Doch für die Beteiligten war die Begebenheit geprägt von banger Zukunftssorge. Ein halbes Jahrhundert lang hatte sich die Sowjetarmee in der Mitte Europas festgekrallt, nachdem sie zuvor die deutsche Wehrmacht aus Russland vertrieben und Hitlers „Volkssturm“ im Häuserkampf in Berlin niedergerungen hatte. Aus Russlands Botschaft wurden danach 40 Jahre lang Kreml-Direktiven an das SED-Politbüro erteilt.

Die Ereignisse haben Spuren hinterlassen: In Ziegelbauten in Berlin-Mitte und Kreuzberg sind noch immer Einschusslöcher zu finden. Es gibt die Erinnerungen an die Schrecken des Kriegsendes und die Berlin-Blockade. Es gibt die sowjetischen Ehrenmale zum Gedenken an den Sieg über den Faschismus am Brandenburger Tor und in Treptow, deren Pflege die Bundesrepublik im „Zwei plus Vier“-Vertrag Russland zugesichert hat. Und es gibt die Frankfurter Allee im Moskauer Zuckerbäckerstil – hier hatte 1953 der Aufstand der Bauarbeiter gegen das SED-Regime begonnen, den russische Panzer stoppten.

Russen in Berlin: Der Klang dieser drei Worte hat sich geändert, so wie die Zusammensetzung dieser Menschengruppe. Statt Militärs sind Zuwanderer gemeint, alte Mütterchen, Menschen, die die Auswanderung nach Deutschland aus der gewohnten Bahn geworfen hat, wie Elenara Shaknikova vom Jüdischen Integrationsbüro erzählt. Akademiker sind es oft, die mit ihrem Universitätsabschluss nichts anfangen können, Lehrer, die als Taxifahrer jobben, oder Ingenieure, die einen Computerladen betreiben. Zwei Drittel der jüdischen Gemeinde in Berlin stammt aus der ehemaligen Sowjetunion.

„Eher kommt man mit dem Kopf durch die Wand als in Berlin zu Erfolg“, zitiert Alexej Schreiner eine unter seinen Landsleuten gängige Redewendung. Er hat eine deutsche Mutter und einen kasachischen Vater und war in Russland Jurist. In Berlin setzte er sich ohne öffentliche Hilfe als Unternehmensgründer durch. Seine Galerie Grusignac offeriert russische Kunst und georgische Weine. Ein Wein aus 70-jährigem Rebstock errang den ersten Platz bei der Blindverkostung der Berliner „Wein-Trophy“. Der Weg war schwer genug, sagt Schreiner.

Wie viele Russen es in Berlin gibt, kann niemand verlässlich sagen. Von 30.000 bis 200.000 variieren die Schätzungen. Der Berliner packt alle Menschen in einen Topf, die mit russischer Sprache aufgewachsen sind und diese pflegen – also die Russlanddeutschen, die jüdischen Zuwanderer, die Bürger aus früheren UdSSR-Republiken und heute unabhängigen Staaten sowie die „russischen Russen“. So gezählt ist diese Bevölkerungsgruppe so groß wie jene türkischer Herkunft. Doch sie tritt weniger massiv in Erscheinung: Die Russen leben verstreut in der Stadt, und ihre Verbände grenzen sich voneinander ab.

„Wir sind doch keine Slawen“, ertönt empört der Ruf auf einer Lesung, als umstandslos von tiefer russischer Seele die Rede ist. Vorgestellt wird der Roman „Irina – eine wolgadeutsche Tragödie“. Irina gibt es wirklich. Die weißhaarige Frau, eine in Russland aufgewachsene Deutschlehrerin, ist vor 15 Jahren mit ihrer Familie in Berlin angekommen und hat sich sofort „wie zu Hause gefühlt“. Aber wenn es menschlich diffizil wird, redet sie mit ihren erwachsenen Töchtern auch heute noch russisch.

Deutschland / Welt Jahrestag der Anschläge vom 11. September - Der zweite Angriff auf die Freiheit in New York
11.09.2010