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Deutschland / Welt Dieser Vater wurde beim Anschlag in Christchurch zum Lebensretter
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21:45 17.03.2019
Abdul Aziz gehört zu den Überlebenden des Terroranschlags in Christchurch. Quelle: Vincent Thian/AP
Christchurch

Ein beherzter Muslim hat bei dem Terroranschlag auf zwei Moscheen in Neuseeland wahrscheinlich noch Schlimmeres verhindert. Als sich der Angreifer am Freitag der Moschee in Linwood, einem Vorort von Christchurch näherte und alle niederschoss, die ihm in die Quere kamen, schnappte sich der 48-jährige Abdul Aziz den nächstbesten Gegenstand den er greifen konnte, rannte hinaus und brüllte: „Komm hierher!“

Seine vier Söhne und Dutzende andere Gläubige blieben in der Moschee, während Aziz mit dem Mörder Katz und Maus spielte. Aziz wird als Held gefeiert.

Imam Latef Alabi hat das Freitagsgebet in Linwood geleitet und sagt, es hätte wohl viel mehr Tote gegeben, wenn Aziz nicht gewesen wäre. Der Attentäter tötete zuerst 40 Menschen in der Al Noor Moschee in Christchurch und fuhr danach nach Linwood. Wo sich ihm Abdul Aziz in den Weg stellte.

Insgesamt gab es 50 Tote, nachdem am Sonntag (Ortszeit) eine weitere Person im Krankenhaus ihren Verletzungen erlag.

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Der Imam erinnert sich, er habe während des Gottesdienstes plötzlich eine Stimme vor der Moschee gehört, das Gebet unterbrochen und durch das Fenster nachgesehen. Draußen sei ein Mann in einer Art schwarzer Militärkleidung mit einem großen Gewehr herumgelaufen, den er zunächst für einen Polizisten gehalten habe. Doch dann habe er zwei Leichen liegen sehen und gehört, dass der Mann Unflätigkeiten rief.

„Ich begriff, das ist etwas anderes. Das ist ein Killer“, berichtet Alabi. Er habe den mehr als 80 Betenden zugerufen, sie sollten in Deckung gehen, doch die hätten gezögert. Dann sei ein Schuss ertönt, ein Fenster zersplittert und ein Körper sei zu Boden gestürzt. Erst da sei den Leuten klar geworden, dass es ernst war.

„Dann kam dieser Bruder herüber. - Er verfolgte ihn“, sagt Alabi über Aziz. „Wenn er es geschafft hätte, in die Moschee hineinzukommen, wären wir wahrscheinlich alle tot.“

Aziz griff Attentäter mit Kreditkarten-Lesegerät an

Aziz, der aus Afghanistan stammt, hatte ein Lesegerät für Kreditkarten in der Hand. Er habe gerufen in der Hoffnung, den Angreifer abzulenken, sagte er später. Der sei tatsächlich zu seinem Auto zurückgerannt, aber nur, um die nächste Mordwaffe zu holen. Da habe er das Lesegerät auf ihn geworfen, erinnert sich Aziz.

Zugleich habe er gehört, wie seine beiden jüngsten Söhne, elf und fünf Jahre alt, aus der Moschee nach ihm gerufen hätten, er solle zurückkommen.

Als der Schütze wieder zu Schießen begonnen habe, sei er zwischen parkenden Autos geflüchtet, sagt Aziz. Der Angreifer habe so kein freies Schussfeld gehabt. Dann habe er ein Gewehr entdeckt, dass der Mann wohl fortgeworfen hatte. Er habe die Waffe auf den Terroristen gerichtet und abgedrückt - doch das Magazin sei leer gewesen.

Trauernde legen in Christchurch Blumen nieder und gedenken den 50 Opfern. Quelle: Vincent Thian/AP

Als der Schütze zum zweiten Mal zurückkehrte, ging Aziz trotzdem auf ihn los. Der Angreifer habe wohl ein weiteres Gewehr holen wollen, vermutet der 48-Jährige. „Er steigt in sein Auto und ich nehme einfach das Gewehr und schleudere es durch das Fenster wie einen Pfeil und zerschlage sein Fenster“, berichtet Aziz. Die Frontscheibe splittert. „Darum hat er wohl Angst bekommen“, sagt Aziz.

„Ich war in vielen Länder und das ist eines der schönsten“

Der Terrorist habe geflucht, er werde sie alle umbringen, doch dann sei er fortgefahren, berichtet Aziz weiter. Vor einer Ampel habe der Mann kehrtgemacht und sei davongerast. Onlinevideos zufolge gelang es Polizei kurz danach, den Verdächtigen von der Straße zu drängen und festzunehmen.

Aziz sagt, er sei schon als Kind zum Flüchtling geworden und habe mehr als 25 Jahre in Australien gelebt, bevor er vor einigen Jahren nach Neuseeland umgezogen sei. „Ich war in vielen Ländern und das ist eines der schönsten“, sagt Aziz. Er habe immer gedacht, es sei auch friedlich.

Als er dem Terroristen gegenübergestanden habe, sei er sich vorgekommen wie auf Autopilot. Er habe keine Angst gehabt und auch sonst nicht viel gespürt. - Gott habe wohl gedacht, für ihn sei es noch nicht die Zeit zu sterben.

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Von RND/AP/ka