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Deutschland / Welt Obama ruft nach Blutbad in Arizona zu Geschlossenheit auf
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Obama ruft nach Blutbad in Arizona zu Geschlossenheit auf
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16:13 13.01.2011
US-Präsident Barack Obama ist Hauptredner bei der Trauerfeier für Opfer des Blutbades in Tucson. Quelle: dpa
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Kurz scheint es, als kämpft US-Präsident Barack Obama mit der Fassung. Erst ziehen sich seine Mundwinkel tief nach unten, dann senkt er hastig den Blick, greift sich mit den Fingern an die Augen. Millionen Amerikaner schauen ihm in diesem Moment, der vielleicht eine Sekunde währt, an den Fernsehschirmen zu. Obama ist Hauptredner bei der Trauerfeier für Opfer des Blutbades in Tucson, Arizona, wo ein 22-jähriger eine US-Kongressabgeordnete niederschoss und sechs Menschen tötete. Und die Tragödie bewegt ihn sichtlich.

Es ist kein leichter Auftritt für Obama. Er muss Trost Spenden für die Hinterbliebenen der Opfer, auch ein neun Jahre altes Mädchen kam ums Leben. Er möchte Anteilnahme zeigen für eine befreundete Politikerin, die mit einem glatten Kopfdurchschuss im Krankenhaus liegt. Und vor allem soll er seinen Bürgern erklären, was da eigentlich passiert ist an dem Samstagmorgen vor dem Supermarkt. Eine so schwierige Rede musste er selten halten, sagt ein Kommentator vom Fernsehsender CNN und fragt offen: Ob er das überhaupt kann, der coole Präsident?

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Obama braucht nur wenige Minuten, um die Zweifel zu zerstreuen. In einem flammenden Appell ruft er das Volk, Politiker und Kommentatoren auf, eine simple Lehre aus den Vorgängen zu ziehen: Nur Toleranz und Miteinander können solche Gewaltakte verhindern. „In einer Zeit, in der unsere Debatten so stark polarisieren, ist es wichtig für uns für einen Moment innezuhalten und sicher zu gehen, dass wir miteinander in einer Art reden, die heilend wirkt, nicht verletzend.“

Es sind solch starken Worte, die 14.000 Anwesende in der Halle der Universität Arizona, die eigentlich zum Trauern gekommen sind, jubeln lassen, die Kommentatoren zu Lobeshymnen verleiten. Während direkt nach dem Blutbad in den USA eine hitzige und für viele verwirrende Debatte über die politische Kultur zwischen Linken und Rechten hochkochte, ruft der Präsident stoisch zu einem friedlicheren Umgang miteinander auf. „Wir sind vielleicht nicht in der Lage, alles Böse in der Welt zu stoppen, aber ich weiß, dass es ganz an uns selbst liegt, wie wir miteinander umgehen.“

Mehrfach zitiert Obama aus der Bibel, die klar mache, das es nicht auf jede Frage auch Antworten gebe. Schlimme Dinge passieren nun mal, sagt er. „Wenn eine Tragödie wie diese zuschlägt, ist es Teil unserer Natur, nach Erklärungen zu verlangen, zu versuchen, ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen.“ Aber das dürfe nicht als weitere Möglichkeit genutzt werden, sich gegenseitig anzugreifen. „Ich glaube, wir können besser sein.“

Obama, in schwarzem Anzug mit schwarzer Krawatte, nahm sich aber auch Zeit, die Toten zu würdigen. Für jedes einzelne Opfer fand er persönliche Worte. „Unsere Herzen sind gebrochen durch ihren plötzlichen Tod“, sagte er.

Neben Obamas Frau Michelle waren zahlreiche hochrangige US-Politiker bei der Gedenkfeier dabei, darunter Heimatschutzministerin Janet Napolitano und Justizminister Eric Holder. Auch Giffords’ Ehemann, der Nasa-Astronaut Mark Kelly, nahm teil. Bei besonders emotionalen Momenten in Obamas Rede drückten ihm die First Lady und Napolitano ganz fest die Hände.

Zuvor hatten Obama und seine Frau Giffords und weitere bei dem Anschlag Verletzte im Krankenhaus besucht. Der Zustand der 40-Jährigen hat sich deutlich verbessert. Sie habe erstmals seit dem Attentat ihre Augen geöffnet, sagte der Präsident unter großem Jubel der Anwesenden. „Sie weiß, dass wir hier sind und sie weiß, dass wir sie lieben und sie weiß, dass wir sie anfeuern werden auf ihrem schwierigen Weg.“

Das Repräsentantenhaus in Washington traf unterdessen am Mittwoch zu einer Sondersitzung zusammen und verabschiedete einmütig eine Resolution gegen die Gewalttat. Die Sitzung war streckenweise hochemotional. „Unsere Herzen sind gebrochen, aber unser Geist ist es nicht“, sagte der Präsident der Kammer, John Boehner, mit Tränen in den Augen. Der republikanische Mehrheitsführer Eric Cantor nannte das Verbrechen eine „Attacke auf den Kern der Demokratie“.

Die Republikanerin Sarah Palin - die Galionsfigur der populistischen Tea-Party-Bewegung - wies derweil in einer Videobotschaft Kritik zurück, durch radikale Rhetorik das politische Klima vergiftet zu haben. „Wir müssen Gewalt verurteilen“, sagte die ehemalige Gouverneurin von Alaska.

dpa

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