Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Obama setzt sich für Homo-Ehen ein
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Obama setzt sich für Homo-Ehen ein
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:00 10.05.2012
Von Stefan Koch
Foto: US-Präsident Barack Obama bei seinem Fernsehinterview bei ABC.
US-Präsident Barack Obama bei seinem Fernsehinterview bei ABC. Quelle: dpa
Anzeige
Washington

Mit dem schlichten Wort „Ehe“ ist eine äußerst heikle E-Mail überschrieben, die das Wahlkampfteam von Barack Obama in der Nacht zum Donnerstag an die engsten Anhänger schickte. Das eigene Lager der Demokraten soll möglichst direkt über den neuen Kurs ihres Favoriten informiert werden: Der Präsident tritt erstmals öffentlich für die Homo-Ehe ein. „Ich denke, dass es gleichgeschlechtlichen Paaren möglich sein sollte zu heiraten“, sagte Obama in einem Interview des US-Senders ABC, das unter den Wahlkämpfern wie eine Bombe einschlägt.

Noch vor wenigen Tagen ließ das Weiße Haus mitteilen, dass sich der Präsident „zurzeit eine Meinung bildet“. Jahrelang hatte Obama zwar gewisse Sympathien für eine solche Gesetzesänderung erkennen lassen, hielt sich aber offiziell bedeckt. Zu sehr gilt die gleichgeschlechtliche Ehe in den Vereinigten Staaten als vermintes Gebiet für Wahlkämpfer.

Ähnlich wie im Streit um Abtreibungen und um Verhütungsmittel gilt die Nation bei der Homo-Ehe als gespalten. Und Obama, der die Präsidentschaftswahl am 6. November nur gewinnen kann, wenn er die Stimmenmehrheit aus der Mitte der Gesellschaft erhält, muss genau abwägen: Viele Angehörige der Lesben- und Schwulenbewegung in den USA wählen ohnehin die Demokraten. Aber mit seiner öffentlichen Positionierung könnte er die liberalen Republikaner vielleicht verschrecken. Doch die genaue Stimmungslage auszuloten in einem Land, das so stark im Umbruch ist wie die USA, dürfte nicht einfach sein. Vor allem das Wahlverhalten der vielen Zuwanderer und all der Menschen, die es in die Metropolen zieht, lässt sich nicht so einfach ergründen.

Dass die amerikanische Gesellschaft aber immer liberaler wird, deuten zumindest die Umfragen an: Nach jüngsten Angaben des „Instituts Pew Research Center“ freunden sich 47 Prozent der Befragten mit der gesetzlichen Gleichstellung von Homo-Ehen an. 43 Prozent würden sich dagegen aussprechen. Noch vor zehn Jahren lag die Zahl der Gegner bei etwa 60 Prozent.

28 Bundesstaaten verbieten Homo-Ehe

Andererseits: In 28 Bundesstaaten ist es nicht erlaubt, dass Frauen Frauen heiraten oder Männer Männer. Gerade erst am Dienstag stimmte die Mehrheit der Wähler von North Carolina für eine Verfassungsänderung, um Homo-Ehen zu untersagen. Und auf Bundesebene gilt die Ehe weiterhin als „Bund zwischen Mann und Frau“ – wobei den einzelnen Staaten eine eigene Rechtsprechung zusteht.

Insgesamt also eine eher undurchsichtige Lage, in der sich Wahlkämpfer eigentlich nicht so gerne festlegen. Doch ausgerechnet Obamas Stellvertreter Joe Biden setzt den obersten Chef unter Druck. Am Wochenende betonte der Vize in einem Fernsehinterview, sich mit Homo-Ehen „wohl“ zu fühlen. Unter Washingtoner Beobachtern werden Biden gewisse Ambitionen nachgesagt, eventuell 2016 selbst für das oberste Staatsamt zu kandidieren. Seine Offensive zugunsten der Lesben- und Schwulenbewegung war von daher vielleicht nicht ganz so zufällig.

Obama hat nun zügig reagiert und verhält sich bei seiner Kurskorrektur durchaus geschickt: Gegenüber den Fernsehjournalisten von ABC hob er hervor, dass er „persönlich“ der Meinung ist, dass auf diesem Gebiet für mehr Gleichberechtigung gesorgt werden sollte. So sei es für seine Kinder Sasha and Malia im Alltag völlig normal, dass einige ihrer Freunde gleichgeschlechtliche Eltern haben: „Es gab Zeiten, in denen wir am Esstisch saßen und uns über ihre Freunde und deren Eltern unterhielten. Und Malia und Sasha konnten einfach nicht nachvollziehen, warum die Eltern ihrer Freunde anders behandelt werden sollten“, sagte Obama. „Es macht für sie einfach keinen Sinn und offen gesagt, das ist die Art und Weise, wie man eine neue Sichtweise gewinnt.“

Mit dem Hinweis auf sein persönliches Umfeld deutet Obama auch auf eine Gesetzeslage hin, die sich deutlich vom alten Kontinent unterscheidet: So ist es im Gegensatz zu Deutschland in den USA erlaubt, dass lesbische Paare mit Hilfe von Samenbanken Kinder bekommen und gemeinsam großziehen – wobei die Samenspender ein Leben lang anonym bleiben. Dass in liberalen Regionen wie Washington/DC solche Familien häufig anzutreffen sind, zeigen die gegenwärtigen Debatten an einigen Schulen. So fordern in diesen Tagen gleichgeschlechtliche Eltern an der Oyster-Adams School, die im Zentrum der amerikanischen Hauptstadt liegt, dass am kommenden Wochenende nicht „Muttertag“, sondern „Elterntag“ gefeiert wird.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

10.05.2012
Deutschland / Welt Land rutscht tiefer in Bürgerkrieg - 70 Tote bei Anschlag in Syrien
10.05.2012