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Deutschland / Welt Obama verteidigt den Krieg in Afghanistan
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Obama verteidigt den Krieg in Afghanistan
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22:47 10.12.2009
Der Vorsitzende des Nobel-Komitees, Thorbjörn Jagland,  überreicht US-Präsident Barack Obama den Friedensnobelpreis.
Der Vorsitzende des Nobel-Komitees, Thorbjörn Jagland, überreicht US-Präsident Barack Obama den Friedensnobelpreis. Quelle: afp
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Der Nobelpreis lässt auch den mächtigsten Mann der Welt nicht unberührt. Deutlich bewegt, mit erst ernstem, dann immer strahlenderem Lächeln stand Barack Obama im mit 13 000 Nelken geschmückten Festsaal im Rathaus von Oslo, hielt sich an seinem Diplom fest und nahm die Ovationen seiner Zuhörer entgegen. Demütig dankte er für den Preis, den „andere mehr verdient hätten“ und für den er, verglichen mit „Giganten wie Schweitzer und King, Marshall und Mandela“, die ihn früher bekamen, erst wenig geleistet habe. Langsam nur wich die Spannung aus seinem Gesicht. Da hatte er eine der schwierigsten Reden seiner Karriere gehalten: plausibel zu machen, dass „ich, der Oberbefehlshaber einer Nation, die in zwei Kriegen steckt“, den prestigeträchtigsten Friedenspreis erhalten kann. Doch er wäre nicht Barack Obama, hätte er diese Aufgabe nicht voll rhetorischer Brillanz erledigt.

Er hätte es sich leicht machen und seine Vision von der atomwaffenfreien Welt in den Vordergrund stellen können, oder den „Start“-Vertrag über die strategische Abrüstung, über den sich Washington und Moskau weitgehend einig sind. Doch das wäre zu einfach gewesen für einen US-Präsidenten, der erst in der Vorwoche beschloss, 34 000 weitere Soldaten nach Afghanistan zu schicken. „Wir sind im Krieg, ich bin verantwortlich für die Entsendung Tausender junger Amerikaner, manche werden töten, manche werden getötet werden.“ Das waren ungewöhnliche Sätze eines Friedenspreisträgers. Doch Obamas Botschaft lautete: Krieg kann notwendig sein. „Ohne Gewalt hätte man Hitlers Armeen nicht gestoppt, und Verhandlungen bringen die Führer von Al Qaida nicht dazu, die Waffen niederzulegen.“

„Die Instrumente des Krieges spielen ihre Rolle bei der Erhaltung des Friedens.“ Klang das mehr nach George Bush als nach Barack Obama? Die Fortsetzung tat es nicht mehr. Alle Nationen, stark oder schwach, müssten bei der Machtanwendung denselben internationalen Standards folgen, und die USA könnten nicht von anderen verlangen, die Regeln einzuhalten, wenn sie es selbst nicht tun. „Deshalb habe ich Folter verboten, deshalb habe ich die Schließung von Guantanamo angeordnet, deshalb habe ich unser Bekenntnis zur Genfer Konvention bekräftigt“, sagte Obama und setzte fort, von Beifall unterbrochen: „Wir verlieren uns selbst, wenn wir bei den Idealen, für die wir kämpfen, auf Kompromisskurs gehen.“

Eine Lösung für die Probleme des Krieges habe er nicht. Doch Obama wies Wege für „gerechten und dauerhaften Frieden“: Alternativen zur Gewalt, um mit Unrechtsstaaten umzugehen, Sanktionen, die einen „wahren Preis“ haben. „Wer Frieden will, kann nicht tatenlos zusehen, wie sich andere Staaten für einen Atomkrieg rüsten.“ Dasselbe Prinzip müsse gegenüber Regimen gelten, die ihre eigenen Völker unterjochen. „Es muss Konsequenzen geben.“ Nur unter Berücksichtigung von Rechten und der Würde jedes Menschen sei dauerhafter Frieden möglich. Das gelte nicht nur für zivile und politische, sondern auch für wirtschaftliche Sicherheit: „Wahrer Friede ist nicht nur Freiheit von Furcht, sondern auch Freiheit von Mangel“, und wo Hoffnung fehle, verrotte eine Gesellschaft von innen.

Die Gewaltlosigkeit von Männern wie Mahatma Gandhi und Martin Luther King möge nicht immer praktizierbar sein. „Aber die Liebe, die sie predigten, und ihr Glaube in menschlichen Fortschritt müssen immer unser Leitstern sein. Wenn wir diesen Glauben verlieren, verlieren wir unseren moralischen Kompass.“ Da erhoben sich die tausend Geladenen im Rathaus und huldigten ihm, länger und inniger, als man dies auf Nobelfesten gewohnt ist. Da war nichts mehr von der Skepsis zu spüren, die diese Preisverleihung begleitet hatte, seit der Komiteevorsitzende Thorbjörn Jagland vor zwei Monaten zur Verblüffung aller den US-Präsidenten benannt hatte.

Obama? Wofür denn? So hatte es gelautet und kritische Kommentare gehagelt. Auch noch am Tag der Ehrung waren auf Oslos Flaniermeile Karl Johan die Meinungen geteilt. Eine Gruppe Jugendlicher, auf dem Weg zum Rathaus, um einen Blick auf den hohen Gast zu erheischen, kam ins Streiten: „Ein Mann, der zwei Kriege führt, kann keinen Friedenspreis bekommen“, war Astrid überzeugt. „Aber er will doch abrüsten“, wandte Siri ein, „denkt zurück, wie es unter Bush war!“ „Man hätte abwarten sollen, was er erreicht“, sagte Anders, „in zwei Jahren wäre es immer noch früh genug gewesen.“

Die Stimmung ist typisch. In den USA meint nur jeder Vierte, dass Obama den Preis verdient hat, und selbst in Norwegen, dem Heimatland des Preises, sind es nur 35 Prozent. Irgendwie ist es paradox: Da hat man den weltweit populärsten US-Präsidenten seit John F. Kennedy. Doch die Auszeichnung für ihn stößt auf so viel Ablehnung, wie es nicht mal angefeindeten Preisträgern wie Henry Kissinger, Menachem Begin oder Jassir Arafat widerfuhr.

In seiner Rede vor der Preisverleihung bemühte sich Jagland nochmals, die Beweggründe des Nobelkomitees zu erläutern, und da klang es, als sei die Entscheidung die einfachste und logischste der Welt gewesen. „Wer hat denn im vergangenen Jahr am meisten für den Frieden getan? Das musste doch Barack Obama sein.“ Selten, dozierte der Vorsitzende, habe eine Person in diesem Maß die internationale Politik geprägt und in so kurzer Zeit die Initiative für so viele und große Veränderungen ergriffen. Obama tue recht daran, die Auszeichnung als „Aufruf zum Handeln“ zu interpretieren, sagte Jagland. Doch wenn man bei der Würdigung immer erst endgültige Ergebnisse abwarten wolle, verkomme der Nobelpreis von einem „Werkzeug für den Frieden“ zu einem „verspäteten Erledigt-Stempel“.

Von Hannes Gamillscheg