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Deutschland / Welt Obamas Helden sind müde – und seine Gegner hellwach
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Obamas Helden sind müde – und seine Gegner hellwach
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12:26 31.10.2009
US-Präsident Barack Obama Quelle: AFP (Archiv)
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Es ist finster um das Bürgerhaus in dem kleinen, gepflegten Vorort nördlich von Boston. Man muss genau hinschauen, bis man das Obama-Poster erspäht, das allen Interessierten den Weg hierher weisen soll. Am Ende schaffen es doch ein paar Aufrechte in den zu üppig bestuhlten Saal. Doch von 34 Angemeldeten sind dann nur noch 20 Besucher übrig.

Ein Student begrüßt jeden per Handschlag. Der Munterkeit des jungen Mannes, der sich als Obamas Einmannorganisation für Massachusetts vorstellt, tun die spärlich besetzten Reihen keinen Abbruch. „Ich finde es toll, dass ihr unerschrocken durch die Dunkelheit hierhergekommen seid“, sagt John Spears, der nach seinem Engagement für Obamas Wahlkampf nun erneut sein Studium unterbrochen hat: „Ich glaube, dass Menschen wirklich die Welt verändern können. Es klingt kitschig, wenn man das heute sagt. Aber wir haben Enormes erreicht.“

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Mit Hunderten von Helfern hatte er im Jahr 2008 einen konservativen Wahlbezirk in Pennsylvania zugunsten Obamas umgedreht: „Ich habe gesehen wie die Skepsis schwächer wurde, Tür um Tür, Telefonanruf um Telefonanruf.“ Das müsse doch zu wiederholen sein. „Zuhörtour“ nennt sich die alle US-Bundesstaaten durchziehende Kampagne, die den alten Schwung des vergangenen Jahres wieder zurückbringen soll. Alles soll sein wie damals: der Name „Obama für Amerika“, das rot-weiß-blaue Sonnensymbol, die perfekt vernetzte Internetplattform. Doch anstatt aufmerksam zuzuhören, hält Obamas Gesandter erst einmal eine halbe Stunde lang einen ausführlichen Monolog. „Ich will euch anleiten, wie ihr die Agenda des Präsidenten unterstützen könnt“, sagt er. Aber anführen lassen wollen sich die wenigsten. Den meisten ist unklar, was Obamas Agenda eigentlich ist.

Vor einem Jahr konnte Obama Hundertausende mobilisieren, darunter viele, die Politik sonst für ein schmutziges Geschäft halten. Doch für eine Person zu werben ist das eine, politische Kärrnerarbeit das andere. „Yes, he can“ - „Ja, er kann es“, titelt das Nachrichtenmagazin „Newsweek“ zum Jahrestag der Wahl in Anspielung auf Obamas einst so zündende Wahlkampfparole „Yes, we can“. „Aber er hat es noch nicht getan“, steht klein darunter. Der wahre Charakter des Präsidenten stehe im Widerspruch zur Persönlichkeit, die er im Wahlkampf präsentiert habe, schreibt das Nachrichtenmagazin: „In einem politischen System, das nur winzige Fortschritte ermöglicht, ist Obama der Mann der Trippelschritte.“

Doch die jungen Menschen, die 2008 noch seine Graswurzelkampagne dominiert haben, hatten ihn nicht dafür gewählt. Die Gesundheitsreform, das Herzstück von Obamas Agenda, quält sich durch den Kongress. Der Klimaschutz stockt. Der Termin zur Schließung von Guantanamo wackelt. Es gibt weder eine Reform der Finanzmärkte noch einen klaren Kurs in Afghanistan. „Wenn Republikaner und ältere Wähler wütend werden, dann gehen sie wählen“, sagt die für die Demokraten arbeitende Meinungsforscherin Celinda Lake: „Wenn jüngere Wähler wütend werden, dann bleiben sie zu Hause.“

Der Altersschnitt in dem kleinen Saal in Massachusetts liegt weit jenseits der fünfzig. Viele sind gestandene demokratische Parteimitglieder. Doch selbst sie haben in den Windungen der Gesundheitsreform den Überblick verloren. Obamas Gegner haben es einfacher: Das Nein reicht. Vier zu eins gegen die Reform sei die Quote der Anrufe bei den demokratischen Kongressabgeordneten selbst im liberalen Massachusetts, berichtet Obama-Helfer Spears: „Unsere Abgeordneten wissen, dass wohl die Mehrheit ihrer Wähler sie unterstützt. Aber sie hören nicht von ihnen. Sie brauchen unseren Rückhalt, um einen Knopf dranzumachen.“

Doch das ist leichter gesagt als getan. Eineinhalb Stunden lang reden sie aneinander vorbei, die zweifelnden Bürger und der enthusiastische Einpeitscher. „Der Teufel steckt im Detail“, sagt eine Frau, die sich der Runde als Buchhalterin vorstellt. „Die Leute sind skeptisch. Ich bin es auch – und ich unterstütze doch die Gesundheitsreform. Wenn du in die Details gehst, dann siehst du, wie schon wieder die Interessengruppen um ihren Anteil am Kuchen kämpfen.“ Der Mann von „Obama für Amerika“, der nur Freiwillige rekrutieren wollte, soll erklären, was sein Präsident genau vorhabe. Er muss passen.

„Wenn alle eine Versicherung bekommen, muss ich dann fünfeinhalb Monate warten, bis ich bei meinem Hausarzt einen Termin bekomme?“, fragt ein älterer Mann. „Gute Frage. Gute Frage“, erwidert Obamas wackerer Kämpfer. Ob man sich nicht dennoch auf einigen Formularen für ein paar der politischen Aktionen melden könne? „Ich tue das doch. Ich tue das alles“, sagt ungeduldig eine Frau in der ersten Reihe. Aber wo sei Obama gewesen, als die Hasskampagne gegen ihn begonnen habe? „Du fühlst dich durch all das Geplappere von Obamas Feinden überwältigt. Du willst sie am liebsten umbringen. Du willst, dass Obamas Todesschwadrone ausschwärmen, dass sie endlich kämpfen!“

Der Schrecken ist Spears ins Gesicht geschrieben. Absolute Kontrolle der Botschaft ist Obamas Prinzip. Das ging zu Anfang der „Zuhörtour“ sogar so weit, dass man auf einigen Veranstaltungen die Presse hinauswarf – mit dem Ergebnis, dass nun kaum über die Kampagne berichtet wird. „Aber bitte! Ich möchte klarstellen: Wir haben keine Todesschwadrone“, sagt Spears todernst – und erntet Gelächter. „Aber wir könnten sie gebrauchen“, ruft ein Mann aus den hinteren Reihen ihm zu.

Dass Obama immer noch ganz enorme Leidenschaften entfacht, ist anderswo zu besichtigen. Auf den ersten Blick ist die Szene ein paar Hundert Kilometer südlich fast identisch: Das abgelegene Hinterzimmer, das Publikum aus rüstigen Rentnern und der eifrige, für die Organisation zuständige Student, der die Rettung des Vaterlandes zu seiner Mission gemacht hat. Doch hier in Rockville, einem Vorort von Washington, werden die Stühle knapp. Die „Amerikaner für den Wohlstand“, die sich hier erst das zweite Mal treffen, bersten vor Energie. Sie sind eine der nach Obamas Wahl wie Pilze aus dem Boden geschossenen Gruppen mit Namen wie „Patriotischer Widerstand“ oder „Tee Party Patrioten“.

Sogar die Republikaner sind von deren Aggressivität und Schwung überrollt worden. Demonstrationen, Telefonaktionen und Klinkenputzen bei Abgeordneten gehören zum Arsenal. „Da kommt die Frau, die das letzte Mal zum bewaffneten Widerstand aufgerufen hat“, sagt einer der älteren Herren, als eine grauhaarige Dame an der Tür auftaucht. „Pst“, sagt der junge Organisator Nick Loffer, der um alles in der Welt den Eindruck vermeiden will, hier seien Fanatiker am Werk. Feierlich stehen alle auf, um mit der Hand auf dem Herzen den Treueid auf die USA, den „Pledge of Allegiance“, zu sprechen. „Das nächste Mal bringe ich eine Fahne“, sagt ein Teilnehmer.

Loffer kommt nach seiner Einleitung kaum ein paar Sätze weit, als ihn eine Frau zurechtweist: „Nicht so defätistisch, junger Mann“, erwidert sie auf seine These, dass im demokratischen Bundesstaat Maryland die Kongressabgeordneten kaum gegen Obama zu mobilisieren seien. Das Publikum will den Aufstand gegen den angeblichen Sozialisten im Weißen Haus – und zwar sofort.

Die „Americans for Prosperity“ gehören noch zu den gemäßigten Anti-Obama-Gruppen. Hier hält man sich aus der Werteschlacht um Abtreibung und Schwulenehe heraus und konzentriert sich auf Wirtschafts- und Finanzpolitik. In Rockville hat man binnen Wochen eine Dynamik erreicht, um die „Obama für Amerika“ mühsam kämpft. „Wir haben enorm viel von der Obama-Wahlkampagne gelernt, die ich für die bestorganisierte aller Zeiten halte“, sagt Loffer. Dem Präsidenten ist es ein Jahr nach seiner Wahl tatsächlich gelungen, eine leidenschaftliche, gegen das Washingtoner Establishment gerichtete und auf den Wandel setzende Graswurzelbewegung anzustoßen. Doch sie sieht die größte Gefahr für die Zukunft des Landes – in ihm selbst.

von Andreas Geldner