Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Organspende-Skandal erschüttert das Vertrauen
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Organspende-Skandal erschüttert das Vertrauen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:46 22.07.2012
Politiker und Ärzte fordern nach Manipulation von Patientendaten an Göttinger Uni-Klinik schärfere Kontrolle. Quelle: dpa
Anzeige
Göttingen

Was bislang bestenfalls in Russland, China oder Indien denkbar schien, beschäftigt nun die Braunschweiger Staatsanwaltschaft – und löst in den Medien eine Welle der Empörung aus. Der Oberarzt Aiman O. soll in mindestens 25 Fällen Patientendaten manipuliert haben, damit die Kranken auf der Warteliste nach oben rutschten. Mediziner, Verbände und Politiker riefen am Wochenende nach schärferen Kontrollen und drastischeren Strafen.

Der Verdächtige selbst schweigt zu den Vorwürfen. Er habe sich einen Verteidiger genommen und die Möglichkeit, sich zu äußern, bislang nicht genutzt, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Braunschweig am Sonntag. Der Uni-Klinik zufolge hat der Arzt die Vorwürfe nie zugegeben. Auch gebe es bislang keinerlei Belege für eine Geldzahlung.

Anzeige

Allerdings bestätigt Kliniksprecher Stefan Weller ein anderes mögliches Motiv für die von Aiman O. vorgenommenen Manipulationen. Der Oberarzt hatte einen leistungsabhängigen Gehaltsvertrag gehabt – eine Zielvereinbarung, wie sie bei Führungskräften heute Standard sei, sagt Weller. Je mehr Transplantationen er durchführte, desto mehr Gehalt erhielt er. Zuletzt kam Aiman O. auf 50 Leberverpflanzungen pro Jahr, ein Spitzenwert in Deutschland. Die Uniklinik, die um ihren guten Ruf bangt, weist die Gleichung mehr OPs – mehr Geld zurück. Das sei „ein schwaches Motiv“, denn Oberärzte verdienten sehr gut, sagt Weller. Zudem sei die Leistungskomponente des Vertrages nie zum Tragen gekommen.

Aiman O., das stellte sich inzwischen heraus, war allerdings kein unbeschriebenes Blatt. Schon in der Vergangenheit war bereits gegen den Arzt ermittelt worden, weil er eine für das Klinikum Regensburg vorgesehene Spenderleber nach Jordanien brachte. Das Göttinger Klinikum hat nach eigenen Angaben davon nichts gewusst. „Das war weder aus den Zeugnissen noch sonstwie erkennbar“, hieß es. Die Klinik habe nach ersten Verdachtsmomenten schnell reagiert und den Arzt suspendiert.

Ein Betrug dieses Ausmaßes lässt Experten Böses ahnen. Möglicherweise sind die Dimensionen viel größer als das, was öffentlich bekannt wurde. Nach Aussagen eines Vorstandsmitglieds der Klinik ist es „unwahrscheinlich“, dass der Arzt einziger Beteiligter der Manipulationen war. „Theoretisch wären die Akten von einer Person manipulierbar gewesen“, sagte Klinik-Vorstand Martin Siess. „Das ist allerdings höchst unwahrscheinlich.“ Ebenso unwahrscheinlich sei es aber, „dass es viele waren, die manipuliert haben“.

Gesundheitsministerium, Politiker und Ärztevertreter rufen nun nach strengeren Kontrollen und harten Strafen. „Da müssen dann halt auch mal Approbationen entzogen werden“, fordert der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn. Von der Ärztekammer und der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) erwarte die Politik, „dass sie endlich durchgreifen und Abläufe transparent machen“. Andernfalls sei diesen Organisationen die Kontrolle zu entziehen.

Für die deutschen Spitzengremien der Transplantationsmedizin lagen derartige Machenschaften bislang außerhalb ihrer Vorstellungskraft. „Wir haben bei den Daten keinen größeren Kontrollbedarf gesehen, weil wir unter Kollegen absolut nicht mit so etwas gerechnet haben“, räumt Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer ein. Das Vertrauen ist nun passé. Lilie plädierte für die Einführung des Vieraugenprinzips bei der Übermittelung der Daten, die Eurotransplant geschickt werden.

Viele halten das nicht für ausreichend. Schon seit Längerem gibt es Vorwürfe von Juristen, dass die Aufsicht in der Transplantationsmedizin zu kurz komme. Dass bestimmte Patienten, die mit Geld winken, bevorzugt behandelt werden, sei als Fall nicht neu, sagte etwa der Kölner Staatsrechtler Wolfram Höfling, der auch Mitglied des Ethikrates ist, der „Stuttgarter Zeitung“. Bislang habe der Bundestag nicht den politischen Willen gezeigt, die Aufsicht in diesem Bereich zu stärken. Höfling beklagt seit Längerem, dass „unzureichend legitimierte Akteure“ wie die Bundesärztekammer, die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) und Eurotransplant auf der Grundlage eines „verfassungsrechtlich zweifelhaften Todeskonzepts“ Entscheidungen über Leben und Tod träfen.

Der Göttinger Fall zeigt, wie intransparent das System ist. Gegen die DSO, den zentralen Akteur bei Organspenden, wurden jüngst heftige Vorwürfe erhoben. Die Rede war von Vetternwirtschaft und Verschwendung von Kassengeldern. Die Stiftung übe moralischen Druck auf Angehörige aus und sei selbst schuld am Spenderrückgang, sagen Kritiker.

Der kaufmännische Vorstand wurde ausgewechselt, doch an den Strukturen hat sich nichts geändert. Der neue DSO-Vorstand Günter Kirste sieht keine Fehler im System. Er spricht von einem „Einzelfall“, von dem sich die Bürger nicht verunsichern lassen sollten. Das tut auch Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), der befürchtet, dass die in Deutschland ohnehin recht geringen Spenderzahlen durch die Verunsicherung weiter zurückgehen. Bahr appellierte an die Bürger, aus den Vorwürfen keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. „Die Organspende rettet Leben“, betonte Bahr. Zugleich forderte der Minister aber „bessere Verfahrensregeln“ bei Organtransplantationen.

Wie die aussehen könnten, ist für die  Deutsche Hospiz-Stiftung klar. Die Organspende gehöre in staatliche Hände, forderte ein Sprecher. Sonst würden die Menschen dem System nicht vertrauen.

___________________________________________________

Nachgefragt
Interview mit Aygül Özkan, niedersächsische Sozialministerin

Frau Özkan, der Organspende-Skandal in Göttingen zeigt, dass es im Transplantations­wesen nicht immer mit rechten Dingen zugeht. Glauben Sie an einen Einzelfall, oder gibt es Fehler im gesamten System?
Zunächst muss ich sagen: Das niedersächsische Sozialministerium hat keine Rechtsaufsicht über die Uni-Klinik Göttingen. Ich gehe derzeit jedoch von einem Einzelfall aus. Aber ich bin bestürzt, dass das System, das ja von Vertrauen und Transparenz lebt, so beschädigt worden ist. Wir sollten alles tun, um solche Fälle zu verhindern. Aber gegen die kriminelle Energie Einzelner ist man nie vollständig gefeit.

Wo müsste man ansetzen, um das System sicherer zu machen?
Wir brauchen in den Richtlinien der Bundesärztekammer für die Wartelistenführung und Organvermittlung noch intensivere Kontrollmechanismen, um zu verhindern, dass Einzelne die Regelungen umgehen. Derzeit ist nur der behandelnde Arzt für die Dokumentation der Gründe für die Aufnahme in die Warteliste zuständig. Hier könnte man durch die Verpflichtung zur Hinzuziehung einer zweiten Person eine größere Sicherheit vor unrichtigen Einträgen schaffen. Das Vieraugenprinzip erscheint mir in diesem hochsensiblen Bereich nötig.

Befürchten Sie jetzt einen Einbruch der Spenden?
Das hoffen wir nicht. In Niedersachsen konnten wir vom ersten Halbjahr 2011 bis zum 1. Halbjahr 2012 gerade einen leichten Anstieg der gespendeten Organe verzeichnen. Da wirkt sich ein solcher Betrugsfall leider in hohem Maße kontraproduktiv aus. Denn schon der leichte Anschein von Unregelmäßigkeiten kann eine Spendeentscheidung ins Wanken bringen. Gerade hat die Bundesregierung eine Regelung zur Verbesserung der Spendebereitschaft auf den Weg gebracht. Ich hoffe, dass die Menschen weiterhin erkennen, wie wichtig und sinnvoll es ist,  mit einer Organspende andere Leben zu retten. Sie sollten sich nicht verunsichern lassen durch den Fall.

Margit Kautenburger und und Jürgen Gückel