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Deutschland / Welt Orthodoxe sagen Treffen wegen Käßmann-Wahl ab
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Orthodoxe sagen Treffen wegen Käßmann-Wahl ab
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22:13 13.11.2009
Von Michael B. Berger
Begegnet der russischen Orthodoxie mit Dialogbereitschaft: Margot Käßmann. Quelle: ddp
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Die Aussöhnung mit dem Osten war nach dem Zweiten Weltkrieg eines der zentralen Anliegen eines Gesprächsforums zwischen der Russisch-Orthodoxen und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Doch vierzehn Tage nachdem die Hannoveranerin Margot Käßmann in Ulm zur neuen Vorsitzenden des Rates der EKD gekürt worden ist, weht ein eher kalter Hauch aus Moskau nach Deutschland hinein. Das Treffen mit den Orthodoxen, das in diesem Jahr zum 50. Mal stattgefunden hätte, ist gestern von Hannover aus abgesagt worden. Zuvor hatte der russische Erzbischof Hilarion erklärt, dass er ohnehin nicht kommen und man diese Art des Dialogs beenden werde. Die Begründung indes kam in Hannover nicht so gut an.

So wird in Hannover als unhöflicher Akt gewertet, dass ranghohe orthodoxe Geistliche die Wahl Käßmanns kritisierten und schlankweg erklärten, eine Frau zur Bischöfin zu machen, widerspreche evangelischen Prinzipien. „Mit Verwunderung und großem Unverständnis“ nahmen sowohl Käßmann wie auch der Auslandsbischof der EKD, Martin Schindehütte, zur Kenntnis, dass die Wahlen der EKD-Synode in Ulm in „unangemessener Weise“ kommentiert worden seien. Man bedauere die neue Entwicklung sehr, schrieben die beiden an den Moskauer Patriarchen Kyrill I., während konservative evangelische Christen in Deutschland flugs erklärten, sie sähen jetzt ihre schlimmen Befürchtungen bestätigt. Denn Käßmanns Wahl sei ein weiterer „Sieg der liberalen, feministisch-ideologischen Strömung“, erklärte gestern der Vorsitzende der konservativen Konferenz Bekennender Gemeinschaften in Deutschland, Ulrich Rüß.

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Dass die Russen mit ihren unfreundlichen Äußerungen über Bande spielen, glauben auch Orthodoxie-Experten in Hannover. So empfindet EKD-Oberkirchenrat Johann Schneider den überraschend kalten Hauch aus Moskau eher als diplomatischen Wind vor der Hoftür. „Das ist eine innerrussische Diskussion, die auf in Deutschland lebende Migranten abzielt.“ Denn immerhin lebten in Deutschland mehr als eine Million russisch-sprachige Einwanderer, um die gerade die orthodoxe Kirche werbe. „Das sind meist eher kirchenferne, aber gleichzeitig sehr konservative Mitbürger, zum Teil sind auch Menschen mit lutherischer Herkunft darunter, an denen die Orthodoxen ein missionarisches Interesse haben.“ Und in diesem sehr konservativen russisch-sprachigen Diaspora-Milieu könne man sich der Zustimmung sicher sein, wenn über die Ordination von Frauen aufs Pfarramt geklagt werde oder gar über die Wahl einer Bischöfin zur EKD-Chefin.

Orthodoxie-Experte Schneider glaubt indes nicht, dass nach Absage des russisch-deutschen Forums nun eine kirchenpolitische Eiszeit droht. Schließlich hätten der Petersburger Metropolit auch die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen freundlich empfangen, als die in Petersburg zur Besuch war. Erzbischof Hilarion, der das Treffen abgesagt habe, gelte als Freigeist, der gerne gegen den Stachel löcke.

Käßmann selbst verzichtete am Freitag auf eine weitere Stellungnahme. Sie hatte erklärt, dass das Wesen der Ökumene gerade darin bestehe, trotz eines unterschiedlichen Kirchen- und Amtsverständnisses miteinander zu reden. Schließlich hätte der Apostel Paulus allen Christen auf den Weg gegeben: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe.“