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21:11 26.01.2014
„Unser schlechter Ruf ärgert mich maßlos“: AfD-Delegierte am Wochenende bei dem Bundesparteitag in Aschaffenburg. Quelle: dpa
Aschaffenburg

Der Saal jubelt, als hätten sie die Europawahl bereits gewonnen. Bernd Lucke steht in der Frankenstolz Arena im bayerischen Aschaffenburg und winkt den mehr als 300 Delegierten des Bundesparteitages der Alternative für Deutschland zu. Eigentlich ist der Chef der Euro-Kritiker in seiner Begrüßungsrede erst bei der Hälfte angelangt. Er hat seine Partei auf den anstehenden Europawahlkampf Ende Mai eingeschworen, hat gegen die „Altparteienallianz“ aus Union, SPD, Grünen und FDP gewettert und die Euro-Rettungsmechanismen als undemokratisch kritisiert. Aber was die Parteimitglieder nun auf der Leinwand sehen, scheint sie zu elektrisieren. „Mut für D-EU-tschland“ steht dort groß auf europablauem Grund, das „EU“ ist mit gelben Sternchen umrandet. Es ist der neue, doppelzüngige Slogan der Euro-Kritiker für die Europawahl.

Mut für Deutschland – das ist gerade für eine deutsche Partei bei einer Europawahl schon eine Ansage. Der Parteichef ahnt, dass der Slogan trotz der grafischen Berücksichtigung der EU provozieren wird. „Mit dieser politischen Botschaft werden wir im Europawahlkampf den heftigsten Anfeindungen ausgesetzt sein“, sagt Lucke – und bringt seine Partei in Stellung. Alle Parteien würden im Wahlkampf auf die „arme kleine AfD“ eindreschen. Die Partei müsse sich einem  Kampf stellen: „David gegen Goliath.“

Aber für was kämpft denn die AfD eigentlich, der gerade in einer Emnid-Umfrage zur EU-Wahl sieben Prozent der Stimmen vorhergesagt werden? Und vor allem: Für wen? Diese Fragen begleiten die Alternative für Deutschland nun schon seit ihrer Gründung vor knapp einem Jahr. Die einen sehen in ihr eine rechtspopulistische Protestpartei, die Stimmung gegen Zuwanderung und Euro-Rettung macht. Eine Ansammlung von Querulanten, Radikalen und ganz allgemein Menschen, die das Gefühl haben, das System sei korrumpiert. In Hessen etwa mussten Anfang des Jahres Schatzmeister Peter Ziemann und Landeschef Volker Bartz nach nur zwei Wochen ihr Amt wieder räumen. Ziemann hatte im Internet vor „satanistischen Elementen der Finanzoligopole“ gewarnt, „die wie Zecken das Blut der Völker aussaugen und die Körper mit tödlichen Bakterien verseuchen“.

Doch das war immer nur die eine Seite. Denn hartnäckig hält sich auch das andere Bild: Von angesehenen Wissenschaftlern, Juristen, Unternehmern, die nach den teils abenteuerlichen Rettungsaktionen rund um den Euro nicht länger zusehen wollen, wie dem gemeinsamen Währungsraum immer wieder ökonomische Grundprinzipien geopfert werden. Von Bürgern mit „ordentlichem zivilen Beruf“, wie auf dem Parteitag oft betont wird, die den von Parteiregie abhängigen Berufspolitikern nicht länger das Feld überlassen wollen.

Aber wie passt das zusammen? Oder passt das gar nicht zusammen? Spielen die frommen AfD-Professoren mit rechten Ressentiments, um ihre Wählerbasis rechts der CDU zu verbreitern? Oder ist der allseits beklagte Rechtspopulismus der AfD ein Missverständnis, ausgelöst durch ein paar Querschläger, die es jeder neuen Partei schwer machen?

Wer die Delegierten fragt, warum das Bild der AfD in der Öffentlichkeit so miserabel ist, erhält als Antwort eine deftige Medienschelte. Von Redakteuren, die nicht das schreiben oder senden dürften, was sie wollten, ist die Rede, von missgünstigen Konzernen und anderem Hokuspokus. Oft allerdings folgt aber auch Nachdenkliches. „Ich muss mich in der eigenen Familie anfeinden lassen, weil ich zur AfD gehe“, sagt etwa die Münchener Delegierte Marion Bopp. „Die denken, ich bin plötzlich rechtsradikal.“ Dabei seien sie und ihre Parteikollegen gewiss keine Nazis. „Stilblüten“ – so nennt sie die radikalen Äußerungen – gebe es in jeder Partei. „Gehen Sie mal zur CSU“, rät die Münchenerin. Und was treibt sie an, warum ist sie bei der AfD? „Ich habe Angst um den sozialen Frieden.“

Auch Hermann Behrendt hält rechtsradikale Entgleisungen für Einzelfälle. „Die werden nach und nach merken, dass sie bei uns falsch sind“, sagt der stellvertretende Landessprecher in Nordrhein-Westfalen. Das sei ein normaler Prozess in einer jungen Partei. Dennoch lässt ihn die Kritik nicht kalt. „Unser schlechter Ruf ärgert mich maßlos – und die Tölpelei einzelner Leute auch.“ Man solle endlich über die Inhalte berichten. „Das ist spannend. Da passiert gerade richtig viel.“
Vielleicht hat er damit ­sogar recht. Denn während die Republik über die Rechtstendenzen der AfD debattiert, arbeitet die Partei seit Monaten daran, sich inhaltlich breiter aufzustellen. Mit Mitgliederbefragungen und Programmkommissionen wollen sich die Euro-Kritiker im Schnelldurchlauf von der Ein-Thema-Partei zur gesellschaftskritischen Kraft rechts der Union etablieren. Das Euro-Thema allein, aber auch die Kritik an EU-Institutionen, hat offenbar selbst in den Augen der Euro-Kritiker nicht mehr ausreichend Zugkraft.

In einem Positionspapier der Programmkommission, das erstmals auf dem Parteitag vorgestellt wurde, wagt sich die AfD auch auf Euro-ferne Gebiete – von der Verringerung des Einsatzes von Pestiziden in der Landwirtschaft über eine strikte Begrenzung der Zuwanderung auf Fachkräfte bis zur Erweiterung des Postgeheimnisses auf das Internet und der Abschaffung von Subventionen. Vieles davon wird sich im Wahlprogramm für die Europawahl wiederfinden. Die ausdrückliche Forderung, Deutschland solle aus dem Euro aussteigen, ist hingegen in dem Entwurf nicht zu finden. Doch die Neuausrichtung ist riskant. Für welche Linie steht die AfD denn eigentlich jenseits ihrer Kritik an der Euro-Rettung? Ist die Partei konservativ? Oder liberal, wie eine alternative „AFDP“? Oder wabern die Debatten am Ende doch ins Deutsch-Nationale?

Partei-Mitgründer Alexander Gauland sieht zwei große Stränge: auf der einen Seite die volkswirtschaftlich geschulten Wirtschaftsliberalen, Professoren und enttäuschte FDP-Anhänger; auf der anderen Seite konservative Protestwähler, „denen das Laissez-faire der modernen Gesellschaft viel zu weit geht, die Werte und Haltungen vermissen, die bei ihren Eltern und Großeltern noch selbstverständlich waren“. Auf den Delegiertenplätzen im Saal sitzen jedenfalls deutlich mehr Anzugträger als Senioren mit Schirmmützen.

In den Redebeiträgen betonen viele Delegierte ihre akademischen Titel und wirtschaftswissenschaftliche Expertise. Rein optisch haben die Professoralen unter den Delegierten die Überhand. Doch auch in manchem Wissenschaftler steckt ein Wutbürger. Vielen Reden wohnt jener „Das wird man doch noch sagen dürfen“-Duktus inne, den Populisten gern bemühen. „Zuwanderung hört da auf, wo die Identität einer Nation gefährdet ist“, sagt ein Bewerber um einen vorderen Listenplatz. Ein anderer betont bei seiner Vorstellung, er sei heterosexuell, seit 25 Jahren verheiratet und habe acht Kinder – und erhält dafür lauten Applaus, als habe er Deutschland persönlich gerettet. Ein anderer sieht sich mit einem Konglomerat von „Berufseuropäern“ konfrontiert, denen „der kleine Mann“ egal sei. 

Die da oben, wir da unten – das alles ist der Parteiführung nicht unlieb. Die Europawahl gilt als schicksalshaft für die AfD. Wenn sie es nicht schafft, sich breit aufzustellen und die Drei-Prozent-Hürde zu überspringen, droht der Zerfall. Auch für die anstehenden Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg wäre ein Erfolg wichtig.

In der „Jungen Freiheit“ warb Lucke deshalb vor einigen Tagen um die Wertkonservativen. Sie seien „sehr willkommen und eine Bereicherung“. Der hannoversche Delegierte Matthias Dorn, der an dem neuen Programm mitarbeitet, sieht darin eine Chance. „Merkels CDU ist so weit nach links gerückt, dass es eine Lücke gibt rechts von der Union.“ Es sei in Ordnung, wenn diese Menschen eine neue Heimat in der AfD fänden, sagt der stellvertretende niedersächsische Landeschef. „Extremisten werden mit der Zeit merken, dass das nicht ihre Partei ist.“

Doch der Grat ist schmal. Lucke weiß, dass er bei allen rechtskonservativen Avancen, die ihm keineswegs fremd sind, aufpassen muss, die bürgerlichen AfD-Anhänger nicht zu vergraulen. Dabei helfen soll ein Mann, der seit Jahrzehnten in den Talkshows dieser Republik und damit ja irgendwie auch in jedem Wohnzimmer zu Hause ist. Hans-Olaf Henkel, einst Vorsitzender des Industrieverbandes BDI, ließ sich am Wochenende auf den Listenplatz zwei der Kandidatenliste fürs EU-Parlament wählen. Er fühle sich sehr wohl bei der Partei, sagt er in seiner kurzen Rede. „Ich habe nie einen einzigen Verrückten, Neonazi oder Spinner in der Partei gesehen“. Im Gegenteil: Er kenne keine Partei, in der „das Bildungsniveau so hoch ist wie bei der AfD“.

Auch Lucke betont, dass er seine Partei nicht in der Tradition teils offen fremdenfeindlicher Rechtspopulisten in Europa sehe. Eine Allianz mit der französischen Front National Marine Le Pens oder der niederländischen Partei der Freiheit von Geert Wilders strebe die AfD nicht an, sagt er. Der Saal applaudiert – und doch gibt es Nachfragen. Ob man nicht mit der britischen Ukip-Partei, die mit harten Worten gegen Zuwanderer und die EU zur in Umfragen beliebtesten Partei der Insel aufgestiegen ist, eine Allianz anstreben solle, fragt einer – und bekommt ebenso heftigen Applaus. Lucke legt dar, dass ihm nicht wohl sei bei deren teils fremdenfeindlichem Ton.

Henkel allerdings sieht die Sache nicht ganz so eng. Das müssten im Falle eines Einzugs ins EU-Parlament die Abgeordneten entscheiden, erklärt er. Man müsse bedenken: „Wir brauchen in Brüssel Allianzen.“ Die Suche der AfD geht weiter.

Von Dirk Schmaler

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